Osterglaube konkret

Der Dichter Ernst Wiechert schreibt einmal: "Mitunter, wenn ich mit Vorstellungen spiele, denke ich mir, daß jedes Leben sich darstellen ließe durch die Aufreihung der Kleider, die man getragen hat. Eine lange Stange in einem großen, leeren Raum und auf ihr hängen am Beginn das erste Kinderkleid und am Ende das Totenhemd Und dazwischen käme eins nach dem anderen, was uns einmal bekleidet hat. Und darunter stünden alle Schuhe, die wir vertreten haben, still nebeneinander, und unsichtbar über ihnen eine Wolke des Staubes, der ihren Erdenweg bedeckt hat."

Es ist eine selten eindringliche Sprache des Schweigens und der Vergänglichkeit, die uns bei Ernst Wiechert begegnet. Viele werden sich mit ihren Erfahrungen und Empfindungen wiederfinden können, andere werden darin mehr den Ausdruck einer allzu pessimistischen Lebenssicht sehen. Aber keiner kommt daran vorbei, daß wir in einer Welt leben, die unter dem Gesetz der Vergänglichkeit und des Todes steht. Jeder Tag, mit dem wir älter werden, läßt uns erfahren, daß unser Leben bis an seine Ränder von Begrenztheit und Hinfälligkeit gezeichnet ist, deren Spuren wir an uns selbst und den anderen entdecken.

Aber das macht ja gerade die Würde des Menschen aus - im Unterschied zu Tier und Pflanze - daß er um diesen Tatbestand weiß, ihn realistisch ins Auge sehen und sein Leben darauf ausrichten kann. Und so war es nicht zuletzt der Tod, der die nachdenklichen Menschen aller Zeiten und Völker das Philosophieren gelehrt und zum Glauben gebracht hat.

Aber damit ist noch nicht alles gesagt, was über den Menschen gesagt werden kann. An der äußerten Grenze unser Existenz kommt nämlich das Ereignis in den Blick, daß wir Ostern Jahr für Jahr feiern: jenes unverbrückliche Ja zum Leben, das Gott in der Auferstehung Jesu Christi ausgesprochen hat, jener Sieg des Lebens, der am Ostertag des Jahres 30 in Jerusalem eröffnet wurde.

Die christliche Kunst hat dieses Geschehen in unzähligen ausdrucksvollen Bildern dargestellt, mit einem aufgesprengten leeren Grab, mit einer strahlenden Gestalt des Auferstandenen. Eigentlich müßte wir vor solchen Bildern erschrecken wie die Soldaten, die das Grab Jesu bewachen sollten, denn unser ganzes Weltbild von der Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit des Todes wird dadurch erschüttert. Oder sollen wir mehr darüber erschrecken, daß uns der Mehltau der Gewöhnung das Osterwunder längst wieder verdeckt hat. Wie anders wäre es zu erklären, daß die befreiende Botschaft von der Auferstehung Jesu, der Sieg des Lebens über den Tod, so wenig in unserem Alltag und Glauben auswirkt!

Also wäre es gut, wir würden das Osterwunder in seiner Urgewalt für uns neu entdecken! Das wirkliche Ostern freilich: Nicht nur Ostern als willkommene Gelegenheit für einige Feiertage (wenngleich es ja nicht das Schlechteste ist, aus der kleinen Welt des Alltags hin und wieder ausbrechen zu können, hinter dem Schleier des Selbstverständlichen und Gewohnten wieder den Glauben des Wunders zu entdecken). Nicht nur Ostern als das Erwachen der Natur aus dem alljährlichen Winterschlaf, nicht nur Ostern als Bild für unsere ungestillte Sehnsucht nach einem unbesiegbaren Leben - nicht nur Ostern als Ausdruck einer frühen Ahnung, daß auch der Tod dem Leben dienen muß...

Seit dem Ostertag des Jahres 30 in Jerusalem wissen wir, daß unser Leben nicht nur den Keim des Vergänglichen in sich trägt, sondern auch die Verheißung der Unsterblichkeit. Denn in der Auferstehung Jesu ist ein Anfang gesetzt, der nicht nur ihn, sondern alle betrifft, die zu ihm gehören. Der Kreislauf unseres Lebens: geboren werden - leben - sterbe - begraben werden - ist an der entscheidenden Stelle durch die Auferstehung Christi aufgebrochen worden. Nicht Untergang, Vernichtung und Tod haben mehr das letzte Wort. Unser Gott, der Vater Jesu Christi, hat sich als "Liebhaber des Lebens" erwiesen. Dafür stehen die Osterzeugen ein: die Jünger, die Frauen und auf ihre Weise auch die Wachsoldaten.

Davon berichten die Ostergeschichten des Neuen Testamentes. Und seit jenem Ostermorgen geht die Osterbotschaft in einer Osterkerze durch die Geschichte der Menschheit, entzündet immer wieder und überall das Licht des Osterglaubens, schenkt Ermutigung zum Leben. Das österliche Halleluja setzt sich fort und breitet sich aus wie das Echo in den Bergen, wie die Ringe im Wasser, die ein hineingeworfener Stein immerfort bildet. Darum feiert die Kirche 50 Tage Ostern, damit die österliche Siegerbotschaft hineinzieht in unseren nicht selten von Sorgen und Ängsten gezeichneten Alltag. Und gerade dort, wo es um die Nagelprobe unseres Osterglaubens geht, wenn wir am Grab eines geliebten Menschen stehen, darf das österliche Halleluja nicht verstimmen.

Unser Lebensweg ist nicht ein Weg, der ins Dunkel führt, sondern auf das Licht zugeht, das keinen Untergang mehr kennt, nur noch Wandlung ist vom endlichen zum unendlichen Lebens. ER steht unter dem Gesetz des Weizenkorns, das zwar vergeht und begraben wird, aber eben dann zu einem neuen Leben erwacht.

Ostern ist nicht nur ein Datum in der Vergangenheit. Es ist das Ja Gottes über unserem Leben. Es schenkt uns, wie es der 1. Petrus-Brief sagt "aufgrund der Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung).

Helmut Gollwitzer berichtet in seinen Aufzeichnungen aus der russischen Kriegsgefangenschaft ("und führen, wohin du nicht willst") von einem russischen Bischof, den man an die Wand stellte, um ihn zu erschießen. Da rief er seinen Schergen zu: "Lebt wohl, ihr Toten; ich gehe ins Leben!" So kann nur der österliche Glaube reden, für den Ostern - trotz allen Schweigens und aller Vergänglichkeit - nicht Illusion ist, sondern eine Wirklichkeit mit Folgen.

So dürfen auch wir uns in diesen Tagen grüßen mit dem alten Ostergruß der russischen Kirche: "Christus ist auferstanden, ja er ist wahrhaft auferstanden!"


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