Allerheiligen 2000
Ich war 17 Jahre alt, als ich diese Sätze zum 1. Mal las:
"Selig, die arm sind / Selig die Trauernden / Selig die Sanftmütigen."
Ich hatte eine einigermaßen behütete Kindheit hinter mir. Ich wußte aber noch nicht, wohin mit mir. Vor dem Abitur und zur Vorbereitung auf die Berufswahl machte ich Exerzitien in Beuron. Das war damals noch üblich. Der Exerzitienmeister las uns diese Sätze vor. Satz für Satz hat mich das berührt. Wer sagt so etwas?
Ich hörte: Jesus. Und die Rede heißt: Die Bergpredigt.
Das ist nun mehr als 40 Jahre her. Diese Sätze begleite-ten mich durch Studium und Beruf, beim Nachdenken über Gottes Wort, beim Verkünden in den Gemeinden.
Und auch die Frage:" Auf wen trifft das zu ?" Sind das die "Heiligen", von denen Jesus da spricht?
Oder sind wir etwa gemeint - So wie wir sind ? Da möchte man zuerst eher abwinken: Nein - nicht wir ! Wir, die wir unser Leben verbringen mit Kleinigkeiten und Belanglosigkeiten. Die so oft vorne und hinten nicht mehr zurechtkommen unter den Belastungen des All-tags. Von denen ständig mehr verlangt wird als sie brin-gen können. Die unter vielerlei inneren Nöten oft mehr leiden als unter äußeren Schmerzen, die wir zuweilen auch aushalten müssen. Die so oft abends ins Bett ge-hen mit dem Bewußtsein, dass wieder Notwendiges nicht geschehen ist. Wir, die wir immer mehr Fragen als Antworten haben, die leben müssen unter der Last neue-ren Erfolges und beschwert sind mit der Ungewißheit, wie das alles weitergehen soll. Und die doch durstig sind nach den Schönheiten des Lebens und der Welt trotz unserer oft ausgeplünderten Seelen und dem flauen Ge-fühl, ob nicht doch alles vergeblich ist.
So leben wir zwischen Suchen und Verlieren, zwischen Ratlosigkeit und Hoffnung. Und geben doch nicht auf. Nur, wo nehmen wir die Kraft dazu her ? Je älter ich werde, um so mehr kommt es mir vor, als koste mich jedes Jahr mehr Kraft und Anstrengung. Und die An-onymität nimmt zu. Innen verloren fühlen wir uns in der Menge, ausgeliefert an Kräfte, von denen wir nicht ein-mal den Namen kennen!
Wie gerne würden wir das alles einmal aussprechen, was wir so lange schon auf dem Herzen haben. Aber ist es denn überhaupt der Rede wert ?
Und ich selber ? Bin ich selber denn der Rede wert ? Ja, sagt Gott, Ihr seid der Rede wert. Euch habe ich ge-meint, so wie ihr seid. Selig seid ihr, die ihr in so vielem arm dran seid und euch nicht aufplustert, als fehle euch nichts. Selig, dass ihr eure Armut zugebt.
Selig, dass ihr den Reichtum nicht von euch selbst er-wartet, weder von dem, was ihr geerbt habt noch von euerer eigenen Leistung. Selig, dass ihr nicht aufgebt. Dass ihr offen bleibt und auf der Suche. Selig seid ihr, weil ihr traurig seid über alles, was euch nicht gelingt; über alles, was ihr anderen schuldig bleibt; über alles, was man euch vorenthält. Selig, dass ihr nicht auf die falsche Freude hereinfällt, die sich ständig selbst beweisen will, dass alles in Butter ist .
Selig seid ihr, weil ihr mit anderen leidet, auch wo ihr nicht helfen könnt. Wo ihr nichts anderes tut, als euch einfach einzulassen auf die Traurigkeit der anderen und sie aushaltet. Ich weiß, das kostet viel Kraft.
Selig, weil ihr euch die Last eines anderen aufladet, zu all dem, was ihr selbst schon tragt.
Selig seid ihr Traurigen, weil ihr euch nicht drückt vor der unendlichen Traurigkeit dieser Welt. Und ihr sollt getröstet werden.
Selig seid ihr, wenn ihr nicht zuschlagt, um ein Problem mit Gewalt zu lösen, sondern mit Sanftmut und Geduld warten könnt. Das macht euch mir ähnlich.
Selig seid ihr, weil ihr der Versuchung nicht nachgebt, Sanftmut sei Schwäche und Geduld sei Hilflosigkeit.
Selig seid ihr, weil ihr den unfruchtbaren Feigenbaum, der schon seit drei Jahren keine Früchte bringt - und das ist lang - nicht einfach umhaut: das geht schnell. Weil ihr euch entschließt, die Erde noch einmal umzugraben, vielleicht - sicher ist das nicht - bringt er dann Frucht. Ich weiß, wieviel Kraft das kostet. Ich weiß, wie mißver-ständlich die Sanftmut ist, wie man sie ausnutzen kann, wie wehrlos sie ist. Und wie groß alle Versuchung, es mit Gewalt zu versuchen. Selig, weil ihr dem widersteht, auch wenn ihr nicht wißt, wie es weitergeht.
Ihr werdet das Land besitzen. Das Land der Seligkeit, das alle suchen, fällt euch in den Schoß, weil ihr nicht danach greift.
Selig seid ihr, weil ihr nicht lieblos aburteilt, sondern ver-sucht, barmherzig zu sein.
Es spricht so viel dafür: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Rasche Vergeltung beeindruckt, Barmherzigkeit ist nicht gefragt bei denen, die die Macht haben. So schnell steht man als Trottel da, als Schwächling, über den gelächelt wird. Das tut weh. Aber ihr widersteht auch dem. Denn ihr wißt, was sie alle brauchen, die an eure Tür kommen: ein bißchen Brot und viel Erbarmen. Selig seid ihr Barmherzigen. Auch euch wird Barmherzigkeit zuteil werden.
JA , sagt Gott, Ihr seid der Rede wert. Ihr seid dieser Rede wert. Euch habe ich damit gemeint. Ihr seid, sagt Gott, meine große Verschwendung.