Wir leben heute in einer geschichtlichen Wende-Zeit - nicht nur was das Jahr 2000 betrifft. Unsere moderne Zeit hat - nach Aufklärung, ständig neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und immer fortschrittlicheren technischen Produkten - auch einen ständig wachsenden "Müll"-Berg erzeugt - nicht nur in der Natur, sondern auch in den Seelen der Menschen.
Das systematische Überschreiten der Grenzen des "Menschen-Möglichen" ohne Rücksicht auf Aus- und Nebenwirkungen rächt sich in immer schrecklicheren Unfällen und Naturkatastrophen und läßt den Menschen heute etwa spüren von der "herzlosen" Kälte des Weltraums, die auch in unsere Lebenswelt einbricht und sich ausbreitet.
Die schützende "Ozonschicht" humaner, ethischer und religiöser Normen dünnt zunehmend aus und wird immer löchriger. Die Sonne der Aufklärung und der Wissenschaft wärmt und erhellt nicht nur, sondern wirkt immer fühlbarer zerstörerisch. Unaufhörlich wie unsere Müllhalden wachsen Ungewißheit, Angst und Unsicherheit vor und hinter unseren Haustüren.
Das Programm der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung als Verheißung von persönlichem Glück und Erfüllung hat sich millionenfach als enttäuschend und unrealisierbar erwiesen, als grausamer Selbstbetrug, als mörderische Sisyphusarbeit. Persönliche Lebensbewältigung erweist sich als erschöpfender und verzehrender Dauerstreß ohne die erhoffte Sinndeutung und Erfüllung. Diese "Gebrochenheit" der "post-modernen" menschlichen Existenz, ihre angstbedrohte Erschöpfung ruft geradezu nach einer religiösen "Entsorgungs-"Botschaft, die das Christentum nur gewinnen kann, wenn es neu sein Potential zur Lebenshilfe in der Neubeheimatung des einzelnen in der Schöpfung und im Schöpfer / Retter - Gott zu vermitteln vermag und gleichzeitig auch ihr prophetisches Erbe im Widerspruch gegen eine einseitige, entwurzelte sinn- und wertentleerte Welt neu handhaben lernt.
Die Menschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts belastet die Not innerer Gebrochenheit und ein tiefsehendes Unvermögen, zu sich selbst zu kommen. Sie suchen in der Tat nach einer Not-Wende, nach Heilung und Heil.
Zu ihnen könnte die Frohe Botschaft des Evangeliums ganz neu sprechen: "Das Reich Gottes ist innerhalb von Euch / Mitten in Euch!". (Lk 17,21)
Dieses Wort wird in der Erfahrung der frühen Christen und den Briefen des Neuen Testamentes weitermeditiert.
Das II. Vatikanische Konzil spricht vom Glaubenssinn des Gottesvolkes und von der geistlichen und sittlichen Kompetenz aller Gläubigen!!
In jedem Menschenherzen steckt ein geheimer Sinn, ein "Sinn für das Göttliche". Dieser geheime Sinn für Gott ist die Wurzel jeder Religion. Denn Gott ist dem Menschen innerlicher als dieser sich selbst.
Nur wer solche eigenen geistlichen Erfahrungen macht, kann morgen noch Christ ein. Ohne sie verkommen die Wahrheiten des christlichen Glaubens zu einer "blassen, unwirklichen Ideologie, die man auch aufgeben kann, ohne daß sich dadurch im konkreten Leben etwas ändert.
Um was für Erfahrungen geht es dabei? Gott kommt mit seinem schöpferisch-aufweckenden Lebenshauch dem Menschenherzen so nahe, daß diese Nähe Gottes die Liebensfähigkeit des Menschen weckt, daß sie sich ausstreckt und aufwächst und die Kraft, Milde und tröstende Natur der Freundschaft Gottes spürt: ein lebendiges Fühlen und Innewerden der Nähe und Liebe Gottes in großer Tiefe und Einfachheit gemäß dem Herrenwort: "Laßt die Kinder zu mir kommen, denn solchen gehört das Himmelreich!" und die Antwort des Herzens liegt in der sich überlassenden Hingabe an das Geheimnis Gottes.
Die großen geistlichen Lehrer meinen ja, daß diese Erfahrung am Anfang unseres Daseins liegt und nicht erst an seinem Ende. Wir kommen auf die Welt in inniger Verbundenheit mit Gott, der jeden von uns ganz persönlich geschaffen hat. Wir gehören Gott sozusagen seit dem Augenblick unserer Empfängnis. Unsere "Seele" ist ein Geschenk Gottes, das uns in die Lage versetzt, Gott, unsere Mutter, unseren Vater, uns selbst und der Welt zu vertrauen.
Leider wird diese tiefe, intuitive Gottesbeziehung von vielen Denk- und Erziehungsproblemen allmählich verdunkelt, sogar erstickt und zerstört.
Eugen Drewermann schreibt in einer Oster-Meditation: "Wir können den Auferstandenen nur sehen, weil wir sein Bild in uns tragen, und er begegnet uns nur als "außerhalb" von uns, weil er wirklich in uns lebt und es ist in alle Ewigkeit die Person dieses Jesus von Nazareth, dessen Güte und Sanftmut unsere Seele so sehr verzaubert und anregt, daß sie alle diese Bilder des Lebens in uns zu finden und festzuhalten vermag, die uns auf immer bezeugen: Es gibt keinen Tod! Und zur Weihnachtsgeschichte erklärt er: "Immer steht das Symbol der Kinder in der Sprache der Mythen, Märchen und Träume für die Erlaubnis, das Leben noch einmal von vorn beginnen zu können." Und so ist mit dem Kind Von Bethlehem die Zusage verbunden, uns die Last des Daseins abzunehmen und durch ein leicht zu tragendes "Joch" zu ersetzen! !"In jedem Menschenherzen wartet ein solches Kind, das nie hat leben dürfen, voller Sehnsucht darauf, angenommen zu werden in einem bedingungslosen Vertrauen, voraussetzungslos geliebt und berechtigt da zu sein." "Eine andere Krippe hat Gott sich nicht erwählt als unser Herz, in dem er selbst Mensch ist und werden will!"
