Die Auferstehung Jesu nach Mt 28, 1-10

Osternacht 2002

Bei den Ratsuchenden an unseren Beratungseinrichtungen stellen wir zunehmend ein neues Symptom fest: So eine Art inneres Abgestorbensein. Viele Menschen sind erstarrt in Routine und Äußerlichkeiten. Das Leben strömt nicht mehr in ihnen. Sie sind wie abgetrennt von ihren inneren Quellen.

Wir feiern Ostern als Fest der Auferstehung. Als Fest der Hoffnung gegen den Tod und gegen alle innere Erstarrung: den Tod in uns und in unseren Beziehungen, gegen die heute so weit verbreitete Stimmung der allgemeinen Depression. Und wir feiern Ostern gegen die Angst, dass alles Leben einmal im Tode endet. Das Osterfest verkündet uns - gegen die heute weit verbreitete Meinung, wir könnten über das Leben jenseits des Todes nichts sagen - dass wir im Tod mit Christus zum ewigen Leben auferstehen. Christus hat mit seiner Auferstehung die Macht des Todes für immer zerbrochen. Auferstehung heißt, dass Gott und die Liebe stärker sind als der Tod. Auch im Tod werden wir aus der Liebe Gottes nicht herausfallen. Die Liebe Gottes wird uns jenseits des Todes erwarten und unsere tiefsten Sehnsüchte erfüllen.

In der Osternacht lesen wir in diesem Jahr die Auferstehungsgeschichte nach Matthäus. Sie unterscheidet sich von den anderen Evangelien dadurch, dass Maria aus Magdala und die andere Maria schon in der Abenddämmerung zum Grab kommen. Sie wollen bei Jesus wachen, das Grab betrachten und meditieren, wie das griechische Wort für "sehen" eigentlich heißt. Bei allen 4 Evangelisten sind es übrigens die Frauen, die als erste den Weg zum Grab wagen und die Auferstehung Jesu bezeugen. Frauen sind offensichtlich mutiger, wenn es darum geht, sich Tod und Trauer zu stellen. Männer weichen diesem Thema eher aus. Die Ostererfahrung, so sagen uns die Evangelien, haben mit den weiblichen Anteilen unserer Seele zu tun.

Während die Frauen auf das Grab schauen und im Schauen den Sinn des Geschehens zu verstehen suchen, entsteht plötzlich ein gewaltiges Erdbeben. Die Frauen erleben die Auferstehung mit - allerdings nur ihre Außenseite. Das eigentliche Geschehen bleibt unsichtbar. Im Bild des Erdbebens beschreibt Matthäus die Auswirkungen der Auferweckung Jesu auf uns und unsere Seele. Wenn Christus in mir aufersteht, kommt etwas in Bewegung. Dann entsteht ein Beben. Alles Erstarrte in mir wird aufgebrochen, damit das Leben neu entstehen kann. Und: In der Auferstehung Jesu bringt Gott auch die Grundfeste der Welt zum Beben. Er setzt die bisherigen Maßstäbe dieser Welt außer Kraft. Das zweite Bild, das Matthäus verwendet, ist das des Engels, der vom Himmel herabsteigt. Der Engel tritt an das Grab, wälzt den Stein weg und setzt sich darauf. Auferstehung heißt: Dass ein Engel vom Himmel herabsteigt, dass sich über mir der Himmel öffnet. Der Engel tritt an mein Grab. Er kommt auf mich zu. Auferstehung ist ein Ereignis, dass mir von außen her widerfährt, dass ich nicht mir selber machen kann. Der Engel wälzt den Stein weg, der mich am Leben hindert, der mich blockiert, der das, was in mir ist, nicht leben lässt. Der Engel setzt sich auf den Stein. Das leere Grab wird zum Erinnerungsstein für Gottes Wirken. Die Gestalt des Engels leuchtet wie ein Blitz. Auferstehungserfahrung ist wie eine innere Erleuchtung. Doch diese Erleuchtung lässt sich nicht festhalten. Sie ist wie ein Blitz, der wieder vergeht. Entscheidend ist ihre Wirkung! Matthäus schildert wie die Grabeswächter vor Angst zittern und wie tot zu Boden fallen. Auch in und unter uns gibt es solche Grabeswächter. Sie wachen darüber, dass alles beim alten bleibt, dass ich nicht aufstehen kann aus dem Grab meiner Ängste und Enttäuschungen, aus dem Grab meiner Depressionen und meiner Resignation. Das sind die Lebensmuster, die sich tief in mich eingegraben haben und mich nicht mehr frei leben lassen. Doch wenn der Engel Gottes an mein Grab tritt, dann fallen die Wächter wie tot zu Boden. Sie haben keine Macht mehr. Nichts kann meine Auferstehung mehr verhindern - nur ich selber!

Der Engel spricht die Frauen an. Er lädt sie ein, sich das Grab genauer anzuschauen, die Stelle zu betrachten, an der Jesus gelegen hat. Sie sollen sich nochmals mit dem Tod und der Vernichtung aller ihrer Hoffnungen beschäftigen, sich nochmals der Dunkelheit des Grabes stellen, damit sie das Wunder der Auferstehung besser begreifen können. Sie sollen mit eigenen Augen den Ort betrachten, an dem Christus gelegen hat. Der Tod hat ihn nicht festhalten können. Jesus ist auferstanden. Diese frohe Botschaft sollen die Frauen nun den Jüngern verkünden. Auferstehung ist nicht nur eine eigene Lichterfahrung, die ich still für mich genießen kann. Ich soll aufstehen, zu meinen Brüdern und Schwestern gehen und ihnen verkünden, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und ihnen voraus geht nach Galiläa. Galiläa ist der Ort ihres Alltags, wo sie ihre alltägliche Arbeit verrichten. Zugleich ist Galiläa das "Mischland". Hier wohnten Juden und Heiden zusammen. Auch das ist ein Bild für unser Leben, in dem das Gottlose und das Fromme, die Liebe und der Hass, das Vertrauen und die Angst, die Hoffnung und die Verzweiflung zusammen wohnen, und sich oft genug miteinander vermischen, so dass wir uns nicht mehr auskennen in und mit uns selbst. Dort sollen wir den Auferstandenen suchen. Auferstehung bewährt sich im Alltag. Hier zeigt sich, ob alles nur Einbildung und Illusion war, oder sich mein Leben wirklich verwandelt hat.

Die Frauen sind bereit, diese Sendung zu erfüllen. Und als sie sich auf den Weg machen, kommt ihnen Jesus entgegen und spricht sie an: "Seid gegrüßt!" Die Frauen erkennen den Auferstandenen - anders als ihre männlichen Jünger - sofort. Sie fallen vor ihm nieder und umfassen seine Füße. Jesus lässt sich von ihnen berühren. Sie dürfen die Erfahrung des Auferstandenen voll auskosten. Aber sie dürfen dabei nicht stehen bleiben. "Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen, und dort werden sie mich sehen!"

Die Begegnung mit dem Auferstandenen nimmt den Frauen alle Furcht. So will Christus auch unser aller Angst vor den Grauen des Todes nehmen. Die Frauen verkünden auch uns heute: Christus ist auferstanden. Und auch du wirst vom Tode auferstehen. Sei ohne Angst. Du wirst nie - auch im Tode nicht - aus der Gemeinschaft mit Gott und den Menschen, die du liebst, herausfallen. Du wirst sie in Gott wiederfinden, und mit ihnen gemeinsam das ewige Lob des lebendigen Gottes singen:

Hallelujah, Christus ist auferstanden, ja er ist ...


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