Ich bin der Erste und der Letzte

Mächtige Kolben treiben Eisengestänge an. Träge Räder beginnen sich zu drehen, setzen eine riesige Maschine in Bewegung - Schnitt. Eine Dampflokomotive fährt über Land, junge Leute springen auf, winken. Wer's nicht schafft, bleibt zurück - Schnitt. Gesichter in Nahaufnahme, schwarze, weiße, stark optimistisch - Schnitt. Der Zug gewinnt an Tempo, die Musik an Intensität - da ein Tunnel! Der Zug taucht ins Dunkel - Schnitt. Eine Mauer versperrt den Ausgang des Tunnels. Man hört die Lokomotive in voller Geschwindigkeit sich nähern, die Mauer zerbirst. Auf dem stählernen Leib der Lokomotive lachende Jugendliche, siegesgewiß. Nichts wird sie aufhalten können. Mit voller Kraft fährt die Lokomotive ins Weite - schon blinkt das Meer in der Sonne. Ein Bootssteg trägt den Siegeszug hinaus und entläßt ihn - schwebend - in den lichten Himmel. - Schnitt. Ein Logo am unteren Bildrand verkündet, daß der Film ein Werbespot einer Bekleidungskette war - Schnitt - Ende!

Ein modernes Märchen "Power" hieß der Film, d.h. Kraft, Energie, Leistung, Einfluß. Das trifft anscheinend das Lebensgefühl junger Leute und formuliert ein Leitbild unserer Gesellschaft!

Mit "Power" kann man Produkte verkaufen, der "Power" sind keine Grenzen gesetzt. Sie walzt jedes Hindernis nieder. Sie kennt keine Schwerkraft. Ihr gehört der Himmel. Alles ist möglich! Alles? Allen? Danach fragt die Werbung nicht. Mit Fragen kann man kein Hemd verkaufen! Kann aber auch sein, daß die Werbefilmer selber gar nicht mehr in der Lage sind, solche Fragen zu stellen. Man stellt sich der Zeit nicht entgegen, man verschwendet keine Zeit, man geht, nein man rennt mit der Zeit. Weiter, immer nur weiter! Der Weg ist das Ziel.

Wer in Rom die Kirche der Hl. Cosmas und Damian besucht, dessen Augen tauchen in das kosmische Blau des großen Mosaiks über dem Altarrund. Mit erhabener Gelassenheit schreitet ihm der Weltenrichter entgegen, den rechten Arm einladend ausgestreckt: "Ich bin das Alpha und das Omega, der war und der kommt, Anfang und Ende.", steht darüber. Es ist ein heilsames, fast wohltuendes Erschrecken: Deinem Lauf sind Grenzen gesetzt, du kannst dich nicht blind begeistert in einen leere, antlitzlose Unendlichkeit verlieren. Es kommt dir jemand entgegen, stellt sich dir in den Weg, freundlich und mächtig zugleich.

Anfang und Ende sind die Eckpunkte alles Geschaffenen. Bisweilen stoßen wir uns blutig an diesen Grenzen unserer Möglichkeiten. Wir sind nicht das Maß aller Dinge. Bedrängt werden, stehenbleiben müssen, ausweichen, umkehren, kämpfen, besiegt werden, wieder aufstehen, verwundet sein, Narben tragen - auch das gehört zu unserem Leben.

Wer bin ich? Wer bist du? Habe ich einen Namen, ein Gesicht, oder sind meine Grenzen nur pure Willkür eines unergründlichen Weltenlaufs?

Wem gehört die Welt? Wem ihre Leiden? Wem ihre Zeit? Die christliche Botschaft von einer Begrenzung oder gar einem Ende der Zeit verträgt sich schlecht mit dem uns verordneten Fortschrittsoptimismus. Und so haben wir die Gedanken daran und die dazugehörigen Bilder in der Mottenkiste der Vergangenheit abgelegt. Wir wissen es inzwischen ja besser!

Der Christus in der römischen Kirche hat einen ruhigen Blick und eine offene Hand. Die rastlose Bewegung kommt zum Stehen; die leer gewordene Zeit beginnt sich zu füllen. Geschichten werden wach, Fragen tauchen auf, Wunden beginnen zu brennen - und zu heilen. Anfang und Ende, woher und wozu liegen in diesem Bild.

Die jüdische Überlieferung bezeichnet das Wesen Gottes mit dem hebräischen Wort "amat". Es bedeutet: Treue. Sein erster und sein letzter Buchstabe, Alpha und Taw, sind der erste und der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets: Was zwischen Anfang und Ende liegt, hat einen Namen, kann angerufen werden. Die Bibel weiß, daß Gott es ist, der alles bewirkt. "Ich bin der Erste, ich bin der Letzte, außer mir gibt es keinen Gott", sagt er von sich.

Der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabeths: Alpha und Omega werden vom 4. Jahrhundert an gerne mit dem Christus-Zeichen verbunden oder in den Heiligenschein Jesu geschrieben.

Die Weltenzeit hat in Christus menschliche Gestalt angenommen, ist Menschenzeit geworden. Mensch-sein bedeutet aber nicht nur Leistung, Fortschritt und Geschwindigkeit, sondern auch Nicht-mehr-können, Zurückblieben, widerstehen: v.a. dem Sog einer falschen Unendlichkeit! Der Kreis des Kirchenjahres schließt sich. Der Anfang und das Ziel berühren einander. Dazwischen liegen unsere Wege und Geschichten, eigene und andere, schmerzende und beglückende.

Die Treue Gottes widersteht der Zeitlosigkeit, dem Vergessen. Sie achtet das Erlebte und Erlittene. Sie weiß um die Bedeutung des Augenblicks. Ich darf aufatmen, denn meine Zeit steht in Gottes Händen.


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