Pfingsten 1999
Eine der chassidischen Geschichten, die Martin Buber gesammelt hat, erzählt eine denkwürdige Begegnung des Rabbi Naftali aus Ropschitz. In dieser Stadt beauftragten die Reichen, dessen Häuser einsam oder am Ende des Ortes lagen, Wächter, um nachts ihren Besitz zu schützen. Als Rabbi Naftali eines späten Abend am Rande des Waldes spazieren ging, begegnete er einem der Wächter: "Für wen gehst du?" fragte ihn der Rabbi. Der Wächter nannte den Namen eines Auftraggebers, fügte aber die Gegenfrage hinzu: "Und für wen geht Ihr, Rabbi?"
Das Wort traf den Gelehrten wie ein Pfeil. "Noch gehe ich für niemanden!", stammelte er. Lange schritt er schweigend neben dem Wächter einher. "Willst du mein Diener werden?" fragte er endlich. "Das will ich gern", antwortete jener, "doch was hab ich zu tun?" "Mich zu erinnern", sagte Rabbi Naftali.
Dieses seltsame Wort von der Aufgabe des Erinnerns kann beim näheren Hinschauen eine ganze Lawine von Erinnerungen auslösen: da gab es auch in unserem Leben vielleicht jemanden, der unerwartet und doch im richtigen Augenblick erschienen ist. Da gab es manch kostbares Wort des Trostes, der Zuwendung, der Mahnung und der Warnung. Da gab es einen Menschen, der uns auf etwas hingewiesen hat, was schon lange in uns schlummerte, aber jetzt an Tageslicht treten wollte. Wir werden an etwas erinnert, was wesentlich zu unserer Person und unserem Leben gehört, aber in der Geschäftigkeit des Alltags unterging. Besonders offen für solche Worte sind wir an den Grenzen unseres Lebens. Während einer Krankheit oder beim Verlust eines geliebten Menschen. Andere spüren über längere Zeit, "daß das doch nicht alles sein konnte", daß sie einen entscheidenden Schritt in ihrem Leben noch nicht getan haben. Doch zuerst muß dafür ein Stichwort fallen, ein überraschender Zuruf, uns auf die richtige Fährte bringen. Doch von da an kennen wir uns und unser Leben besser; wissen, "für wen wir gehen wollen"!
Die Erzählung aus dem Johannesevangelium, die das Ostergeschehen und die Ausgießung de Heiligen Geistes eng miteinander verbindet, berichtet auch von einer solchen Begegnung und Erinnerung. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, in welch bedrückender Stimmung sich die Jünger wenige Tage nach der Katastrophe von Golgotha befanden. Mutlos sind sie, unendlich enttäuscht, erledigt. Der Mann, mit dem sie die aufregendste und intensivste Zeit ihres Lebens verbracht haben und auf den sie so große Hoffnungen setzten, ist tot; schlimmer noch: schändlich als Verbrecher hingerichtet.
Jetzt sitzen sie bei verschlossenen Türen und voller Furcht um den Tisch herum, an dem sie zuletzt mit Ihm Mahl gehalten haben und denken über den Grund der Katastrophe, denken über den nächsten Tag nach: "Für wen", sollen sie jetzt noch gehen; wozu überhaupt die Türen öffnen?"
Und dann geschieht die entscheidende Begegnung, die alles verändert: "Jesus trat in ihre Mitte!" Er zeigt ihnen seine Wundmale. Sie erfahren, daß der so schändlich Gestorbene lebt. Und er spricht ihnen Frieden zu und beschenkt sie mit dem Heiligen Geist. Und sie werden neu gesendet, die Botschaft von der Versöhnung und dem Frieden zu verkünden!
"Als die Jünger den Herrn sahen, freuten sie sich!" Mehr sagt das Evangelium nicht über die Reaktion der Jünger. Doch läßt sich das Unausgesprochene unschwer ergänzen: Wenn die Jünger sich jetzt auf den Weg machen, um vom anbrechenden Reich Gottes zu reden, sind sie vom Sinn ihres Tuns überzeugt. Die Worte Jesu sind ihnen wieder unendlich kostbar, die Erinnerung an diese lebendig, auch vom Tod nicht zu zerbrechen! Sie machen die Türen auf. Sie wissen jetzt, für wen sie gehen sollen! Und wohin: zu den Zerbrochenen und Schwachen, zu denen, die das Wort der Vergebung ersehnen und brauchen; zu allen, die Angst haben vor dem Leben und vor dem Sterben! Inmitten ihrer Verzweiflung haben sie das entscheidende Stichwort gehört, die entscheidende Begegnung gehabt, wissen, wofür sie leben sollen.
Wissen wir schon, für wen wir gehen sollen? Es wird uns vermutlich oft so gehen wie dem Rabbi Naftali. Wir haben unsere Lektionen gelernt, unser Wissen vermehrt, an vielen Diskussionen und Gesprächen teilgenommen, Weises und Gutes über Gott und die Welt gedacht und gesagt. Doch wenn uns jemand fragen würde: Und für wen gehst du? gerieten wir ins Stocken. Das Ziel unseres Lebens und der Sinn unseres Gehens ist uns noch nicht ganz klar und deutlich geworden. Der Rabbi wußte sich zu helfen. Der Wächter sollte ihn weiterhin an diese Frage erinnern, sollte ihn so lange begleiten, bis ihm klar war, für wen er in seinem Leben gehen soll!
Das ist auch unser Weg: die Frage wachzuhalten, auch wenn es nicht sogleich die Antwort gibt. Denn die Antwort, so sagt uns unsere Erfahrung, kommt nur als Ergebnis eines beharrlichen Suchens und Mühens, eine beständigen Kampfes gegen die Trägheit und die Alltäglichkeit. Doch einmal schenkt uns jemand das richtige Stichwort, das die einzelnen Spuren unseres Lebens bündelt und in die entscheidende Richtung lenkt. Freilich müssen wir dafür unsere Fenster und Türen offenhalten, dürfen unsere Augen und Ohren nicht verschließen und unsere Herzen nicht verrammeln.