1. Adventssonntag / Lesejahr A - 02. Dezember 2001
Ein Künstler und Bildhauer arbeitete unermüdlich. Er schuf Einmaliges und Schönes. Die Nachfragen nach seinen Werken war groß. Eines Tages sah ihn ein Freund, wie er mit großer Anstrengung an einem Baumstamm arbeitete. Die Arbeit ging jedoch nicht recht voran, der Künstler schien erschöpft. Da riet ihm der Freund, vielleicht wieder einmal die Axt zu schärfen. Der Künstler antwortete: "Dazu habe er jetzt keine Zeit, die Zeit, die Arbeit dränge zu sehr." Völlig erschöpft musste er, kurze Zeit später, von dem Kunstwerk ganz ablassen. "Ich kann nicht mehr." "Ich fühle mich total blockiert." "Ich sehe nicht mehr klar" - Solche Sätze kann man heute oft hören. Solche Klage ist heute, laut oder leise, immer wieder zu vernehmen, auch in der Kirche. Da hilft auch nicht, sich noch einmal richtig anzustrengen. "Die Axt wieder einmal zu schärfen", ist gefragt, den Blick nach innen zu richten, auf meine innere Stimme zu hören - und eine leise und behutsame Therapie und Hilfe zu finden, die Fehlhaltung und krankmachende Einstellungen als Ursache der Erschöpfung zu erkennen, neue Kraft aus der eigenen Tiefe zu schöpfen! Das Gespür in mir wieder zu finden, für das, was wichtig ist und was nicht, für das, was jetzt und heute "fällig" ist, und was beruhigt fallen gelassen werden kann.
Hilfen können dabei Beratungsgespräche persönlicher oder familiärer Probleme sein, ein Seminar zur Weiterbildung oder Vertiefung der eigenen beruflichen oder persönlichen Lebensqualität, religiöse Einkehrtage, Besinnung, Exerzitien zur geistlichen Begleitung und Vertiefung meines Lebens.
All das kann helfen, eine belastende und verworrene Lebenssituation zu entwirren, die positiven Lebensenergien und Quellen in uns selber wieder freizusetzen, auch an Problemen und Konflikten menschlich und geistlich zu wachsen, die Tiefenschichten unseres Lebens neu zu entdecken und zu berühren. Wir bedürfen heute stärker denn je der heilenden Kraft einer verinnerlichten, kontemplativen Lebenshaltung.
Das meint nicht nur Gebet und Religion. Es geht um die Tiefen-Dimensionen unseres Lebens überhaupt, um eine Lebenskultur, welche das Herz und die Stimme schärft für das, "was uns unbedingt angeht" (Paul Tillich), für Grunderfahrungen und Grundwerte, die unserem Leben Sinn und Bestand geben. Dazu gehört die Erfahrung, angenommen und geliebt zu sein, angesehen zu werden mit dem, was ich bin, ersehne, erhoffe anstatt beurteilt zu werden nach dem, was ich habe, leiste, produziere. "Das was mich unbedingt angeht", so hat der Theologe Paul Tillich Gott einmal umschrieben: den Gott der Bibel, der sich als Liebe, Erbarmen, Beziehung offenbart.
Solcherlei Besinnung führt zuvor zunächst oft in Stille. "Es gibt nichts, was Gott ähnlicher ist, als die Stille", sagt Meister Eckehart, "und Einsamkeit", aber sie schafft auch Beziehung: Beziehung zu Gott, zu Jesus Christus, zur Welt und Schöpfung, zum Menschen. Der Weg Gottes ist der Mensch, in beiderlei Richtung. Ein solcher Durchblick kann heilen: Er ist freundlich zum Leben. Er zeigt mir das Nebensächliche, Überflüssige und Entbehrliche meines Lebens, er warnt vor dem Gefährlichen, Zerstöreririschen, ja Tödlichen meines Verhaltens. Er öffnet den Blick dafür, was mich wirklich sinnvoll leben lässt, was Mitte und Fundament meines Lebens sein kann. Dabei ist weniger oft mehr. Wer bei der Fahrt auf dem Meer seines Lebens den Überblick verloren hat, dem hilft meist nicht krampfhaftes Rudern, sondern ein Blick auf den Kompass!
Dabei wird uns auch das rätselhafte Jesus-Wort im heutigen Evangelium klarer: "Nur wer lassen kann, sogar sein Leben, wird sein Leben sinnvoll leben, wird sein Leben gewinnen".
Solcherart - Lassen meint dabei durchaus die aktive Bereitschaft, das Mögliche und Notwendige selber zu tun, zugleich aber eben auch die Bereitschaft, sich unverhofft und gnadenhaft beschenken zu lassen: "Das heilende Wort kannst du dir nicht selber sagen!", ist eine tief erfahrene Lebensweisheit. (Christliche) Gelassenheit führt uns zu der Fähigkeit, in einem besonderen Sinne lebendig zu werden, sorgfältig zu schauen, tiefer zu empfinden, mit uns selber und mit der Welt auf eine Weise in Beziehung zu kommen, die wir bisher vermieden haben. Jesus selber kehrte von seinen Begegnungen mit dem Vater in der Einsamkeit von Berg oder Wüste (Mt 14,23) stets anders und gestärkt in die Menge der Armen, Kranken und Hilfesuchenden zurück.
In der griechischen Orpheus-Sage segelt Iason mit seinen Gefährten, den Argonauten nach Kolchis am schwarzen Meer. Sie wollen das "Goldene Vlies" erringen, das von einem Drachen bewacht wird. Als Iason im Kampf mit dem Drachen ermattet und zu unterliegen droht, erscheint Orpheus und beginnt auf seiner Leier zu spielen. Davon wird der Drache so bezaubert, dass er ruhig einschläft und die Argonauten mit dem Goldenen Vlies von dannen ziehen können.
Darauf kommt es an. Kontemplation, Stille, Besinnung ist wie die Leier, die unsere Lebensmusik auf einen sanfteren Rhythmus einschwingen lässt und uns tiefe Quellen erschließen kann. Wer sich auf dem Meer verirrt hat, dem hilft nicht schnelleres Rudern, sondern der Blick auf den Kompass. Wer beim Behauen seines Lebensbaumes ermüdet, sollte einmal die Axt wieder schärfen.
Denn in der Stille liegt die Kraft.