Kürzlich geriet mir ein zeitgenössischer Holzschnitt in die Hände, ein merkwürdiges Bild, bei dem man nicht genau weiß, was es eigentlich darstellen soll. Nur gerade weil es so ein Rätsel ist, läßt es den Betrachter nicht los. Da sieht man ein enges Lattengerüst aufgebaut, keineswegs stabil, eher wacklig, aus Holzpfählen hergestellt. Dieses Gerüst ist einigermaßen hoch. Es ragt über die Dächer einer Stadt hinaus und der Mond steht ganz tief am Himmel - hinter dem Rücken der Leute, die sich da auf dem Gerüst aneinander klammern! Vier Männer und eine Frau, ein Hund ist auch dabei, eine ----gemeinschaft auf Gedeih und Verderb. Auffallend ist, sie schauen alle in dieselbe Richtung. Eine --- gar mit einem Fernglas herum, will etwas "in den Blick" bekommen. Ein anderer zeigt mit dem Finger, als habe er schon etwas entdeckt. Alle machen große Augen, wohin sie schauen, läßt sich nur raten. Der Künstler - Walter Habdank - gibt uns da-zu einen kleinen Tip. ER hat dem Bild den Titel gegeben: "In Erwartung". Doch: Warten - worauf? Die Antwort bleibt offen.
Wenn einem dieses Bild ausgerechnet zu Advent dazwischen gerät, stellt sich fast von selbst der Vergleich ein: die da auf dem Gerüst - das könnten auch wir sein! Adventsonntag? Haben wir für eine Stunde --- auch etwas so Provisorisches aufgebaut? Ist unser Gottesdienst so eine Art Hochsitz? Für ein paar Minuten näher zusammen, schauen in --- Richtung, warten auf etwas und können doch nicht genau sagen, auf was.
Dieses Warten weckt in uns --- Gefühle. Kommt da et-was Faszinierendes auf uns zu, oder etwas Entsetzliches? Das Bild läßt die Deutung offen. Ich denke an Fernsehbilder, der großen Flutkatastrophen dieses Jahres, auf denen das Wasser höher und höher steigt und die Menschen vor der alles vernichtenden Flut hilflos auf den letzten Baum oder Felsklotz klettern und der Betrachter weiß: Sie sind nicht mehr zu retten, der Augenblick wird kommen, da steht ihnen das Wasser bis zum Hals, da gibt es keinen Haken und keinen Strohalm mehr, an den sie sich klammern können.
Schauen die Menschen auf dem Gerüst einer solchen Katastrophe entgegen? Rollt eine neue Sintflut heran? Oder reicht ein ----- Arme näher? Ist dort hinten eine Feuersbrunst, vor der man Alarm schlagen mußte? Oder der gleichende Blitz einer Atomexplosion, nach der alles zu spät ist...? Dann kommt es mir aber auch vor, als spiegelten die großen Augen nicht ein Entsetzen, sondern ein neugieriges Staunen, eine große Faszination, eine lächelnde Hoffnung. Während die Bürger der Stadt hinter hohen Fenster--- noch schnarchen, eine wunderbare Entdeckung verschlafen, scheinen die auf dem selbst gebastelten Turm dem --- zu rufen: Leute, wacht auf, ihr habt den Sonnenaufgang verpaßt! Die Welt ist schon in ein ganz neues Licht getaucht. Der Tag ist angebrochen, der Morgen weht herüber - merkt ihr es nicht? Die Szene behält ihr doppeltes Gesicht. Und ich frage mich: feiern wir Advent nicht auch in dieser Unsicherheit? Hat das, worum es --- geht, nicht auch zwei Seiten? Sind wir Christen heute aus einer schlafenden Menschheit herausgerufen - und stehen nun ziemlich exponiert da - und ramponiert, auf einem wackligen Gerüst, einem zerbrechlichen Untergrund, der uns im nächsten Augen-blick unter den Füßen wegrutschen kann? Advent heißt nicht nur: Gemütlichkeit und Stimmung. Advent kann andere bedeuten: ist der Sturm geraten. Der Wimpel über den Leuten auf dem Gerüst läßt erkennen, daß diese Menschen im Durchzug stehen. Auf dem Bild ist Bewegung, Wind, eine frische Brise, Kälte, die uns frösteln läßt. Wer wirklich Advent friert, bekommt womöglich eine Gänsehaut und es wird ihm ungemütlich. Geht uns das nicht gerade heute so? Der Gegenwind bläst uns --- stürmisch ins Gesicht. Doch gerade, wenn wir Christen so "im Freien" stehen, hoch oben auf dem Turm, "der Wächter steht hoch auf der Zinne", haben dann nicht eine ganz wichtige Aufgabe für die anderen in der Stadt, die noch nicht erwacht sind. Die Aufgabe des Wächters, der ansagt, was die Stunde geschlagen hat; der Pro---, der etwas sieht, was die anderen noch nicht sehen können; der Seher, der weiß, was zum --- wichtig ist. Doch was haben wir Christen den Menschen heute zu sagen? Sind wir nicht stumm? Gehen uns die Worte aus? Kriegen wir es mit der Angst zu tun? Reicht unser Fern-Sehen gerade mal bis zum Wetterbericht? "Über das Wetter könnt ihr reden", sagt Jesus, "das" Aussehen des Himmels könnt ihr beurteilen, die Zeichen der Zeit aber nicht!" Wenn es so ist, tun unsere Zeitgenossen gut daran, lieber --- zur Tagesordnung überzugehen. Ein Achselzucken, ein lässiges Schmunzeln über die "letzten Christen" bahnt sich an. Im letzten Jahrzehnt hat es einen "Kollaps des Kirchganges" gegeben. Ruckartig sind die Zahlen der Kirchenbesucher abgesackt. Nichts ist sicher, und im Sturm bricht so mancher morsche Ast, fällt manch fauler Apfel zu Boden und wir entdecken die bislang vertuschte Katastrophe --- und des ganzen abendländischen Christentums. Was haben wir der Menschheit heute zu versprechen? Eine Sintflut oder einen wunderbaren Sonnenaufgang? Wie deuten wir die Zeichen der Zeit? Nehmen wir sie überhaupt wahr? Wie sehen wir die Zukunft?
