19. Sonntag im Jahreskreis
Im Anschuß an einen Vortrag letzthin kam ein Teilnehmer zu mir und fragte: "Was halten Sie von den Wundern Jesu?" Ich sagte: "Ich glaube an die Wunder Jesu. Die Welt ist noch heute voll von ihnen". Er sagte: "Das will ich nicht wissen. Glauben Sie z.B. an den Seewandel des Petrus?" Ich sagte: "Ganz sicher glaube ich an den Seewandel Petri." "Nein, ich bin bei Ihnen nicht sicher. Meinen Sie das wirklich oder nur symbolisch?" Ich sagte: "Ich glaube, daß die symbolische Wirklichkeit die einzig wirkliche Wirklichkeit ist." "Dann glauben Sie also nicht!" sagte er. Das ist die Frage: Woran glauben wir wirklich?
Es war im Jahre 1912, als der Mythos Titanic sank. 1.500 Menschen kamen in den kalten Wogen des Atlantik um oder fanden ein nasses Grab im Rumpf des Schiffes. Was kann man daraus lernen? Zu glauben, daß Gott, wenn er will, uns einen solchen Tod ersparen kann? Glauben, daß uns Wellen und Eisberge nichts anhaben können, wenn wir nur tapfer glauben?
Ich lerne aus beiden Geschichten, zu glauben, daß diese Welt ein Abgrund ist!
Im Urlaub auf einer griechischen Insel saß ich am Strand und sah, wie jede Welle eine Unzahl von Lebewesen an Land warf, wie wenn sich das Meer einer übermäßigen Fülle an Leben entledigen wollte. Haben wir Grund zu glauben, die Natur würde mit uns Menschen anders verfahren? Die Natur braucht uns nicht, sie bringt uns hervor, aber sie meint uns nicht. Auch das ist ein Abgrund unter unseren Füßen.
Doch schlimmer ist das menschliche Herz: es kann einem offenen Rachen gleichen und der menschliche Haß, der die Schrecken eines Kosovo-Krieges hervorgebracht hat, ist schlimmer als alle Wogen des Meeres.
Wie schützen wir uns vor diesem Abgrund? Für gewöhnlich in dem wir ihn nicht beachten. Und gegen die Fluten bauen wir Deiche, gegen die Angst schließen wir Versicherungen ab und bauen Alarmanlagen und die Ahnung eines unendlichen Abgrundes bauen wir die Schranken unseres Denkens auf.
Wir sprechen über die Grenzenlosigkeit unserer Zeit und de Kosmos, über die ungeheuren Ausmaße der Natur und lösen dabei Angst und Schrecken aus. Wir denken nach über die riesigen Ausmaße der Zeit, die es gebraucht hat, unsere menschliche Art hervorzubringen und das ist zuviel für unser Vorstellungsvermögen. Schnell kriechen wir hinter die Deiche unserer alltäglichen Existenz zurück. Wir reduzieren das menschliche Leben auf die paar Jahre, die unsere menschliche Existenz ausmachen und klammern uns umso hektischer mit aller Energie unseres Herzens an diese paar Jahrzehnte. Auch vor dem Abgrund des menschlichen Herzens kann man sich schützen. Vor jeder lebendigen Energie kann man sich abriegeln durch Satzungen, Gebote und Weisungen. Vor jeder wirklichen Leidenschaft kann man sich hüten durch die Beschränkung auf ein bürgerliches Durchschnittsmaß.
Vor etwa 100 Jahren schrieb Theodor Fontane seine Romane, traurige Geschichten, die alle darin bestehen, zu schildern, was aus unserm menschlichen Leben wird, wenn man es abriegelt gegen das Meer, gegen die Tiefe, gegen die Flut. Er beschreibt ein Leben, völlig geordnet nach preußischer Standesordnung, preußischer Moralauffassung, preußischer Tugenden, ohne jede Ausnahme, ohne jegliches Abweichen. Ein Leben, in dem es eigentlich nur eine einzige Gefahr gibt: die Liebe. Man kann ein Leben lang heucheln, man kann daran seelisch verkümmern, man kann sich deswegen erschießen, all das verträgt die Ordnung! Nur die Liebe nicht, da Glück nicht, die Weite des Herzens nicht, die Freiheit nicht. Man bleibt im Boot sitzen. Und das, was uns erlösen könnte, wird zum Alptraum, der in der Nacht zu uns kommt, zum Gespenst am anderen Ufer des Sees, das Angstschreie auslöst, weil wirs nicht mehr für möglich halten.
