Das Heilige und die Gewalt

17.10.2001

Nach den grausamen Flugzeugattentaten auf das World-Trade- Center in New York und auf das Verteidigungsministerium in Washington mit möglicherweise Tausen-den von Toten und Schwerverletzten, kannte die Anteilnahme keine nationalen oder weltanschaulichen Grenzen. Die Ergriffenheit war echt. Trotz aller politischer und religiöser Gegensätze traf das Grauen Milliarden Menschen ins Herz. Mitten im Abgrund des Schreckens wurde spürbar: In den tiefsten Regungen des Mitleides, im Gespür für Recht und Unrecht ist die Menschheit schon viel enger zusammengewachsen, als man ihr zu-traute. Da beginnt tatsächlich so etwas wie die eine Welt spürbar zu werden. Dies konnten wir in diesen Tagen bewegend und erschütternd zugleich erleben.

Und ein Zweites: Offenbar kennen viele Menschen, auch wenn sie sonst ohne Religion leben oder zu leben vorgeben, in der Stunde derartiger Bedrängnis, immer noch die Ursprache des Betens und seiner Symbole, vom Kerzen-licht bis zu den gefalteten Händen. Selbst die Zeitung "Bild" überschrieb sein Massenblatt mit dem Stoßgebet :"Großer Gott, steh uns bei !".

Im gleichen Atemzug wurde uns aber auch die Teilung der einen Welt hart vor Augen geführt. Beim Betrachten der Fernsehbilder wusste ich nicht, worüber ich mehr entsetzt war: über die Schilderung des Attentats oder über die vor Fernsehkameras aufgeführten Jubelszenen von Palästinensern und ihren Kindern. Wer immer die wirklich Verantwortlichen an diesem Attentat waren, hier wurden uns die Wurzeln des Terrors vor Augen geführt: Ignoranz, Verblendung , Fanatismus und Hass.

Nichts wird mehr so sein wie vorher. Das 21. Jahrhundert hat mit dem Datum des 11. September 2001 begonnen. Können wir als Christen diese furchtbaren Zeichen der Zeit deuten ? In jedem Fall ist es der Tag an dem das Gefühl der Sicherheit, der Unangreifbarkeit verloren gegangen ist.

Die schrecklichen Szenen sind voller Symbolkraft. Zwei Türme, die buchstäblich in den Himmel gewachsen waren, wie eine Kathedrale der modernen westlichen Welt und Zivilisation. Hier waren die Büros aller bedeutenden Versicherungen, Banken und Kanzleien versammelt. Hier flanierten Besucher auf dem "Dach der Welt" , besuchten Restaurants, Bars und Kinos. Die Angebote der Vergnügungsgesellschaft und die wundersame Geldvermehrung der Banken und Versicherungen verbündeten sich sinnenfällig Seit an Seit. Und das Pentagon bildete das militärische Gegengewicht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten: die lückenlose Überwachung, die Schaltzentrale der Sicherheit und nahezu perfekten Information über alles, was in der Welt vor sich ging. So schien es jedenfalls.

Diese Ziele waren mehr als die sichtbaren Gebäude. Für (gläubige wie ungläubige) Amerikaner waren sie die Heiligtümer ihrer Wohlstandsgesellschaft. Für die mutmaßlichen Terroristen waren sie wahrscheinlich das genaue Gegenteil: ein Hort des Unglaubens, der Gotteslästerung, einer abgrundtiefen moralischen Verderbnis. Nicht nur das Bewusste, auch das Unbewusste wurde getroffen. Das erklärt das tiefe Entsetzen und die hämische Schadenfreude.

Kein Wunder , dass beide Seiten gnadenlose Härte verlangen. Die Anschläge haben Ausmaße, die mit den bis-her üblichen Vorstellungen nicht zu fassen sind. Auch wenn wir noch nicht sicher wissen, ob die Urheber wirklich von einem religiösen Wahn, oder aber von ganz und gar anderen Interessen beherrscht sind, haben sie Erschütterung ausgelöst, die gerade innerlich sensible Menschen ins Tiefste treffen, sie zutiefst erschrecken. In den Abgründen unserer Seele gibt es offenbar Erfahrungen von Allmacht und Tod, von Unantastbarkeit und Mord, Rettung und Vernichtung, die in tiefer Bedrängnis wieder zutage treten.

Unwillkürlich erinnert man sich an archaische Opferakte und in neuerer Zeit wieder häufiger auftretende Rituale des Massensterbens und gemeinsamen Martyriums. Ja, mehr noch, an apokalyptische Schreckensvisionen.

Was da geschah, sprengte unsere bisherige Vorstellung von Rache und Vergeltung. Der Hass, der sich da aus-drückte, ist von anderer erschreckender Qualität. Er wächst aus einem religiösem Fanatismus, das als heilig empfundene notfalls gewalttätig zu verteidigen.

Die japanischen Kamikaze-Flieger des 2. Weltkrieges empfanden sich als Verteidiger des gottgleich gedachten Königs, des "Himmelssohnes".

