Die Barmherzigkeit Gottes

10. Sonntag im Jahreskreis - Juni 2002

Schon früh beeindruckte mich das wunderbare "Hundert -Gulden -Blatt" Rembrandts, entstanden um 1645. In dieser meisterhaften Radierung fügt der Künstler mehrere biblische Geschichten in eine. Von der einen Seite kommen die Mühseligen, beladen mit vielerlei Last, außen und innen. Sie stützen einander, helfen sich gegenseitig zu Jesus hin. Von der anderen Seite kommen junge Mütter mit ihren Kindern auf dem Arm und an der Hand. Petrus will die Mütter mit den Kindern abwehren. Aber über die abwehrende Hand des Petrus geht die Hand Jesu hinweg. Er lädt sie alle ein.

Im Verlauf meines Lebens spürte ich immer mehr: Das ist mein Jesus-Bild. Später stand ich, bei meinem ersten Rom-Besuch mit vielen anderen vor dem faszinierenden Weltgericht von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Zweifellos ein großartiges Bild. Aber ich spürte: Dieser kraftstrotzende Jesus ist nicht mein Jesus. Mein Jesus ist ein "Heiland". Und wenn ich ein Wort als Überschrift über das Rembrandt -Bild schreiben müsste, es wäre das Wort "Barmherzigkeit".

Barmherzigkeit, das ist auch das Urwort der Frohen Botschaft Jesu. Als Jesus bei den Menschen war, spürten sie: Jetzt ist die Barmherzigkeit Gottes sichtbar geworden. Barmherzigkeit ist nicht nur der Kern der Botschaft Jesu, sie ist auch seine Erwartung an uns. "Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer", sagt er am Ende der Berufungsgeschichte in Mt 9, 13.

Was ist das eigentlich: Barmherzigkeit?

Barmherzigkeit ist eine Form der Liebe, wie die Geduld! Geduld ist Liebe, die warten kann. Barmherzigkeit ist Liebe, die sagt: Es ist wieder gut. Barmherzigkeit: Das ist die Mutter, die ihr weinendes Kind auf den Schoß nimmt, es streichelt und tröstet. Barmherzigkeit, das ist die liebevolle Zuwendung für einen jeden, der sie braucht, damit er die Mühsal des Lebens besser bewältigen kann, ob klein oder groß.

Da glaube ich, an einen anderen Menschen einen berechtigten Anspruch zu haben, und er genügt ihm nicht. Er weiß zwar genau, wie wichtig mir das ist und wie sehr er mich enttäuscht und verletzt. Dann stellen sich bei mir ganz schnell Gedanken ein wie: Muss ich das schlucken? Ich mache zwar keinen Aufstand, aber er soll merken, wie mich das gekränkt hat. Wie du mir, so ich dir! Maß für Maß, Gleiches für Gleiches, Aug für Aug, und Zahn für Zahn. Das ist schließlich nur gerecht. Das Recht hat klare Tarife. Das muß so sein, sonst herrscht Willkür. Wie aber verhält sich Barmherzigkeit zu solcherlei Gerechtigkeitsempfinden? Ist Barmherzigkeit das Gegenteil von Gerechtigkeit? Nein, aber sie geht weit darüber hinaus. Sie verzichtet auf den eigenen Rechtsanspruch!

Warum tut sie das? Weil es ja doch nichts bringt? Weil mein wundes Herz nun einmal gar nichts anderes kann als nachzugeben? Weil es doch so schwer ist, eine erfahrene Kränkung auch einmal auszusprechen? Weil man dem Unangenehmen lieber aus dem Weg geht? Dann doch lieber klein bei geben und sich die Kränkung auf den Rücken laden, wo schon so manch anderes drückt.

Ist das Barmherzigkeit? Nein, das ist Schwäche. Barmherzigkeit ist eine Kraft. Es ist die Kraft, einen Schlussstrich unter einen Lebensweg zu ziehen und zu sagen: "Es ist jetzt wieder gut".

In den Psalmen gibt es ein wunderbares Bild für diese Barmherzigkeit. Da sagt ein Mensch zu Gott: Du hast meine Schuld hinter deinen Rücken geworfen. Ein faszinierender Gedanke: Meine Schuld steht nicht länger störend zwischen uns beiden. Wer kann schon sagen: Mir fehlt nichts. Ich brauche keinen. Wir tragen zwar unsere Lasten nicht ständig vor uns her - wem sollte dies auch nutzen. Aber auf dem Rücken spüren wir sie. Jeder hat seine Ängste und Sorgen und wüsste gerne, wie er damit fertig wird. Und wissen doch nicht einmal, wie wir mit uns selber fertig werden sollen. Barmherzig sind wir auch nicht immer. Doch Gottes Arme sind weit offen für uns. Jesus Hand lädt uns alle ein.

Das möchte ich immer mehr von Jesus lernen. Dorothee Sölle hat einmal gesagt: "Christ bin ich wegen Christus. Ich lerne von ihm. Von ihm lerne ich am meisten. Er spricht von meinem Leben so, wie ich will, dass von ihm gesprochen wird. Es gibt die Versuchung, das Leben nur zum Teil, nur unter bestimmten Umständen zu bejahen. Er lehrt mich ein unendliches, nichts und niemanden ausschließendes Ja".

Was immer einem in den Sinn kommen kann an Zweifel im Angesicht von so viel Ungerechtigkeit, Leid und Last - an Jesu Barmherzigkeit ist nicht zu zweifeln.

Barmherzigkeit ist Liebe, die sagt: Es ist wieder gut.


[ Übersicht | vorherige Ansprache ]