Die Verklärung Jesu, Mt 17, 1-9

24. Februar 2002, Lesejahr A (2. Fastensonntag)

Peter Handke berichtet von einem französischen Freund, der ihm "verklärend, aber um so mehr einleuchtend", wie er schreibt, er-zählt habe, wie nach der Befreiung Frankreichs von der dt. Besatzungsmacht "wochenlang ein Strahlen durch das ganze Land gegangen" sei. Und aus seiner eigenen Kindheit spricht er von der "großen gemeinsamen Müdigkeit" der Dorfbewohner nach dem Korndreschen und sagt doch gleich hinzu: "Verklärt da nicht die Vergangenheit ?" Seine Antwort: "Wenn die Vergangenheit so war, dass sie es schafft zu verklären, so soll es mir recht sein, und ich glaube solcher Verklärung. Ich weiß, dass diese Zeit eine heilige war."

Wir haben zu diesem Wort "Verklärung" kein so ungebrochenes und schöpferisches Verhältnis mehr wie Peter Handke. Wir gebrauchen es in Zusammenhängen wie: Kinder betrachten verklärt ein Spielzeug oder den Weihnachtsbaum. Oder einer spricht mit verklärten Augen über seine erste Jugendliebe oder die ach so schöne Studienzeit. Und wir denken: Ja, er übertreibt ein bisschen. Oder anders ausgedrückt: Über dem was er erzählt, liegt ein rosa-roter Schleier. Wer etwas verklärt, gilt als nicht ganz glaubwürdig, steht im Verdacht, etwas zu beschönigen und eine verklärte Vergangenheit der harten Wirklichkeit vorzuziehen. Verklärung also ein Wort aus der Welt der Kinder und der Träume. Mit genauer Berichterstattung oder wissenschaftlicher Arbeit hat das nichts zu tun. Und doch kommt ohne Verklärung auch der Bürger unserer heutigen Informationsgesellschaft, deren Ideal die kritische, aber objektive Berichterstattung ist, nicht aus. Oder gerade er am aller-wenigsten ! Und so wird die harte Arbeitswoche durch die Aussicht auf das kommende Wochenende verklärt !Und der Trott des Alltages durch die Aussicht auf eine schöne Urlaubsreise. Die Vergangenheit verklärt - heißt es bei Handke. Die Zukunft nicht min-der, können wir hinzufügen. Ein erwartetes Fest oder ein freudiges Ereignis verklärt die Zeit, die bis dahin noch bevorsteht. Doch ob Erinnerung oder Erwartung, etwas von süßer Enttäuschung behält das Wort Verklärung fast immer. Wer etwas verklärt, findet offen-bar am Vorhandenen kein Genügen. Er sehnt sich dabei nicht nach einem "Mehr": an Leistung, an Stärke, an Lebenskampf - sondern nach etwas Anderem: nach einer anderen Qualität des Lebens: nach mühelosem Gelingen, nach Wärme, nach einem ungezwungenen Miteinander. Verklärung, ob erlesen oder banal - richtet sich auf eine andere Wirklichkeit.

Blaise Pascal war überzeugt, "dass der Mensch den Menschen unendlich übersteigt." Wie der Urlaub die Arbeit, das Wochenende den Montag, das Fest den Alltag. Ähnlich - und doch ganz anders. Wie sollte auch der Mensch als ein unendlich sich übersteigendes Wesen sein Gefallen an etwas Endlichem finden ?

Doch kann Verklärung Bestand haben ? Nur dann, wenn das, was sie verheißt, verlässlich ist. Wenn das Verklärte wahrer ist als das Vorhandene. Wenn Verklärung die Wirklichkeit nicht umverschönert, sondern vertieft. Das aber ist mehr als Wochenende, Sonnenschein, festliche Vorfreude. Das Ungenügen am Endlichen muss sich verwandeln ins Teilhaben am Unendlichen - ein Vorhaben, das ein ganzes Leben auszufüllen vermag.

Doch offenbar ist Verklärung innerhalb der Menschengeschichte kein stabiler Zustand. Maria Magdalena gelingt es nicht, den geliebten Auferstandenen im Garten festzuhalten. Petrus kann sich nicht mit seinem Vorschlag durchsetzen, die illustre Verklärungsrunde an Ort und Stelle in eine feste Ansiedlung zu überführen: Mose, Elia und Jesus - wann hat man sie schon einmal alle drei beisammen an einem Ort! Auch Petrus, und das ist das ist das rührend menschliche an dieser Szene - versteht Verklärung als Idylle !

So jung und in solch geglückter Zusammenstellung kommen wir nie mehr zusammen! Also lasst uns Nägel mit Köpfen machen ! Doch kaum hat er es ausgesprochen, schiebt sich schon eine Wolke in die Sonne und ihr Dunkel fällt auf die Jünger. Und die Stimme aus der Wolke sagt zwar nichts, was man nicht schon wusste ("Dies ist mein geliebter Sohn"), aber sie ist zum Fürchten. Statt Hütten zu zimmern, warfen sich die Jünger "mit dem Gesicht zu Boden". Die verklärende Nähe Gottes ist kein Grund zur Gemütlichkeit. Gottes Verklärung ist Aufklärung - und sie stellt alles Bekannte und Vorhandene in Frage und auf den Kopf. Doch nun richtet Jesus die über ihre eigenen Wunschvorstellungen Gestürzten wieder auf und zeigt vollends: In diesem Gott sind Güte und Gewalt, Charme und Schrecken eigentümlich und ununterscheidbar gemischt.

Als Jesus vom Berg der Verklärung hinabsteigt, weiß er, wohin ihn sein weiterer Weg führen wird. Und die Jünger wissen es auch. Aber aus der Verklärung, die ihm und ihnen widerfahren ist, und aus der Verheißung, die sie enthält, empfingen sie und er die Kraft, den Weg nach Jerusalem zu gehen, der ein Weg in den Tod sein wird. Würde die Verklärung fehlen, wäre da nur lahmendes Entsetzen. "

Dass der Mensch den Menschen unendlich übersteigt", war Blaise Pascal überzeugt. Und er fährt fort:" Vernimm von deinem Meister deine wahre Verfassung, die du nicht kennst. Höre auf Gott."

Gottes Verklärung hat ihren eigenen Grund. Ihr entspricht eine tiefe Wirklichkeit. Es muss nicht unbedingt die sein, die wir schon kennen.


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