19. Sonntag im Jahreskreis - 11. August 2002
Über der schwarzen Silhouette eines Waldes malt sich in den Himmel ein zartes Morgenrot. Aber statt des ersten Vogelgezwitschers hört man eine Geige den Ton anstimmen. Andere Instrumente folgen, dann das ganze Orchester. Sekunden später ein neues Bild: Hinter einer Hecke wird ein Haus sichtbar. Weiß leuchtet es in der Morgendämmerung, in einem Fenster brennt Licht. Aus den Stimmen des Orchesters schält sich eine Melodie heraus. Das Ohr erkennt die dritte Symphonie von Brahms -oder auch nicht, das Herz folgt dem zaghaften Ansteigen der Töne, fällt mit Ihnen zurück in die Tiefe, um erneut den Aufstieg zu wagen. Am unteren Bildrand erscheint nun ein Schriftzug: Musikvereinssaal Wien. Noch während der Betrachter über die verwirrende Krepanz zwischen dem schmucklosen Haus und dem Namen des großen Konzertsaales rätselt, entschwinden Bild, Name und Musik - und ein graues Haus taucht auf, eine triste Mietskaserne, vor der auf grünem Rasen weiße Laken an einer Wäscheleine im Wind tanzen. Sie tanzen zu einem Klarinettenkonzert von Mozart, und die Bäume wiegen sich in seinen klagenden Tönen. "Herkulessaal der Residenz, München", steht diesmal darunter, und der Betrachter beginnt zu ahnen, dass dies kein Scherz und keine Verwechslung ist.
Schon geht es weiter. Nach wenigen Takten wird die Sehnsuchtsmelodie der Klarinette abgelöst von der strengen, harten Tonfolge einer Cellosuite von Bach. "Carnegie Hall, New York", steht darunter. Was man aber sieht sind die Dächer von Reihenhäusern unter einem bleigrauen Himmel. Eine Krähe breitet ihre Flügel auch und schwingt sich davon. Dem Blick öffnet sich eine weites Feld, in der Ferne stehen einige Wohnwagen. Donnernd jagt Wagners Walkürenritt über die Ebene. Und schon wird der Schriftzug:" Festspielhaus Bayreuth" abgelöst von "Westminster Abbey, London" und einem innigen "Ave Maria", das wie ein Gebet die zahllosen Stockwerke eines pyramidenförmigen Hochhauses emporklettert. Ehrfürchtig wiegt sich eine Pappel im Wind. Sie weicht anderen Bäumen vor einem anderen Hochhaus. Wie ein grauer Würfel steht es einsam auf einer Wiese, umtanzt von den Walzertakten einer Steicherserenade von Brahms. Natürlich ist auch dies nicht das "Concertgebouw, Amsterdam. Es ist Abend geworden. In einem Fenster brennt schon wieder Licht. Das Haus steht am Ende einer langen Häuserzeile. Eine Arie aus der Oper Puccinis erklingt. Angeblich kommt sie aus der Scala in Mailand.
Zuletzt ein Bahnhof. Oder doch die "Philharmonie Berlin"? Zu den Klängen einer Symphonie von Mahler jagen Wolken darüber hinweg. Rasch wird es dunkel. Im Fenster unter dem Giebel brennt Licht. Der Bauernhof, Wiesen, Felder und Bäume tauchen ein in das Schwarze der Nacht. Nur das Licht bleibt, ein winziger leuchtender Punkt. Bis auch er erlischt. Des Rätsels Lösung: Wieder ein stummer Schriftzug setzt den Fernsehzuschauer darüber in Kenntnis, dass er soeben einen Werbespot für einen Musikkanal des Bayrischen Rundfunks gesehen hat.
Diese Bilderfolge blieb lange in meiner Erinnerung hängen, verbunden mit einem Gefühl von Aufbruch und Abschied, von Orten, die man betritt und wieder verlässt, noch ehe man Zeit hatte, sie zu erkunden, oder gar in ihnen heimisch zu werden.
Der Spot, kaum länger als zwei Minuten, begann mit der Morgendämmerung und endete in der Tiefe der Nacht. Er spannte den Bogen eines Tages, und wenn man so will, auch den Bogen des eigenen Lebens. Bemerkenswert: der Betrachter bleibt ganz auf sich selbst verwiesen. Zu keinem der Bilder ist ein Mensch zu sehen, nur die Häuser, in denen Menschen leben. Gewöhnliche Häuser, die in scharfen Kontrast stehen zu den größeren Namen, die in den Schriftzügen erschienen. Orte, die man selber nicht sieht und die sich nur über die jeweilige Musik erschließen. Ja, die Musik! "Sie schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt, die ihn umgibt, und in der er alle bestimmten Gefühle zurückläßt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben", schreibt E.T.A. Hoffmann. Die Sehnsucht liegt aber nicht in der Musik, sondern im Menschen, und kein noch so großes Haus reicht aus, um diese Sehnsucht zu bergen.
Die Bilder bringen dies aber zum Ausdruck: der Wind, der zwar nicht die Häuser, aber die Bäume bewegt, die Vögel, die sich davon tragen lassen, und ein immer bedeckter, grauer, geradezu verschlossener Himmel. Keine strahlende Sonne, kein optimistisches Ja, kein offener Himmel ist uns gegeben, nur die Ahnung, dass da noch etwas sein muß, dahinter oder darüber oder mitten drin.
So spielt uns die Werbung eine Liturgie der Sehnsucht vor, der die Musik "kündet von der himmlischen Heimat der Seele", sagt Jean Paul und U. Zulehner spricht von einem "Obdach der Seele", das der Mensch braucht, ein Haus, vertraute Räume und Gewohnheiten, in denen man wohnen kann. Es braucht Menschen, die ein- und ausgehen, verlässliche Beziehungen und die Sicherheit, dass ich auch morgen meine Welt noch wiedererkenne. Und in all dem erklingt immer wieder die Melodie, die von anderswo hochkommt, die tröstet und bewegt und manchmal beunruhigt. Und sie erklingt immer wieder neu, auch wenn Beziehungen zerbrechen, Häuser zurückgelassen und Gewohnheiten aufgegeben werden. Wenn der Sturm, das Erdbeben und das Feuer vorüber sind, ist sie wieder zu hören: Gottes Melodie. Dann ist es Zeit, herauszutreten aus der Höhle, und sich an den Eingang zu stellen, um sie zu hören.