29. Sonntag im Jahreskreis 2001 / Lesejahr C
In der vergangenen Ferienzeit besuchte ich eine Ordensschwester im Kloster, deren kleiner Konvent sich in der Urlaubszeit einen etwas gelockerten Tagesablauf gegönnt hat. Als ich mich am Spätnachmittag erkundigte, wann denn die "Vesper" gesungen werde, kam blitzschnell die Antwort: "Überhaupt nicht. Wir beten selbst."
Das erinnerte mich an eine alte Theologengeschichte: Das Domkapitel einer Bischofsstadt war beim pflichtgemäß nachmittäglichen Beten der Vesper, als plötzlich ein schweres Gewitter aufzog. Als ein Blitz mit fürchterlichem Getöse in einen Blitzableiter des Domes einschlug, unterbrach einer der würdigen Herren das feierliche Psalmodieren und flüsterte seinem Nachbar zu: "Ich glaube, wir sollten damit aufhören und lieber richtig beten!"
Auch die Geschichte im heutige Evangelium erinnert an das "richtige" Beten. Wie ist es damit: Bei unserem persönlichen. Beten wie den "offiziellen" Gebeten der Kirche, dem gemeinsamen Gebet in den Familien wie in den Ordensgemeinschaften. Gebet als Pflicht, Gebet als Gebot ? Es wäre natürlich ideal, wenn nun alles deckungsgleich zusammenfiele: Kirchliches und persönliches Beten, Pflicht und Neigung. Aber in unserer Welt der Halbheiten und Bruchstücke, unter den Abnutzungen und Verschleißerscheinungen eines Alltages erfahren wir immer wieder, dass wir uns auch mit dem Unzulänglichen, den - oft faulen- Kompromissen abfinden müssen. Einmal sind wir selber, salopp gesagt, nicht immer in religiöser Hochform und umgekehrt erleben wir, dass uns ein Gottesdienst, an dem wir bereitwilligen Herzens teilnahmen, aus irgendwelchen Gründen dann enttäuscht und leer entlässt.
Die Gründe dafür sind oft recht äußerlicher Art: Uns persönlich widerstrebende liturgische Formen und Zeichen, eine schlechtere oder nicht willkommene Predigt und dergleichen mehr.
Aber wir leben nun einmal von Worten, Bildern, Zeichen und Gestalten. Und im Grunde nehmen wir ja auch ganz gerne Anstoß: Am Priester in Jeans und offenem Hemd die einen, an Soutane und steifem Kollar die anderen. Flapsige Ministranten in Turnschuhen ärgern manche, wobei andere sich freuen, dass überhaupt noch junge Menschen zum Dienst in der Kirche bereit sind. Manche mögen keine neuen - und dann oft "mager" gesungenen Kirchenlieder, den anderen ist "Großer Gott, wir loben dich" zu pathetisch. So sitzen wir - Verantwortliche wie Teilnehmer am Gottesdienst - oft zwischen allen Chorstühlen und Kirchenbänken, und haben unsere liebe Not damit, das innere Gleichgewicht zu finden zwischen Ansprüchen und Tatsachen, zwischen Pflicht und Neigung.
Ebenso schwierig ist es gelegentlich, die Waage zwischen dem persönlichen Gebet, der inneren Beteiligung und dem offiziellen Ablauf richtig einzustellen, damit wir "selbst beten" können. Schon die Jünger baten darum Jesus: "Herr, lehre uns beten". (Lk 11,1)
Und diese Bitte mag mancher von uns ein Leben lang als dringlich und notwendig empfinden, denn der Nöte mit dem Beten haben wir genug.