Bekannt ist der Vers des Angelus Silesius: "Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst doch ewiglich verloren." Er fährt aber auch fort: "Das Kreuz von Golgotha kann dich nicht von dem Bösen, wenn es nicht auch in dir wird aufgericht, erlösen".
Das Lied: "Es kommt ein Schiff geladen" präzisiert dies: "Und wer dies Kind mit Freuden / umfangen küssen will / muß vorher mit ihm leiden / groß Pein und Marter viel / da nach mit ihm auch sterben / und geistlich auferstehen / das ewig Leben erben / wie an ihm ist geschehn.
Das sind entscheidende Wegweiser zur Gotteserfahrung in uns. Karl Rahner zeigt einmal Weisen nachtdunkler Gotteserfahrung im konkreten Alltag auf:
Da ist einer, der Gott zu lieben versucht, obwohl aus dessen schweigender Unbegreiflichkeit keine Antwort zurückzukommen scheint, obwohl keine gefühlvolle Begeisterung ihn mehr trägt, obwohl er mit solcher Liebe scheinbar ins Leere und gänzlich Unerhörte zu rufen scheint, diese Liebe wie ein entscheidender Sprung ins Bodenlose aussieht und alles ungreifbar und scheinbar sinnlos zu werden scheint.
Da ist einer, der seine Pflicht tut, obwohl er sie nur tun kann mit dem Gefühl, ich selbst zu verleugnen und auzu..., eine entsetzliche Dummheit zu tun, die einem niemand dankt, wo sie keinen angebbaren Nutzen und Erfolg mehr hat.
Da ist einer, der einmal wirklich gut ist zu einem Menschen und kein Echo des Verständnisses oder Dankes zurückkommt.
Da ist einer, der sich rein aus dem innersten Spruch seines Gewissens zu etwas entschieden hat, obwohl er diese Entscheidung niemand mehr klarmachen kann und ganz einsam ist, und er weiß, daß diese Entscheidung niemand ihm abnimmt und er sie für immer und ewig zu verantworten hat.
Da ist einer, der verzichtet, ohne Dank, ohne Anerkennung, ohne ein Gefühl innerer Befriedigung.
Da ist einer, der restlos einsam ist, dem alle Konturen des Lebens verblassen, alle verläßlichen Greifbarkeiten zurückweichen in unendliche Fernen, der diese Einsamkeit erfährt wie den letzten Augenblick vor dem Ertrinken und ihr dennoch nicht davon läuft, sondern sie in einer letzten Hoffnung gelassen aushält.
Da ist einer, der in eine schweigende Finsternis hinein zu beten wagt und sich auf jeden Fall erhört weiß, obwohl keine Antwort von irgendwoher zukommen scheint.
Da ist einer, der merkt plötzlich, wie das kleine Rinnsal seines Lebens sich durch eine Wüste der Banalität schlängelt, scheinbar ohne Ziel und mit der Angst, gänzlich zu versickern. Und doch hofft er, daß dieses Rinnsal einmal die unendliche Weite des Meeres findet, auch wenn sie ihm noch verdeckt ist durch graue Dünen, die sich vor ihm scheinbar undendlich auszubreiten scheinen.
Und jeder Mensch macht in seinem Leben diese Erfahrung des Geistes, der Freiheit und der Gnade. Jeder Mensch! Nur muß er sie zulassen oder ausgraben aus dem Schutt des Alltags, darf ihr, wo sie deutlich werden will, nicht davon laufen, darf sich nicht ängstlich von ihr abwenden, wenn sie eine Verunsicherung oder Störung seines Selbstverständlichkeit ist.
Da erfahren wir, was wir Christen den Hl. Geist Gottes nennen: das "Gott finden in allen Dingen!, Gott erfahren, ist selten ein steil-elitäres Erlebnis von Schauen und Fühlen, sondern Sonderbar - oft ein schwankendes Stehen im Fallen, zitternde Treue im Zusammenbrechen, glimmendes Kerzenlicht in einem Meer von Dunkelheit. Da erfüllt sich, was ein Paulus an sich erfuhr: "Wenn ich schwach bin , dann bin ich stark".
An die Adresse kirchlicher Amtsträger schreibt Rahner: "Wir haben zuerst und zuletzt dem Menschen von heute vom innersten, seligen, befreienden, aus Angst und Selbstentfremdung erlösenden Geheimnis seines Daseins zu künden, das wir "Gott" nennen. Wir müssen dem Menschen von heute wenigstens einmal den Anfang des Weges zeigen, der in die Freiheit Gottes führt. Wo der Mensch die Erfahrung Gottes und seines aus der tiefsten Lebensangst befreienden Geistes nicht gemacht hat, brauchen wir ihm die sittlichen Normen des Christentums nicht zu verkünden. Er könnte sie ja doch nicht verstehen, sie könnten ihm nur als Ursache noch radikalerer Zwänge und tieferer Ängste erscheinen!
Nicht soll dich ängstigen / nichts dich erdrücken / alles vergeht / Gott bleibt derselbe / Geduld / erreicht alles./ Wer Gott besitzt, / Dem kann nichts fehlen. / Gott allein genügt.
Solo Dios basta.