"Halt an, wo läufst Du hin?"

Ein junger Gärtner, so erzählt ein orientalisches Märchen, trat zu seinem Fürsten und bat ihn um ein schnelles Pferd: "Heute morgen ist mir der Tod begegnet und machte mir eine drohende Gebärde. Sicher will er mich holen. Wenn ich eilends bis nah Isfahan reite, kann ich ihm vielleicht entkommen"

Kurz darauf traf auch der Fürst den Tod und fragte ihn: "Warum hast du meinen Gärtner mit einer drohenden Gebärde so erschreckt?" "Es war keine drohende Gebärde", antwortete der Tod, "es war eine Geste der Überraschung. Heute abend soll ich deinen Gärtner in Isfahan abholen, da wunderte es mich, ihn am morgen noch in deinem Garten zu finden."

Da verneigte sich der Fürst vor dem Tod und sagte: "Nun eilt mein Gärtner auf dem schnellsten Pferd dahin, um seinem Schicksal zu entgehen und gerade dadurch eilt er seinem Schicksal entgegen."

Schnelligkeit ist unser Lebensgefühl geworden. Wir leben in einer Zeit wachsender Geschwindigkeiten. Das rasante Tempo immer neuerer Entwicklungen in der Technik ist ansteckend. Niemand kann sich dieser allgemeinen Beschleunigung entziehen, wir alle werden in den Strom miteinbezogen, ob wir wollen oder nicht. Schnellere Autos, schnellere Züge und Flugzeuge, schnellere Datenübermittlung. Höher, weiter, schneller: Und im Geschäftsleben gilt: Sei früher dran, überhole deinen Konkurrenten, sei raffinierter, be--- schneller den Markt!

Wir sind Kinder unserer Zeit und können aus dem Zug

der Gegenwart nicht aussteigen. Und doch wird vom Menschen auch verlangt, manchmal innezuhalten und darüber nachzudenken, in welche Richtung die rasante Fahrt geht. "Halt an, wo läufst du hin?"

Und was ist der Grund für unsere Eile? Wollen auch wir damit dem Tod entfliehen und laufen ihm nur um so schneller in die Arme.

Die Bilder des schrecklichen ICE-Unglückes von Eschede sind uns immer noch vor Augen. Und wie oft erleben wir die riskanten Überholmanöver auf unseren Straßen, um ein paar Meter oder Sekunden zu gewinnen?

Die Verhaltensforscher haben beobachtet: Wer sich beim Gehen an etwas erinnert, verlangsamt seinen schritt. Wer etwas Unangenehmes vergessen will, beschleunigt ihn. Ein hektisches Nach-vorn-Eilen treibt uns an. Das Frühere und Vergangene soll möglichst schnell zurückgelassen werden, weil es uns belastet oder ärgert. Dabei ist die Kunst des Erinnerns lebensnotwendig. Unser Leben ist wie eine breite Landschaft, die freudigen wie schmerzlichen Erlebnisse sind noch da, haben sich in unser Gedächtnis eingegraben. Was wir erlebt haben, bedarf der ruhigen Erinnerung, des bedächtigen Abwägens, des gelassenen Nachdenkens. Es ist eines der Merkmale und Vorrechte des Menschen, zurück schauen zu können.

Darum ist es gut, und tut gut, sich manchmal der Vergangenheit zuzuwenden, sozusagen die Chronik des eigenen Lebens noch einmal nachzulesen, den bisherigen Wegverlauf anzuschauen. Und herauszufinden, welche Begebenheiten wird dankbar annehmen können, welche Vorkommnisse uns zum Nachdenken bringen wollen und was uns nachträglich noch erschrecken läßt. "In jener Nacht konnte der König nicht einschlafen", berichtet das Buch Ester vom Kg Artaxerxes. Dann ließ er sich das Buch der Denkwürdigkeiten bringen und man las ihm daraus vor.

Wir müssen zwar unsere aktuelle Gegenwart meistern und gestalten, wenn wir alles herausfinden wollen, wie wir diejenigen geworden sind, als die wir uns heute vorfinden, müssen wir manche Wege im Geiste noch einmal gehen, die Stationen noch einmal nachvollziehen, die zu den wichtigen Entscheidungen unseres Lebens geführt haben.

Das hektische Gieren nach immer neuen Eindrücken, das ständige Hasten nach vor uns liegenden Sensationen, verführt uns, alles Gewesene achtlos hinter uns zu lassen, als wären es wertlose Überreste einer längst vergangenen Vorzeit, die uns heute nichts mehr angeht. Nun ist es zwar sinnvoll, vergessen zu können, weil wir uns auch nicht mit alledem belasten dürfen, was uns schon widerfahren ist. Doch die "Kunst des Vergessens" ist eine Lebenskunst, die den wichtigen Ereignissen in unserem Dasein den Platz zuweist, der ihnen zukommt. Es ist die Kunst der Unterscheidung, was bewahrt werden muß und was dem Vergessen anheimfallen kann. Damit wir nicht, wie Paulus einmal sagt, den Menschen gleichen, "der sein natürliches Gesicht im Spiegel betrachtet und kaum, daß er hineingeschaut, auch schon weitergeht und gleich wieder vergessen hat, wie er aussah."

Unser ständiges Vorwärtseilen scheint, wie gesagt, häufig auch eine Form des Vergessen-wollens zu sein. Und weil wir spüren, daß wir alle in der Gefahr stehen, in diesen Sog hineinzugeraten, müssen wir unser Tempo drosseln. Wer viel mit dem Auto unterwegs ist, muß öfter wieder zu Fuß gehen; wer viel Reden und Predigten halten muß, soll sich öfter in Schweigen und Horchen üben; wer viel mit Menschen umgeht, für den ist es nötig und heilsam, wieder in sich selbst hineinzuhören und für eine Weile allein zu sein.

Unser ---- hat die Flucht zu seinem Haupt- und --- gemacht. Nicht nur die großen Flüchtlingsströme der Könige. Auch wir sind andauernd auf der Flucht und beschleunigen unser Tempo, um nicht zur Ruhe zu kommen, machen ununterbrochen Musik und Lärm, weil uns die Stille erschreckt, brauchen pausenlos Unterhaltung und Abwechslung, weil wir das Bleiben bei einem Thema oder Menschen entsetzlich langweilig empfinden. Dabei gehört es zu den großen Abenteuern des Menschengeistes, einen Moment innezuhalten und den Eindruck zu haben, in der Fülle der Zeit zu stehen. Robert Rusil hat das so ausgedrückt: Man vergißt manchmal das Sehen und Hören, und das Sprechen vergeht einem ganz. Und doch fühlt man gerade in solchen Minuten, daß man für einen Augenblick zu sich gekommen ist!"

Und merke: Wer nicht weiß, wohin er will; für den ist kein Weg der rechte!


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