Die eingangs zitierten Geschichten sind Beispiele für die Erfahrung, das gemeinsame Beten oder die Mitfeier der hl. Messe sei ein Geschehen, an dem ich zwar äußerlich beteiligt bin, das aber innerlich an mir vorbei läuft, an dem ich nicht "selbst" beteiligt bin. Zwar empfehle Jesus für das persönliche Gebet ausdrücklich "die Kammer hinter der verschlossenen Tür" ( Mt.6,6). Doch kennt er und seine Jünger wie alle frommen Juden seiner Zeit auch die Notwendigkeit der betenden Gemeinschaft, das gemeinsame Gebet im Tempel und in den Synagogen, das Gebet in der Familie, besonders am Sabbat, feste Gebetszeiten und die jährliche (gemeinsame) Wallfahrt zu Ostern nach Jerusalem.
Doch ein solches Pflichtgebet, oder eine Gebetspflicht, an die wir durch unsere Zugehörigkeit zur Kirche, zum Christsein überhaupt oder zu einer Gemeinschaft gebunden sind, kann manche Leute durchaus in Bedrängnis führen. Viele, vor allem jüngere Menschen, welche die Kraft der guten Gewohnheit noch nicht so lange erfahren haben wie wir Ältere, sagen heute:" Ich gehe in die Kirche, wenn mir danach ist." Und meist ist ihnen dann nicht danach!
Doch spielt eine solche Äußerung auch darauf an, dass eine uns gute Gewohnheit sich auch ins Gegenteil umkehren kann, sofern sie zur bloßen Routine, zur Pflichterfüllung wird oder zu einem Buchstabengehorsam führt.
Solchen "Stimmungschristen" - möchte ich sie einmal nennen- gibt Frere Roger in seiner Regel von Taizé den bemerkenswerten Rat:" Es gibt Tage, wo für dich der Gottesdienst schwer wird. Wisse dann deinen Leib darzubieten, da ja schon deine Anwesenheit ein Zeichen ist für dein im Augenblick nicht zu verwirklichendes Verlangen, deinen Herrn zu loben. Glaube an die Gegenwart Christus in dir, auch wenn du keine spürbare Resonanz darin feststellst." Überdies mag dem eigenen Unvermögen auch der Gedanke helfen, dass die anderen Glieder der betenden Gemeinde auch stellvertretend für den einstehen, der augenblicklich nicht "selbst beten" kann.
Im AT (in der heutigen Lesung) wird vom Kampf der Israeliten gegen die Amalektiten berichtet, während dem Mose auf einem Berg mit erhobenen Armen für das Volk betet. Solange er die Arme hochhält, siegen die Israeliten, sobald er sie sinken lässt, die Amalektiten. Doch Mose ermattet, die Kraft seines Gebetes droht zu erlöschen. Da tragen Aaron und Hur einen Stein herbei, auf dem Mose sich setzt, und sie stützen seine Arme, so dass er sie hochhalten und durch sein Gebet den Sieg der Israeliten herbeiflehen kann (Ex 17,8). Eine wunderbare Geschichte!
Solcher Hilfen und Stützen durch andere bedürfen gelegentlich auch wir, um "selbst beten" zu können.
Christlicher Glaube und Beten weiß um das Geheimnis der Stellvertretung, seit Christus stellvertretend für alle Menschen gelitten hat und gestorben ist.
Dass wir dabei sogar stellvertretend für uns selber beten können, legt eine Stelle im "Ave Maria" nahe: "Bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes." So mag ein Mensch oft gebetet haben, der irgendwann später aus der Spur kommt und nicht mehr beten kann oder will und sich aus der Verbundenheit mit Gott durch bewusste Entscheidung oder aus Gleichgültigkeit gelöst hat. Das Gebet aber verfällt nicht mit der Zeit, wie überhaupt nichts Gutes verfällt, während das Böse durch Vergebung ausgelöscht werden kann. Wenn ein Mensch "jetzt" in die Zukunft hinein für "die Stunde seines Todes" betet, so wird diese Bitte sozusagen "gut geschrieben" und eingelöst, wenn die Stunde gekommen ist, was immer auch zuvor geschehen sein mag.
So angefochten unser Glaube oft ist, so leicht erschütterlich unsere Hoffnung, so unvollkommen unsere Liebe - ihre Spuren bleiben und verwehen nicht im Flugsand der Zeit.