Gekommen ohne dieses Spiel

"Wenn man wissen will, was man zeichnen soll, dann soll man zunächst einmal anfangen," sagt Pablo Picasso. "Aller Anfang ist leicht. Nimm dir ein leeres Blatt. Mach einen Punkt, dann fahre fort, ein Strich; zwei, drei Striche. Das wird eine Bewegung. Du wirst Konturen gewinnen, wenn du wirklich anfangen willst, mußt du ein unbeschriebenes Blatt nehmen. Es ist besser für dich." Anfangen: ein leeres Blatt. Aber ich bin doch kein unbeschriebenes Blatt. Ich habe noch so wenig verdient von dem , was mich hindert. Du wo ist der Einstieg? Wenn ich A wüßte, wäre es leicht mit B und C. Woher willst Du das wissen? Staunen wirst Du!

Wer A sagt, der muß nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war", sagt Bertold Brecht.

Die Frage nach dem Einstieg ist falsch gestellt. Am besten, du fängt dort an, wo du gerade bist. Wenn dir dein Standpunkt fraglich ist, ist es zu früh zum Anfangen. Vielleicht sind noch nicht alle Aufräumarbeiten abgeschossen. Hast du schon alles zusammengepackt, was du unterwegs brauchen wirst? Du selbst bist der Ein-stieg: Kein Ort, nirgendwo. Fremde Spuren werden dir nichts nützen, solange du noch falsch bist, wie sollen da irgendwelche Pfade richtig sein, richtig für dich? X-mal neu anfangen. Überprüfen, ob A richtig war. Ob es mit mir stimmt. ob ich stimme. Vor und zurück.

Eintauchen, sterben, neu werden - der Vorgang der Taufe. Gute Vorsätze sind immer ein bißchen lächerlich. Man weiß, wie lange sie halten. Man faßt sie gern und oft. Vorsätze, weil wir das Ziel nicht zu fassen kriegen. Schön, sich das Ziel auszumachen. Und beim nächsten Schritt zu erfahren, dass ich noch lange nicht da bin.

Meine Absicht ist dennoch gut, denn ich sehe von mir ab. Absichten sind die Muskeln der Phantasie. Manch-mal, auf Exerzitien beispielsweise, lassen wir auch die grauen Absichten spielen. Zwar hat uns auch das Religiöse noch nicht ans Ziel gebracht, doch wie wenig wäre in Gang gekommen ohne dieses Spiel.

Meine Absichten leben auch vom Gespräch mit Gleich-gesinnten: Man fordert sich, ermutigt, grinst, die Komplizenschaft eines Sanatoriums: alle wollen gesund wer-den, keiner ist es schon, sonst wären wir nicht mehr hier. Das Ergebnis eines Glaubenstages: ich wäre so gern wie Bruder Franz. Ich auch. Ich aus. Tut das gut. Entschlossenheit des Glaubens: Jetzt oder nie. Der hl. Paulus: "Ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich lasse alles hinter mir und sehe nur noch, was vor mir liegt. Ich halte geradewegs auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen. Dieser Preis ist das neue Leben, zu dem Gott mich durch Jesus Christus berufen hat.

Und plötzlich, mitten auf dem Weg, ist ein Abgrund. Ein unüberwindbares Hindernis. Jakob war allein, es war Mitternacht am Fluß. "Da trat ihm ein Mann entgegen und kämpfte mit ihm bis zum Morgengrauen. Als der andere sah, dass ich Jakob nicht niederringen ließ, gibt er ihm einen Schlag auf das Hüftgelenk, so dass er sich aus-renkte. Dann sagte er zu ihm: Laß mich los; es wird schon Tag. Aber Jakob erwiderte: "Ich lasse dich erst los, wenn du mich gesegnet hast."

Nicht alle überleben diesen Kampf. Aber niemand bleibt verschont. Die Erfahrenen erkennt man am hinkenden Gang, an Narben und Entstellungen. Wenn es einen Gottesbeweis gibt, dann in der Erfahrung des Kämpfens, im erlebten Widerstand am Rande des Abgrunds. Es ist der schmerzliche Augenblick, da ich erfahre, dass alle meine Sicherheitsvorkehrungen nichts nützen. Es sei denn, der segnet mich! Am anderen Morgen ist gut lachen. Vielleicht erzählt ein graues Haar vom nächtlichen Drama in der Wüste.

Früher haben wir uns gewundert und mokiert über die wilden Krieger, ihr verkrampftes Lächeln, ihre unverständlichen Warnungen. Nun gehören wir selbst zu ihnen, sprechen ihre Sprache, hinken mit ihnen.

Es steht ja eben nicht so, dass wir uns zu Gott durch-kämpfen, sondern Gott kämpft sich zu uns durch", sagt Gertrud von le Fort. Mag sein: zuletzt der Sieg! Noch aber kämpfen wir. Das ist unsere Würde: Das gibt unserem Leben Sinn."


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