Der Christ von morgen

"Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein."

Dieser uralte (aus dem Jahr 1966 stammende) Satz von Karl Rahner wird heute oft - und falsch - zitiert. Es schrieb: "Der "Fromme" von morgen wird ein "Mystiker" sein, einer der etwas "erfahren" hat, oder er wird nicht mehr sein.

Wie auch immer: Frömmigkeit und Glauben des einzelnen Christen heute wird immer weniger mitgetragen von einer "einstimmigen, selbstverständlichen öffentlichen Überzeugung und religiösen Sitte, unsere Gesellschaft des beginnenden 3. Jahrtausends ist weithin eine Gott-ferne, ja Gott-lose Welt, wo viele Menschen Gott nur noch wie ein Überbleibsel vergangener Zeiten anmutet. Die Menschen heute erwarten nur noch wenig, meist gar nichts mehr von einer himmlischen Offenbarung, dafür alles von den Möglichkeiten und Ressourcen ihrer Umwelt und der Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Ihr Innenleben, ihre "Seele", soweit sie sie überhaupt noch wahrnehmen, haben sie im Verdacht, ein undurchschaubares Netz von psychischen Mechanismen und unaufgeklärten Trieben zu sein. Sie fühlen sich nicht mehr als Sünder auf der Suche nach einem gnädigen Gott - eine Frage, die einst einen Martin Luther so gnadenlos umtrieb, daß er eine neue Theologie und Kirche erfand - sondern meinen eher, Gott brauche heute gnädige Richter und Ankläger angesichts so viel gequälter Kreatur auf Erden.

Und sie werden mißtrauisch bei alle zu viel Verheißungen auf die Seligkeiten des Himmels, weil sie denken, es ist wichtiger, die Erde in Ordnung zu bringen, daß hier die Menschen glücklicher leben können.

In einer solchen Situation müssen Glauben und Frömmigkeit notgedrungen äußerlich ärmer, aber innerlich konzentrierter werden. Vieles, was auch einmal zum unbezweifelten Glaubensschatz des Christentums gehört hat, wird man - wenigstens eine Zeit, auch einem "einschlußweisen Glauben" anvertrauen können, um sich primär um ein "unmittelbares Verhältnis zum unsagbaren Gott" zu kümmern. Dazu bedarf der Mensch heute der Anleitung zur "Erfahrung" Gottes!

Auffallenderweise geht mit dem Verlust des Glaubens auch ein zunehmender "Vitalitätsverlust des heutigen Menschen" einher, ein "gebrochener Lebenswille, Lebensunlust und Lebensverdrossenheit". Prophetisch vorweg nehmend hat die Existenzskrise der heute lebenden Menschen der von Krankheit aufgezehrte Dichter Reinhold Schneider erfahren. Kurz vor seinem Tod schreibt er: "Ich weiß, daß Er auferstanden ist; aber meine Lebenskraft ist so sehr gesunken, daß sie über das Grab nicht mehr hinausgreifen, sich über den Tod hinweg nach nichts mehr zu sehnen, vor nichts mehr zu fürchten vermag." Und der hochsensible Theologe Romano Guardini schreibt einmal: " Es gibt die Auflehnung dagegen, man selber sein zu müssen: warum soll ich es denn? Habe ich denn verlangt zu sein? Es gibt das Gefühl, es lohne sich nicht mehr, man selbst zu sein: Was habe ich denn davon? Ich bin nur langweilig. Ich bin mir zuwider. Ich halte es mit mir selbst nicht mehr aus. Es gibt das Gefühl, mit sich selbst betrogen, in sich eingesperrt zu sein: Nur soviel bin ich, und möchte doch mehr!" - Prophetische Vorwegnahme der Existenzkrise des heutigen Menschen. - Von Nitsche bis Sartre vorgedacht, von dem Maler, etwa Picasso, gemalt. So müssen wir heute nach Wegen suchen, die uns nicht nur mit der offiziellen kirchlichen Vermittlung der Gottesgnade in Verbindung bringen, sondern unmittelbar mit dem göttlichen Seinsgrund selber, müssen in unserer inneren Gebrochenheit Ausschau halten nach einem Lebensinhalt, der den inneren Riß heilt und uns zu Erfahrungen der Sinnerfüllung verhilft.

Zusätzliche Schwierigkeiten bereitet dem Christen heute, zumal dem katholischen, ein "vertikales Schisma" in unserer Kirche zwischen Hierarchie und Volk. Gerade wir Christen in Deutschland und Europa sind durch unsere Geschichte zunehmend sensibilisiert für diktatorische Systeme jeglicher Art und reagieren mit Abwehr allergisch gegen alle Versuche, neuer Disziplinierung - auch in der Kirche. Denn der Gegensatz zu Disziplin ist nicht Zuchtlosigkeit, sondern Verantwortung. Und das Modell in unserer Kirche ist immer noch das Jesus-Wort: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde".

Ehrlich gesagt, fühlen wir uns heute manchmal von unserer Kirchenleitung "moralisch überversorgt" und sehen keine Notwendigkeit, unserer persönlichen Gewissensentscheidung durch einen Spruch des Lehramtes auf die richtigen Sprünge zu helfen. Haben wir doch gerade erst mühsam gelernt, daß Elterliche Über-Ich zugunsten einer freien Erwachsenenentscheidung zurückzudrängen.

Wir empfinden es als Angriff und Eingriff in unsere persönliche Freiheit und Mündigkeit, daß für unserer Selbstbestimmung keinen Raum mehr bleiben soll.

Und während der heutige Christ sich zunehmend nach unmittelbarer Gotteserfahrung sehnt und dafür Hilfe und Anleitung sucht, auf ein für ihn ganz persönlich ausgelegtes Gotteswort hofft, das seine innere Zerrissenheit heilen kann, die Lebensangst von seiner Seele nimmt, ihm zu sich selbst und seiner Zukunft ermutigt und ihn mit sich und seiner Welt versöhnt, gewinnt er statt dessen den Eindruck, daß sich kirchliche Äußerungen zusehends auf den Bereich der Disziplin und der Moral verengen.

Prophetisch hat dies Franz Kafka in seiner Parabel "Vor dem Gesetz" vorausgesehen: Der "Mann vom Lande" scheitert mit seiner Bitte, ins Innere des Gesetzes eintreten zu dürfen, am Türhüter, dem "untersten" einer unabsehbaren Reihe von Türhütern, der ihm "jetzt" den Eintritt verwehrt, obwohl er ihm "später" vielleicht gestatten wird. Als dem Mann nach lebenslangem Warten die Augen zu brechen beginnen, "erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unversehens aus der Tür des Gesetzes bricht". Und erfährt, daß der Eingang, den er nie betreten wird, nur für ihn bestimmt war.

So sucht auch der Christ heute vorbei an vielen offenbar sinnwidrigen Türhütern den Eintritt ins Innere des für jedermann bestimmten Heiligtums des Glaubens, damit ihn "im Dunkel" ein "Glanz" aufbricht: "Denn der Christ von morgen wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein."


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