Pfingstmontag 2002
Wenn wir die Menschheit heute auf die Größe eines Dorfes von 100 Einwohnern reduzieren würden, wären von diesen 100 Einwohner 57 Asiaten, 21 Europäer (West- und Osteuropa), 14 Amerikaner (Nord- und Südamerika) und 8 Afrikaner.
52 wären Frauen, 48 Männer, 70 Farbige und 30 Weiße, 30 Christen und 70 Nichtchristen. 6 Einwohner würden über 60% des gesamten Dorfvermögens verfügen, 80 hätten keine angemessene Wohnung, 70 wären Analphabeten, 50 unterernährt. Wenn einer stirbt, werden 2 geboren. Ein einziger hätte einen Computer und nur einer einen akademischen Abschluss. Wer am Morgen gesünder als kränker aufwacht, ist glücklicher als 1 Million Menschen, die den Tag nicht überleben werden. Wer noch keinen Krieg erleben musste, vor Gefangenschaft und Folter bewahrt wurde und nicht hungern muss, ist glücklicher als 500 Millionen Menschen auf dieser Welt. Wer in die Kirche gehen kann ohne Angst, dass er bestraft, verhaftet oder umgebracht wird, ist glücklicher als 3 Millionen Menschen. Wer weiß, dass sich im Kühlschrank frische Nahrung befindet, wer gut angezogen ist, ein Dach über dem Kopf hat und ein Bett zum Schlafen ist sicherer als 3/4 der anderen Bewohner dieser Welt. Und wer gar ein Konto bei der Bank hat, Geld im Portemonnaie und etwas auf dem Sparbuch gehört zu den 6 Wohlhabenden (von 100) in unserem Weltendorf.
In diese Welt kommt nun Gottes Geist - in eine gebrochene und gespaltene Welt. Wir wissen nicht, wie es weiter geht. So vieles bleibt unberechenbar. Jeden Tag lesen wir neue Analysen und Prognosen. Wir wissen viel. Und zugleich nehmen die Risiken und Verletzungen zu. In der Tat, es ist eine stürmische Zeit - wie damals zu Pfingsten, ist das nicht allzu sehr gewagt, unsere Zeit als pfingstliche Zeit zu sehen? Natürlich, wer Pfingsten für ein harmonisches Ereignis hält, wird in dieser konfliktreichen Zeit wenig pfingstliches erleben. Wer aber das Brausen und den Sturm auch als Umbruch einer Krise sieht, die auch neue Möglichkeiten und Chancen wachrufen kann, der wird auch in dieser Zeit das Wirken des Heiligen Geistes entdecken können. Ja, er wird vielleicht selber mit Heiligem Geist erfüllt, und versteht plötzlich die anderen Menschen viel besser.
Vom ersten Pfingsttag wird gesagt, dass man sich bei allem Getöse und aller multikultureller Fremdheit schlussendlich doch verstanden hat. Ja, es entwickelte sich daraus eine Dynamik, welche die frühen Christen gerade dazu befähigte, Gottes große Taten in den verschiedenen Sprachen und Völkern zu verkündigen.
Wie kann dies für einen Christen heute aussehen?
Pfingsten 2002 heißt: Da sein in dieser Zeit, in meiner Stadt, in meiner Welt, mit all ihren Spannungen und Freundschaften. Nicht, einen neuen Seelsorgeplan zu entwickeln, sondern einfach mit und für andere da sein - in der Gewissheit: Auch heute entsteht das Reich Gottes, und ich gehöre dazu. Einfach da zu sein ist nicht immer leicht, denn hier wird eine Treue gefordert, die in unserer Welt der Beliebigkeit, der Aussteiger, des stetig neuen Erlebnishungers wenig Verständnis findet. Ich bleibe nicht nur für eine bestimmte Zeit. Ich bleibe in guten und in bösen Tagen. Im Jahresgebet der Eucharistie am Pfingstmontag heißt es:" Gott, unser Vater, nimm unsere Gaben an, in denen das Opfer deines Sohnes gegenwärtig wird. Aus seiner Seitenwunde ist die Kirche hervorgegangen als Werk des Heiligen Geistes. Lass sie ihren Ursprung nie vergessen, sondern daraus Leben und Heil schöpfen."
Der Ursprung des Christentums ist eine Wunde. Das steht in Kontrast zu einer Welt, die bei uns vorwiegend als Spaß-Gesellschaft verstanden wird. Aber Jugendlichkeit und Gesundheit, Unterhaltung und Rausch sind nicht das ganze Leben. In unserem globalen Dorf gibt es auch Scheitern, Hungern und Krieg. Davor laufen die Christen nicht weg. Sie bleiben auch beim Gekreuzigten und bei den Gekreuzigten unserer Zeit. Und schließlich ist Pfingsten ohne die Wahrheitsfrage nicht zu verstehen. Der Geist wird euch in die ganze Wahrheit einführen, verheißt Jesus. Ein Christentum, das sich selber ernst nimmt, muß der allgemeinen Tendenz zur Enthaltsamkeit in Wahrheitsfragen widersprechen. Denn eine solche Enthaltsamkeit verschuldet auch die heute weitverbreitete Sprachlosigkeit gegenüber den Fragen nach Anfang und Ende des Lebens, nach Schuld und Neubeginn. Dasein mit dem Heiligen Geist heißt, dass wir Menschen uns gegenseitig Wahrheitsfähigkeit unterstellen, gemeinsam nach der Wahrheit suchen, unterschiedliche Wahrheitsansprüche austragen und uns dabei gegenseitig in unserer Menschenwürde achten.
Gerade in unserer Welt der wachsenden Vielfalt der Religionen und Kulturen ist es dem Christentum von seinem Selbstverständnis nicht erlaubt, sich mit der moralischen Gleichgültigkeit in religiösen Fragen abzufinden. Das Christentum ist seit Pfingsten auch Anwalt der Wahrheitsfrage. Dabei ist klar, dass die Wahrheit nur in einem gemeinsamen Prozess gefunden werden kann, und wir dabei stets selber immer Lernende und Suchende sind. Aber verschweigen können und dürfen wir die Frage nach der Wahrheit nicht. Christliches Leben ist ohne die Leidenschaft für die Wahrheit nicht zu haben.
Christsein in unserem globalisierten Weltendorf ist inzwischen auch bei uns eine missionarische Lebensreise. Dasein bei den Verwundeten, Dasein mit der Frage nach der Wahrheit, Leute wachzurütteln, selber ein lebendiges Geheimnis zu sein, so zu leben, als würde mein Leben ohne Gott keinen Sinn machen - das ist Pfingsten 2002: Dasein mit dem Heiligen Geist.