Pfingstmontag 1999
Der kleine Nachtwächter eines unbedeutenden Dorfes findet im Mondschein ein vierblättriges Kleeblatt. ER weiß, daß dieser Fund Glück bedeutet. Aus Freude darüber bläst er in sein Horn und ruft so die Dorfbewohner zusammen. Es kommen herbeigeeilt: der Poet, die Marktfrau, der Schmied, das Blumenmädchen und der Lausejunge.
"Das Glück besucht mich heute nacht", verkündet der kleine Nachtwächter freudestrahlend. Und alle setzen sich nieder und warten auf das Glück, das sich im Kleeblatt angekündigt hat.
Es wird ganz ruhig. Alle lauschen in die Nacht hinaus. Der Wind raschelt leise in den Blättern. Die Nachtigall singt im nahen Wald. Ab und zu huscht eine Fledermaus vorbei - sonst aber ist nichts zu vernehmen; die Nacht hat sich ausgebreitet mit ihrer tiefen Ruhe.
"Wann kommt denn endlich das Glück," ruft schließlich der Lausejunge. Der Poet aber, die Marktfrau, der Schmied, der Nachtwächter und das Blumenmädchen - sie alle verstehen, daß das Glück bereits eingezogen ist.
So sitzen sie da und hören und lauschen bis zur Morgendämmerung.
Und keiner von ihnen schilt den Lausejungen wegen seiner ungeduldigen Frage. "Er ist halt noch unerfahren, dieser Knabe", denken sie. Er erwartet das Glück als außergewöhnliches Ereignis, sozusagen als Wunder vom Himmel her und spürt gar nicht, daß Glück als stille, lautlose Harmonie in den Herzen der Menschen Einzug findet - eine Geschichte - ein Märchen - mit Bezug zu uns.
Erwarten wir nicht auch manchmal, wenn wir still werden vor Gott oder zusammen kommen beim Gottesdienst in unseren Kirchen, daß Gott einmal spürbar eingreift in unsre Zeit und in unser Leben, wie es uns die heutige Pfingstgeschichte wieder erzählt? Zeichen und Wunder, spürbar neue Kraft und neues Feuer für unseren Glauben in dieser Welt, einen neuen Geist für unsere Kirche, Heil und Segen für unsere so herzlose Welt!
Das Gegenteil scheint heute der Fall zu sein: Lautlos ziehen immer mehr Christen aus der Kirche aus. Sekten, neue religiöse Bewegungen haben immer mehr Zulauf. Ein Warenhaus religiöser Sonderangebote ist auf dem Markt zu erhalten: Seelenwanderung und Tischrücken, Kontakt mit Verstorbenen, Hexenkult und schwarze Messen versprechen Bewußtseinserweiterung und Erleuchtung, Einkehr in eine heile Welt.
Es geht nicht um Anklage oder Abwehr - und auch nicht um neue pastorale Konzepte. Pfingsten ist gewesen - und ereignet sich immer wieder. Doch der Geist weht, wo er will. In der Taufe und Firmung sind wir alle mit Gottes Heiligem Geist begabt, "mit dem einen Geist getränkt", wie es Paulus in der heutigen Lesung ausdrückt. Das kann auch das kleine Glücksblatt in unserem Leben sein: Und vielleicht brauchen wir heute mehr kleinen Nachtwächter, die uns zusammenrufen und auf das Glück lauschen lehren. Und vielleicht wollen wir selber öfter so ein kleiner Nachtwächter sein, wehrend den dunklen Ängsten unserer Nachbarn, nachsichtig sein mit den "Lausejungen", offene Gesprächspartner für die jungen Leute, bereitwillige Helfer für die von Not bedrängten, die an die Wand gedrückten, für die, die unter uns vereinsamen und am Leben verzweifeln.
So würden wir unser Herz und unsere Welt zweifellos öffnen für den Heiligen Geist und ihn mit dem Pfingstgebet der Kirche bitten: Sende aus deinen Geist - und das Antlitz der Erde wird neu.