Die islamischen Kämpfer nennen sich "Gotteskrieger", ihren Kampf "heiliger Krieg". Was die eigenen Allmachtsvorstellungen stützt, ist wahr und heilig, alles gegnerische gilt als Abfall vom wahren Glauben, das sogleich ausgelöscht werden muss. Wer das göttliche beleidigt oder beschmutzt, hat sein Existenzrecht verwirkt. Da gilt es schon als Verunreinigung göttlichen Terrains, wenn amerikanische Soldaten arabischen Boden betreten.

Das alles ist nicht neu. Wir Christen haben da unsere eigene Last zu tragen. Inquisitionen, Ketzerverbrennun-gen, Religionskriege, Missionierung mit Kreuz und Schwert, verdüstern unsere Geschichte. Wir haben den Begriff des "Kreuzzuges" erfunden, der nun wieder bestürzende Auferstehung feiert. Offensichtlich verbinden sich in den tiefen Schichten unseres Unbewussten. Vorstellungen von Gottes Macht und eigenem Herrschaftsstreben. Die jahrtausende alte Geschichte. des "Sündenbocks" aus der alten israelitischen Religion ist wieder hochaktuell.

In seinem Buch "Wesen und Unwesen der Religion" schreibt der Freiburger Bernhard Welte: Zwischen frommem Eifer und fanatischem Wahn liegt nicht selten bloß ein schmaler Grat. Fanatische Täter knüpfen zur Rechtfertigung ihrer Grausamkeiten gerne an erhabene religiöse Bilder an. Ist es Zufall, dass die Attentäter in ihren Wahnvorstellungen ausgerechnet diese Türme aus-gesucht haben: nicht nur "Wolkenkratzer", sondern Himmelstürme, die ja die alte Geschichte vom Turmbau zu Babel geradezu nahe zulegen scheinen.

In diesem alten Mythus der Bibel straft Gott das Trachten der Menschen, die so sein wollen wie er, allmächtig und all-weise, Techniker und Erbauer der eigenen Zukunft. Nun wollen die fanatischen Attentäter selber sein wie Gott. Wie göttliche Racheengel haben sie das Zerstörungswerk selbst in die Hand genommen. Aus der Luft, vom Himmel her, brachten sie mit Flugzeugen den Tod in den angeblichen Tempel der Verderbnis.

Ihre barbarische Untat verstehen sie als göttliches Strafgericht. "Allah hat gestraft", hieß es auch in einigen Äußerungen aus der muslimischen Welt.

Der Schock sitzt tief.

Wir müssen erkennen, dass es mit dieser abgespaltenen Welt des Fanatismus keine Übersetzer, kein Dialog, keine Sprache, keine Brücke. gibt. Nur Umkehr kann helfen, Schärfung des Gewissens, Befreiung des wirklich Heiligen von allzu menschlichen Allmachtsphantasien.

Diesen Sprung haben freilich nur wenige Religionen wirklich geschafft. Neben dem Buddhismus, der allerdings eine ganz andere Grundstruktur hat, nur Judentum und Christentum -wenigstens in ihrer Theologie. Das Judentum hat dem heiligen Opferkult des Tempels mit dessen Zerstörung abgeschafft. Jesus Christus hat durch sein Opfer den ewigen Kreislauf des Opferns ein für allemal durchbrochen und vollendet, ja den spannungsgeladen Weg von der Allmacht zur Ohnmacht Gottes beschritten - bis heute für viele Menschen ein Ärgernis. Die Auferstehung als Befreiung, Rettung und Erlösung ist nur noch als Gottes Geschenk zu erhalten, nicht mehr als Menschenwerk. Paulus deutet dies so: Für die Freiheit hat uns Christus frei gemacht. Mehr noch - Gewaltfrei.

Gewiss brauchte das Christentum selbst lange, um diesen Anspruch an sich selbst einzuholen Nicht umsonst hat das Schuldbekenntnis Johannes Pauls des II zum Versagen der Christen in der Gewaltgeschichte der Menschheit die Welt so bewegt.

Andere Religionen - allen voran der Islam haben diese Wende bisher kaum in Ansätzen vollzogen. Immer noch meinen viele, die Religion werde durch die Abirrungen der eifernden Fanatiker gestärkt. Das Gegenteil ist der Fall. Die gewalttätigen Exzesse aus der islamischen Welt haben diesem selbst schweren Schaden zugefügt. In allen Zeiten waren Ausbrüche von Gewalt, um "Heiliges " zu schützen, in allen Religionen und Staaten Ausdruck ihrer inneren Krisen, Verdeckung eigener Schwächen. Eine Religion, die nicht bereit ist, sich ihrer eigenen Geschichten zu stellen, wird sich selbst in immer größere Verlegenheiten stürzen. Der wahre Heilige verabscheut Gewalt. Diese Einsicht entspricht menschlicher Erfahrung, diese Einsicht entspricht göttlichem Wesen und Offenbarung. So beinhalten es die großen Verheißungen des jüdischen wie des christlichen Testamentes. Und sie wird sich durchsetzen gegen alle Anschläge des Bösen in unseren Seelen und in dieser Welt.

Herr mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens.
Dass ich liebe, wo man hasst,
dass ich verzeihe, wo man beleidigt,
dass ich verbinde, wo Streit ist,
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert.


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