33. Sonntag im Jahreskreis 2001 / Lesejahr C
In der Mitte des 17. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt der Barockzeit, verfasste Angelus Silesius seinen berühmten "Cherubinischen Wandersmann". Es ist eine Sammlung von kurzen, zweizeiligen geistlichen Sinnsprüchen, die entsprechend der barocken Lebensart von Glanz und Elend des Menschseins sprechen.
Vom Glanz, da der Mensch ein begnadetes, durch die Menschwerdung des Gottessohnes unendlich gewürdigtes Wesen sei; vom Elend, da das menschliche Leben zugleich an den alten Adam gemahnt und von unzähligen Widersprüchen, Versuchungen und zeitlichen Plagen durchzogen sei: "Ich bin ein selig Ding, mag ich ein Unding sein", formuliert der schlesische Poet und Mystiker.
Menschliches Leben ist kein "Nullsummenspiel", viel-mehr ist Gott so in Vorleistung getreten, dass keine der zahllosen Narreteien des menschlichen "Ichs" seine selige Bestimmung verhindern können. Gleichwohl steht für Silesius das menschliche Leben unter einem hohem Anspruch. Seine wohl berühmtesten, am meisten zitierten Zeilen lauten: "Mensch, werde wesentlich: denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht."
Wie mag der heutige Mensch auf solche Zeilen reagieren? Er kann ihre Schönheit erkennen, ihren Verblüffungseffekt wahrnehmen- und vermag doch nichts Neu-es zu entdecken. Ist das nicht wieder "die alte Leier", der altbekannte Versuch, das Materielle dem geistigen unter-zuordnen, den weltlichen Freuden Wert und Sinn abzusprechen! Doch wir haben das allzu durchsichtige Spiel des frommen Predigers längst durchschaut, das Vergängliche abzuwerten, um das Himmlische schmackhaft zu machen, den ewigen Schöpfer vom zeitlichen Geschöpf, den Heiligen vom Sünder abzugrenzen. Allzu bekannt ist, dass damit viel Missbrauch getrieben wurde (und wird), und Glaube und Religion so in Gegensatz zu Lebensfreude gesetzt wurde. Doch kann man auch diese Belastung annehmen und dennoch in dem Zweizeiler einen "Mehr-Wert" entdecken. Denn die Zeilen geben doch so knapp wie präzise die tatsächliche Situation des Menschseins wieder. Unsere Existenz läuft ja in der Tat auf das Verlöschen allen Zufälligen und Zeitlichen hinaus, auf das Ende von allem Sinnlichen und Materiellen. Muß nicht jeder Mensch - ob früher oder später - ob freiwillig oder gezwungen - irgendwann in seinem Leben einmal erkennen, dass alle Pracht der Welt (und seines Lebens) vergänglich ist, ein, wie es Silesius formuliert "überaus schönes Nichts". Doch Silesius zielt nicht gegen das Vergängliche, son-dern auf das Ewige. Dem Zeitlichen und Zufälligen, das "wegfallen" wird, stellt er das "Wesentliche" voran, das unzerstörbar ist. Das gilt es zu finden und zu pflegen. Doch wie? Es gibt keine ernstzunehmende philosophische oder religiöse Tradition, die nicht darum weiß, dass des Menschen Wesen und Wesentliches in seinem Innern liegt: in der Tiefe seines Denkens, in der Intensität seines Liebens, in der Echtheit seiner Gebete. Wer in sich selbst einkehren kann, um nachzusinnen; wer ein Liebender geworden ist, wer sich immer neu dem Geheimnis Gottes aussetzt, der ist auf dem besten Weg, ein "wesentlicher Mensch" zu werden. Auf diesem Weg werden auch wundervolle Produkte hervorgehen: Kostbare Manuskripte, wundervolle literarische Texte, imposante Tempel - doch wird im Letzten, wenn überhaupt, nicht die äußere Hülle bleiben, sondern der innere Kern dem erbarmungslosen Ansturm der Zeit standhalten. Wenn nicht die Manuskripte überdauern, dann doch der in ihnen wohnende Geist, wenn nicht die überlieferten Verse, so das alltägliche Antlitz der Liebe; wenn nicht die steinernen Kathedralen, dann die ihnen gesprochenen Gebete und Klagen. Kurz: Nicht das, was wir machen oder haben, sondern das, was wir sind.
So sind wohl auch die Hinweise zu verstehen, die Jesus in seiner, zunächst erschreckenden Rede über die Nöte der "Endzeit" (Lk 21) gibt: Auch Jesus denkt an den "wesentlichen Menschen", wenn er von den Wirren dieser - und jeder - Zeit spricht. Wer sonst wäre davor gefeit, jedem Druck des Zeitgeistes nachzugeben und Torheiten und Toren nachzulaufen. (Lk 21,8) Wer sonst findet in sich selbst genug Mut und Standhaftigkeit, um auf Krieg, Terror und Verfolgung nicht einzig mit Hass, Gewalt oder Verzweiflung zu reagieren? Wer sonst könnte die Zeichen der Zeit wahrnehmen und richtig deuten? "Wacht und betet alle Zeit, damit ihr in allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt", schließt Jesus dieses dramatische Kapitel (Lk 21,36).
Der Weg zum wesentlichen Menschen, das weiß auch die Bibel, ist ein schmaler Weg, der hier auf Erden kein En-de nimmt. Doch es scheint, dass wir in uns eine Ahnung besitzen, die uns wenn wir nur wollen, die Richtung zeigt. Der wesentliche Mensch weiß von der Möglichkeit, auf diesem Weg voranzuschreiten oder zu fallen, doch vor allem von der Hoffnung, dass all unsere Haupt- Neben- und Holzwege einmal zu einem großen Ganzen führen. So darf man sich den wesentlichen Menschen getrost als einen heiteren vorstellen.
"Mensch werde wesentlich: denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht."