Ostermontag 2002
Zweifel gehören zu den härtesten und drückendsten Nöten im Menschenleben. Zweifel bilden nicht selten die Ursache unglücklicher Kurzschlüsse, die höchst verhängnisvoll werden können. Zweifel erzeugen das Gefühl von Niedergeschlagenheit, fördern dumme Vorurteile und Misstrauen und können mit Lähmungserscheinungen enden, die den Menschen unfähig machen, überhaupt noch mit dem Leben zurecht zu kommen.
An dem Bericht von den Emmausjüngern fällt auf, welchen breiten Raum dem menschlichen Zweifel gegenüber der Osterbotschaft eingeräumt wird. Von ihrer Verzweiflung zutiefst erschüttert, hören die Jünger auf die Kunde der Frauen gar nicht erst hin und erst sehr spät erkennen sie selber in ihrem Gefährten den auferstandenen Herrn.
Die beiden Jünger hatten ihr Leben auf diesen Jesus von Nazareth gebaut. Niemals hätten sie sich einen solchen Zusammenbruch träumen lassen. Ein Messias, das war in ihren Augen der starke Mann, der die Kette der Unfreiheit zerbricht und die nationale Schande ihres Volkes auslöscht. Sein Sterben am Kreuz hat alle Zuversicht dieser Menschen zerschlagen. Dass er jetzt tot im Grabe liegt, bedeutet für sie, dass alles aus ist! "Wir aber hatten gehofft" - ist der immer wiederkehrende Refrain ihrer derzeitigen Lebensmelodie. Die beiden sind so im Bann ihrer traurigen Gedanken, dass sie unfähig sind, mit den Ereignissen fertig zu werden. Sie haben zwar inzwischen gehört, dass er lebe, aber dass erscheint ihnen allzu unwahrscheinlich, zumal es Frauen sind, die es erzählten. Ihre Verzweiflung macht sie unfähig, das Wirken Gottes als neue Hoffnung im und nach dem Zusammenbruch zu erkennen. Und all das erzählen sie völlig arglos diesem Unbekannten, der ihnen dazu noch äußerst ahnungslos erscheint. Der Herr nennt diese beiden Jünger "Unverständige" - also Menschen, die nur schwer begreifen, die Augen haben, aber nicht sehen können, obwohl ihnen als fromme Juden die Gedanken Gottes und die Wörter seiner Propheten nicht gänzlich unbekannt sein dürften. Doch in aller Geduld erklärt der Wegbegleiter ihnen die Schrift und lenkt ihre Gedanken aus ihrer Ratlosigkeit auf den Weg Gottes. Er spricht vom "müssen", von einer höheren Weisheit und Notwendigkeit, mit der Gott plant. "Musste nicht Christus dies alles erleiden...?" Ja, alle Mühe wendet der Herr auf, dass sie sein Kreuz richtig sehen und verstehen lernen. Denn hier liegt im letzten der tiefste Grund für die Zweifel der Emmausjünger: In der Torheit und dem Ärgernis des Kreuzes. Auch heute wollen viele Christen das Kreuz am liebsten unterschlagen. Doch haben wir Ostern erst dann richtig verstanden, wenn wir auch das Kreuz als Zeichen Gottes in eine Welt aufnehmen können, die sich aus eigener Kraft nicht zu erlösen vermag. Ostern allein macht das Leben nicht leichter - ein billiger Sinn dieses Wortes. Ostern und das Bekenntnis zum Kreuz gehören zusammen wie das Sterben des Weizenkornes und die volle Frucht der Ähre. Erst nach und durch sein schmerzvolles Leiden und Sterben erfährt der Messias sein neues Leben in Gott. Nur so macht auch der Osterglaube unser Leben freier und heller, weiter und erfüllter: Dass der Mensch, der Ja sagt zu seinem persönlichen, ihm hier immer unbegreiflich bleibenden Lebenskreuz, darin das Ja zum Leben und zu Gott erfährt. Dies alles bleibt allerdings dem unverständlich, der meint, er erreiche mit dem, was er für Gott oder andere tue, das Recht, in dieser Welt auf seine Kosten zu kommen. Nein, Ostern beseitigt erst dann restlos unsere Zweifel, wenn wir auch zum Kreuz unser Ja sagen können.