Mit der Zeit gehen?

"Die Eile hat der Teufel erfunden". Wenn dieses türkische Sprichwort recht hat, leben wir einmal mehr in einer wahrhaft teuflischen Zeit. Noch nie stand den Menschen so viel Lebenszeit zur Verfügung wie heute. Noch nie gab es für breite Bevölkerungsschichten in unseren westlichen Industrieländern so viel "Frei-Zeit". Nur, haben die Menschen auch Freude an ihrer Zeit?

Michael Ende hat darüber einen wunderbaren Roman geschrieben: Momo. Je mehr Zeit die Menschen da sparen, desto weniger haben sie. Sie wird ihnen von den Herren in Grau gestohlen. Den aufgeklärten Menschen unseres Jahrhunderts der sich selber als "Herr seiner Zeit" versteht, plagen Streß und die Angst, etwas zu versäumen.

Gorbatschow hat dieses Lebensgefühl in ganz anderem Zusammenhang - als Prophet unserer Epoche - in ein geflügeltes Wort gebracht: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Woran liegt das, daß gerade uns heute die "Zeit" zum Problem geworden ist? Sind wir unfähig, mit unserer Zeit richtig umzugehen?

Eile und Streß werden von uns zwar als Belastung empfunden, steigern andererseits aber unser gesellschaftliches Prestige. Ein übervoller Terminkalender, Handy-Anrufe selbst beim Mittagessen, signalisieren, daß ich stets noch etwas "Wichtigeres" zu tun habe, und das heißt: Selbst wichtig sein - unabkömmlich und unersetzbar. Wer sagt: "Ich habe Zeit" erntet Staunen und macht sich verdächtig: als Müßiggänger, Faulenzer, Außenseiter. Denn Zeit haben in unserer Gesellschaft nur solche, die nichts zu sagen haben: Kinder, Alte, Kranke, Arbeitslose. Wer wichtig ist, hetzt von Termin zu Termin und hat doch immer das Gefühl, "auf der falschen Party" zu sein. Als "Unfähigkeit zur Abwesenheit" hat dies eine Kulturkritikerin (Marianne Grönemeyer) bezeichnet.

"Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück" beschreibt ein Dichter unserer Tage das zeitgenössische Lebensgefühl. Freizeitindustrie und Konsumgesellschaft wissen dies geschickt auszuweiten. Die Glücksversprechen der Werbung etwa liegen meist in der Ferne, die freilich durch den Genuß eines Fruchtsaftes oder den Gebrauch eines bestimmten Rasierwassers in greifbare Nähe rückt. Auch für die Werbung darf nichts bleiben wie es ist. Das wäre ihr Untergang. Sie ist auf unsere andauernden Sehnsüchte angewiesen, auf unseren Hunger und Durst nach Glück, auf Unruhe, Tempo und Eile zur raschen Erfüllung unserer Bedürfnisse.

"Das Leben als letzte Gelegenheit", war eine Tagung der Akademie der Diözese Rottenburg - Stuttgart betitelt. Ein Kulturhistoriker erzählte vom Pestjahr 1348. Damals raffte der "Schwarze Tod" mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Europa dahin. Ein Ereignis, welches das Selbstbewußtsein der Menschen fundamental erschütterte und bis heute im Unterbewußtsein nachwirkt. Der Tod, bis dahin eingebettet in ein christliches Verständnis von Leben und Sterben, wurde zum Skandal, zur Feind des Lebens. Fortan verstand der Mensch sein Leben als Frist. Es begann der Wettlauf mit der ihm zu bemessenen, stets zu knappen Zeit. Doch dem, der allzu hungrig ihr nachjagt, entzieht sie sich. Wie die Reisenden in den Hochgeschwindigkeitszügen oder Flugzeugen - verliert er die Erfahrung von Raum, Landschaft, Stille und Entfernung. Gebrauchsfertig konsumiert er die Welt, stets begehbar, überall befahrbar, sofort verbrauchbar - wie unsere Tiefkühlkost. In früheren Gesellschaften galt als gültig, was als ewig oder "alt und bewährt" angegeben wurde. Heute gilt als Höchstes das Neueste, das Unerprobte, das gerade noch nicht Überholte. Gedanken wie Haarschnitte richten sich nach dem Motto: "Ist das noch Zeit-gemäß"?

Doch zur wahren Lebenskunst kommt nur, wer sich in "Langsamkeit" übt. Wer sagt: "Zur Langsamkeit habe ich keine Zeit", ist schon auf dem Holzweg. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: "Langsamkeit verschafft uns Zeit." Und das Dogma unserer Gesellschaft: "Man müsse mit der Zeit gehen", sollte man beim Wort nehmen. Denn wohin "geht" die Zeit? In die Vergangenheit! Gemäß den Versen Schillers: "Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, Ewig still steht die Vergangenheit". Mit der Zeit gehen, heißt: im Angesicht der Vergangenheit, der "Vor-fahren" leben. Denn das Vergangene - nicht das Zukünftige - liegt eigentlich "vor uns". Wir sind alle, wie die Sprache ausdrückt, "Hinter-bliebene". Und hinter uns, in unserem Rücken, noch unbekannt und unsichtbar, liegt die Zukunft. So wird unsere Zeit nicht zum knappen, bald verzehrten Gut, sondern wächst mit jedem Tag, den wir leben dürfen.

Wahre Lebenskunst bedeutet, "in der Gegenwart zu leben". Ein Übergewicht an Vergangenheit wie an Zukunft läßt uns das Jetzt versäumen. Doch weil die Gegenwart schmerzt, sehnen wir uns nach der Zukunft - und weil das Schöne vergeht, wollen wir in der Vergangenheit verweilen. In der Gegenwart leben, das heißt: in einem Einverständnis mit der eigenen Endlichkeit und Vergänglichkeit leben. Ob einer an Gott glaubt oder nicht, ob einer annimmt, seine Zeit sei von der Ewigkeit umfangen oder laufe ins Leere, in der Gegenwart leben kann nur, wer loslassen und zulassen kann und so "gelassen" zu werden vermag.

Die Gegenwart ist die Einladung, den Dingen, der Welt, den Menschen zu begegnen. Neues schaffend und am Alten Maß nehmend, leben wir gegenwärtig, aufmerksam und präsent. Der glaubende Mensch mag zwar - nach Augustinus - dabei noch unruhig sein, bis seine Seele voll in Gott zu ruhen vermag. Er wird aber deshalb nicht in Hektik verfallen. Und der Christ wird seine Zeit ordnen, gliedern und gestalten - ohne Angst, etwas oder gar dies Leben selbst zu versäumen.

Der Münchner Jesuit und Philosophieprofessor Hoeffner hat dabei eine "Hierarchie der Zeitgestaltung" entworfen.

  1. Genug Zeit für Schlaf
  2. Genug Zeit für zweckfreies Miteinander
  3. Genug Zeit für Meditation und Gebet
  4. Genug Zeit für körperliche Bewegung und
  5. Zeit zum Arbeiten bleibt dann noch genug!

Und allen Zeitgenossen, die diese Prognosen für undurchführbar oder weltfremd halten, schreibt er ins Stammbuch: "Wo das Wichtige ständig vor dem Dringenden zurücksteht, wird das Leben schal!"


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