"Katholisch - Auf das Ganze hin"

1. Sonntag im Jahreskreis 1999

Da hat Jesus also seine Elf komplett! Das Spiel kann beginnen. Wieso elf, werden Sie fragen: Es sind doch 12! Aber achten Sie darauf: Von Anfang an bekommt Judas Iskariot vom Evangelisten die Rote Karte gezeigt. Jeder erfährt es gleich zu Beginn: dieser Mann wird ausscheiden! Und da reizt mich noch etwas anderes an diesem Evangelium: "Wieso", frage ich mich, "wieso verbindet Jesus mit der Wahl seiner Apostel diese eigenartige Warnung: "Geht nicht zu den Heiden, auch nicht zu den Samaritern, geht zuerst zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel!" Das sind doch ganz ungewohnte Töne. Unser sonst so weitherziger Jesus scheint uns hier reichlich eng, konfessionell, ja fast nationalistisch zu sein. Das klingt fast so, als ob Jesus heute sagen würde: Geht ja nicht zu den Atheisten, auch nicht zu den Protestanten, haltet Euch an die Katholiken!

Also nach dem Motto: bleibt gut katholisch! - Damit ist das Stichwort gefallen: als katholisch sollen wir unsre Kirche bekennen. Für viele ist dies das Reizwort schlechthin: In der Predigt habe ich einmal von einem Mann erzählt, der dieses Wort im Credo immer unter den Tisch fallen ließ. Danach haben mich mehrere gefragt, ob ich sie damit gemeint hätte. Aber es steht nun einmal drin im Urtext unseres Glaubensbekenntnisses. Und wer weiß schon noch um die richtige Übersetzung dieses ursprünglich griechischen Wortes? Es heißt so viel wie" auf das Ganze hin" - und das ist ein großes Wort - und - recht verstanden - auch ein großartiges Programm.

Katholisch ist die Kirche deshalb, weil sie aus dem alten Israel herausschreitet, eine welt- und völkerumfassende Gemeinschaft wird. Darum stößt Jesus seine Jünger erst mit der Nase auf das alte Israel. Die Kirche fängt nicht aus dem Nichts an; aus dem Rest Israels sucht Jesus sich die Stammväter seines kommenden Volkes. Und mit dem Rest des Restes, jenem kleinen Haufen von Jüngern, die das Evangelium begreifen und anerkennen, beginnt sich die Verheißung der Propheten zu erfüllen: daß die Völker der Erde auf Zion schauen werden, ereignet sich jener pfingstliche Durchbruch, wo die Sprachverwirrung ein Ende hat und jeder in seiner Sprache den anderen versteht.

Und bald kommen die Völker in der Tat und pochen an die Türen dieser neu entstehenden Gemeinde. Und Petrus hat einen Traum, der ihm Mut macht, auch die Familie eines Römers in Jaffa zu taufen. Und bald stellt sich der jungen Kirche die Frage: Muß man, um zu Christus zu gehören, erst Jude sein, oder genügt schon die Taufe? Und das erste Konzil der Apostel zu Jerusalem schafft den großen Durchbruch: Es genügt die Taufe! So tasten sich die Christen nach und nach hinein in die große Menschheit, machten sich auf und gingen in der Tat bis an die Grenzen der damals bekannten Welt. Die Vision, von den Propheten angekündigt, wird wahr: ein neues Gottesvolk aus allen Völkern und Rassen, ausgebreitet über die ganze Welt. Daß zur gleichen Zeit Israel zerschlagen und unter die Völker zerstreut wurde und daß im Laufe der Zeit auch Christen grauenhaft schuldig wurden an diesem Volk Jesu, ist eine weitere finstere Tragödie der Geschichte und des Judentums. Doch durch allen Schlamm menschlicher Geschichte und Schuld hindurch haben Menschen in dieser Kirche seither millionenfach ihre Liebe und ihr Leben eingesetzt, sind Sauerteig einer neuen Menschheit geworden, Pioniere der Nächstenliebe und der sozialen Tat, Propheten der Versöhnung und des Friedens, Märtyrer der Wahrheit, des Glaubens und der Menschenwürde.

