32. Sonntag im Jahreskreis 2000 (B)
Eine Witwe war, zu biblischer Zeit, eine gezeichnete Frau. Sie hat ihren Mann verloren, und damit nicht nur ihren engsten Lebensgefährten und Partner, sondern auch ihre materielle Lebensgrundlage und Rechtssicherheit. Nur Männer konnten damals rechtskräftige Geschäfte abschließen oder vor Gericht auftreten. Sie ist darauf angewiesen, einen zweiten Ernährer oder männlichen Fürsprecher zu finden, oder sich durch ihre Kinder oder die eigenen Eltern versorgen zu lassen. So sind Witwen - wie übrigens auch Waisen - oft werden sie in einem Atemzug genannt - in der Bibel geradezu exemplarische Beispiele für ein von Verlust gezeichnetes Leben, für besonders angefochtene und schutzbedürftige Menschen, Inbegriff für alles Verlassene, Schutzlose, Ausgesetzte.
Die Witwe von Sarepta hatte denn auch mit ihrem Leben abgeschlossen. Sie vermag sich nicht länger zu behaupten. Sie legt Holz auf, um sich und ihrem Sohn ein letztes Essen zuzubereiten: "Das wollen wir noch essen und dann sterben." ( 1 Kor. 17/12) Da taucht der Prophet Elija auf und verlangt, zuerst von ihr verköstigt zu werden. Ohne Frage eine gewaltige Zumutung. So wehrt die Witwe zunächst ab: "So wahr, der Herr, dein Gott lebt ! Ich habe nichts mehr vorrätig als eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug." Dass sie, die Heidin, beim Gott Israels schwört, an den sie wahrscheinlich gar nicht glaubt, zeigt ihre ganze Not und Verzweiflung. Elija besteht jedoch auf seiner Bitte, denn er hat auch eine Verheißung mitgebracht: Dass der Mehltopf nicht leer und der Ölkrug nicht versiegen wird " bis zu dem Tag, an dem der Herr wieder Regen auf den Erdboden sendet."
Die Pointe der Geschichte:
Dass sich die Verheißung nur dann erfüllt, wenn die Frau sich
darauf einläßt. Sie tut es, und das Wunder geschieht:
Sie und ihr Sohn haben "viele Tage zu essen"!
Auch das Evangelium erzählt von einer Witwe. Jesus sitzt im Vorhof des Tempels und sieht den Leuten zu, wie sie Kupfermünzen in den Opferkasten werfen. Offensichtlich ein interessantes Geschehen. Es gibt an-scheinend viele Gutsituierte in Jerusalem und sie lassen sich auch nicht lumpen. Offenbar verstehen sie es auch, das die anderen sehen zu lassen. Nur Jesus fällt die arme Witwe auf, die verschämt und heimlich ihr kärgliches Opfer in den Kasten wirft. Das nimmt er zum Anlaß, wie so oft, um seinen Jüngern und uns etwas zu sagen.
Diese Geschichte steht am Ende des 12. Kapitels des Markus Evangeliums. Danach überschlagen sich die Ereignisse, bald beginnt die Leidensgeschichte. Dass die Begegnung mit der Witwe an dieser Stelle steht, läßt sie als wichtigen Fingerzeig (des Evangeliums) deuten:
Jesus sieht darin sein eigenes Schicksal : "Diese Frau hat alles gegeben, was sie besaß" (12,44).
Natürlich enthält die Geschichte auch einen moralischen Appell: Wir sollen nicht an unserem Besitz und nicht an uns selbst kleben, sondern freigiebig und offenherzig herschenken. Und es kommen uns Erlebnisse und Geschichten in den Sinn, wo arme Leute es verstehen, ihren Gästen aus einem "Fast-Nichts" an Vorräten ein Festmahl zu bereiten. Und angesichts unseres eigenen Wohlstandes, der uns doch oft so träge und unfrei macht, beschämt uns die Großherzigkeit der Witwe auch ein wenig. Doch darin geht diese Geschichte nicht auf.
Was wird denn die Frau jetzt tun ?
Heimgehen und sterben? Sich zu den Bettlern ans Tempeltor setzen?
Uns ökonomisch geschulten Zeitgenossen sträuben sich die Haare. Ist diese Frau nicht verrückt, verantwortungslos?
Wie gesagt: Jesus gibt hier kein Handzeig für eine christliche Spendenpraxis. Er sieht in der Witwe ein Bild seines eigenen Lebens und Sterbens. Deshalb steht die Geschichte an dieser Stelle. Sie leitet die Leidensgeschichte ein und ist bereits ein Teil von ihr. Jesus sieht in dem, was ihm bevorsteht, kein passives Hingerichtet werden, nicht nur Verlust und Debakel, sondern aktives Hingeben. Das ist die Pointe dieser Geschichte, die uns eine Erleuchtung und Offenbarung ist: Was ich verliere, er-hält einen anderen Sinn, wenn ich es begreifen kann als etwas, das ich freiwillig dahingebe. Das ist in unserem Leben meist ein zäher, schmerzlicher Prozess. In der Episode von der Witwe leuchtet eine Verheißung auf, ähnlich der des Elija: der Mehltopf wird nicht leer wer-den und der Ölkrug nicht versiegen. Dir kann nichts passieren. Für dich ist in jedem Fall gesorgt. Doch in dem du hingibst, läßt du auch die Angst fahren um das, was du hingibst - und um dich selbst.
Das ist kein therapeutisches Rezept zur Verlustbewältigung - nach dem Motto : Sorge dich nicht - lebe ! Es ist eine ureigene Botschaft der Bibel, die in diesen beiden Witwen die Bestätigung einer Verheißung sieht: die Verwandlung des Mangels in die totale Hingabe. So sieht auch Jesus seinen Weg, der vor ihm liegt. Und so können auch wir, wenn wir es vermögen, unseren eigenen Lebensweg sehen und verstehen, wenn uns das Äußerste abverlangt wird: Was ich verliere, erhält einen anderen Sinn, wenn ich es als Gabe, die ich hergebe, begreifen kann. Wandel des Mangels in Hingabe !