"Es ist doch erst neun Uhr morgens, die --- Stunde", sagt Petrus in der --- Predigt, "und wir sind nicht betrunken". Petrus, der hat noch die Jesusanhänger aneinander geklammert in ihrer Angst hinter verschlossenen Türen und Fenster, wie sie auf einmal ins Freie treten, begeistert verkünden, es gibt keine andere Zukunft als unsere, die Jesus heißt. Morgenstund hat Gold im Mund. Was wir euch sagen müssen, stellt die Maßstäbe der Welt auf den Kopf und da sind die von einer neuen Erkenntnis "Trunkenen" die wahrhaft Nüchternen, die eigentlichen Realisten. Sie sehen in einem neuen Licht, wie es um die Welt steht. Und die anderen, die sich für so gescheit und aufgeklärt hielten, flüchten in Rausch und Besäufnis und mancherlei andere Fluchtweisen, "wenn der Geist kommt", sagt Jesus, "wird er die Welt und er aufdecken, was das ist: Sünde, Gerechtigkeit und Gericht..." Und nur ganzes Vertrauen auf einen grenzenlosen Fortschritt, unsere Vorstellung, daß man alles machen und kaufen kann, unsere fatale Versuchung, uns selber --- gut zu finden und von aller Schuld freizusprechen, gerät ins Wanken. Das ist zum Erschrecken, aber auch unsere letzte Chance (und alle mal ----, als einmal ins Fernsehen zu kommen).
Und was ist mit unserem "christlichen Abendland". Ein "Gute-Nacht-Land" geworden, und wir Christen sind die Nachtwächter? Wenn es nur so wäre. Immerhin sagt der Nachtwächter ja zur Mitternacht: "Hört ihr Leut und laßt euch sagen, unsere Stund hat zwölf geschlagen!" Und was ist, wenn es dreizehn schlägt in unserer --------- dahin rasenden Menschheitsentwicklung? Wer sagt der Welt noch rechtzeitig für vor zwölf? Christen, was hat die Stunde geschlagen? Die alten Mönche standen nachts um zwei Uhr auf und gingen zum Beten.
Und wo stehen wir, auf unserem Adventsgerüst? Was sehen wir kommen? Die Zukunft des Menschen, wenn nur der Mensch sie bestimmen will, wird uns zum Wahnsinn treiben. Und wenn einer der großen ----- Holocaust sein wird, der mo---- Klein---- von Mensch zu Mensch, ist ---, das Mißtrauen und die Aggression, das Gesetz des Ellbogens und die Verurteilung des anders-Artigen löscht den Geist uns und nimmt den Menschen die Zukunft; laßt eine Welt zurück, in der es sich nicht mehr leben läßt. Mit leidenschaftlicher Wachsamkeit müssen wir Christen hinschauen und hinzeigen auf die innere und äußere Bedrohung des Menschlichen unserer Zeit und ein energisches Halt rufen.
Noch haben wir es nicht geschafft Christus tot zukriegen. Er ist auferstanden und er wird wiederkommen? Das ist die ---- unserer Aussicht. Das ist Licht mitten in der Nacht, Hoffnung gegen den Tod, Aktion Gottes gegen die Katastrophe der Menschheit, Morgenräte nach vergeblichen Nächten. "Sie kamen zum Grabe", heißt es in der Ostergeschichte, "als eben die Sonne aufging. Gerade weil die Welt heute uns so oft mit Grabeskälte an-weht, müssen wir Christen Frühaufsteher sein, Menschen der ersten Stunde, damit die letzte Stunde uns nicht schlafend antrifft. Fangen wir es an, jetzt, in diesem Advent. Und wenn das Lattengerüst unserer menschlichen Illusionen zusammenbricht, steht die Sonne Gottes am Himmel. Ein neuer Morgen weht herüber. Merkt ihr es nicht?