Andererseits ist die Spannung geblieben: daß die Botschaft des Evangeliums jedem Volk in seiner Sprache gesagt und gedeutet werden soll - und sie gleichzeitig von Anfang an völkerübergreifend eine war. Daß im Laufe der Geschichte gerade die Verbindung mit Rom die Garantie der Einheit wurde, hat dazu geführt, das "Katholische" an der Kirche immer enger mit dem "Römischen" zu vermischen und oft genug durch dieses zu ersetzen - mit allen bekannten Folgen. Heute bahnt sich wieder ein neuer Durchbruch an, in dem die farbigen Völker sich die Kirche zu eigen machen in ihren Riten und Kulturen, das Evangelium sagen lernen in ihren eigenen, uralten Lebensweisheiten und Mythen, in ihrer eigenen Sprache. Hier wird das Römische wieder Katholisch. Und ich hoffe und bete, daß der Papst bei seinen vielen Weltreisen das Staunen noch nicht verlernt hat, ob all des Katholischen, das es weltweit gibt. Und manchmal denke ich: vielleicht hat Gott, der Herr, diesen Durchbruch gerade für uns aufgespart, daß wir spüren: wir sind noch längst nicht am Ende, es stehen uns noch manche Überraschungen bevor, bunt wie der Zug der Weisen aus dem Morgenland. Und heute bringen die Völker ihre Schätze mit vor die Krippe - in einer nie endenden Prozession der Hoffnung.

Katholisch finde ich unsere Kirche nicht nur im Blick auf den weltweiten Globus, nicht nur in ihrem Zug durch die Menschengeschichte. Katholisch ist sie auch im Querschnitt dessen, was uns heute so alles an Einsichten und Glaubenserfahrungen möglich ist. allumfassend und unerschöpflich in der Fülle des Lebens und der Tiefe der Wahrheit. Nicht alles müssen wir in unser persönliches Christentum hineinholen nicht alle haben wir die gleiche Schuhgröße des Glaubens, nicht alle müssen wir dasselbe sagen und beten. Aufregende Unterschiedlichkeit - auch das ist katholisch. Der eine stellt sich eine Kirche vor, in der einer den anderen versteht, in der man einander vergeben kann, miteinander Eucharistie feiert, möglichst in einer kleinen Gruppe, große Gottesdienste und Kirchen sind ihm ein Greuel. Der andere findet es großartig an unsrer Kirche, daß sie auch den letzten Zaungast und Sünder am Weihwasserbecken noch ernst nimmt, daß sie auch dem Fernsten noch die Erinnerung an eine verlorene Heimat wachhält, die ihm in einem verborgenen Winkel seines Herzen vielleicht noch geblieben ist und auf die er irgendwann einmal zurückkommen könnte.

Und im übrigen sagte mir kürzlich ein Zeitgenosse, ist das Streben nach Vollkommenheit und Perfektion bei uns im Badischen nicht sehr hoch entwickelt! Er mußte es ja wissen! Aber sagen Sie selbst: Ist das nicht das Tröstlichste und zugleich Unentbehrlichste am Katholischen?

Wie viele Menschen sind heute hier. So viele Köpfe, so viele Schicksale. Gerade weil wir so viele sind, können wir es uns leisten, unterschiedlich zu sein, jeder mit seinem ganz persönlichen Profil. Doch wenn wir alle unsren Glauben zusammenlegen, würde daraus eine Fülle menschlicher Lebens- und Glaubenserfahrungen zusammenfließen: Auch das heißt katholisch. Und: Gott ist größer als unser Herz. Ersparen wir es uns, engherzig zu sein. Dann können wir auch das ganze Credo sprechen, ohne rot zu werden, oder husten zu müssen. Oder wie ich es auf dem Titel eines kleinen Büchleins neulich las: Katholisch - und trotzdem gut drauf.


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