In Wirklichkeit gibt es nur einen einzigen Weg, uns vor dem Abgrund zu schützen: Daß wir die Absicherungen vor dem Unendlichen, dem Abgründigen aufgeben und unser Leben wagen!
Wie sollen wir dies anfangen? Wie sollen wir unsere Sicherungen aufgeben, mit denen wir uns zu schützen trachte. Das Evangelium nennt einen überraschenden Weg: Das, wovor wir Angst haben, ist auch das, worauf wir hoffen können. Die Alpträume, die wir fürchten, sind im Grunde unsere alten Wunschträume. Das, was wir verdrängt haben, was tief in unserer Seele weiterlebt, was uns wiederbegegnet in den Nächten, wovor wir uns fürchten, ist gerade das, was uns ruft aufzustehen und darauf zuzugehen. (Angst ist immer ein Signal der Seele zu handeln. Und zwar genau dort, wo ich Angst habe!).
In der Seele eines jeden Menschen liegt dieser Wunschtraum einer ewigen Gestalt, die auf uns zukommt wie von einem anderen Ufer her. Und es gilt, gegen die Macht des Sturmes, gegen die Strudel der Angst, seine Stimme zu hören, die uns sagt: "Fürchte dich nicht! Hab keine Angst!" Und seinen Namen zu erkennen, der tief in uns lebt und wachgerufen werden will. Nicht in dem wir unsere Macht oder unseren Besitz vermehren, unseren Einfluß vergrößern oder die Medizin, die Rentenversicherung oder die Krankenkasse können wir uns vor irgend etwas im Leben schützen. Nur dieses Bild des Evangeliums ist wahr: Da, wo wir uns durch den Wellengang und das Sausen des Windes hindurch zutiefst angesprochen fühlen, beginnt diese Welt und unser Herz tragfähig zu werden. Und das Wort heißt: Liebe. Alleine die Liebe trägt.
Man mag es für Irrwitz oder Übermut halten, aber das, was Petrus da tut, ist das einzig Richtige: "Wenn du es wirklich bist, befehle mir, daß ich übers Wasser gehe!" Anders können wir der Macht der Liebe nicht wirklich glauben, als indem wirs wagen. Der Sturm wird nicht aufhören, die Wolken werden sich nicht verändern, wir hören das Flüstern anderer Menschen und unser Herz wird immer ängstlicher und kleiner. Wir erleben die Widerstände und Hindernisse als große Wogen.
Doch dieses Evangelium vom Seewandel Jesu und dem Heraustreten Petri beginnt nach der wunderbaren Brotvermehrung, als Christus die Menge wegschickt, weil ihm am Urteil der Vielen überhaupt nicht gelegen ist. Am einzelnen, und wie er lebt, liegt Christus. Nicht am Volksauflauf, an der Massenbefragung der 6000 sattgewordenen liegt ihm, aber daran, wie sich ein Menschenherz beruhigt gegen die Angst.
Christus will uns lehren, daß es sich nicht lohnt, sich vor irgend etwas im Leben zu schützen, Gerade in dem Moment, wo Jesus die Kleingläubigkeit des Petrus beim Namen nennt und ihm zugleich die Hand entgegenstreckt um ihn festzuhalten, hört auch der Wind auf. Es gibt nun eine Macht in unserem Herzen, die die Angst überwindet: das Vertrauen und der Glaube, die die Liebe schenkt. In dem Moment finden wir auch zurück in das Boot, in das Leben während der 16 Stunden am Tag, die wir einigermaßen wach sind und das zu bewältigen versuchen, was wir unser Leben nennen. Das wahre Wunder unseres Lebens ist das Wunder einer Begegnung, die trägt - selbst über die Zeit hinweg und bis ins Unendliche. Und in dem Moment, wo Christus mit Petrus ins Boot steigt, so sagt es das Johannesevangelium, war das Boot auch schon am Ufer des Landes, auf das sie zufuhren und es gibt keine Grenze mehr zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Leben in der Zeit und Leben in der Ewigkeit. Es gibt nur eine Art und Weise zu leben: in der Wahrheit und in der Liebe. Dies ist das Wunder, das sich immer wider ereignet. es werden weiter Schiffe untergehen und Menschen sterben, die Wahrheit und die Liebe werden niemals sterben. Und wir Menschen sind gerufen, das zu leben. und Meer und Welt hören auf wie ein Mund zu ein, der alles verschlingt. Sie werden zur Brücke, auf der wir gehen können - gemeinsam zu Gott!