Ein Geschäft mit Träumen

22. Sonntag im Jahreskreis 2002 / Lesejahr A

So heißt eine Erzählung von Ingeborg Bachmann, sie schildert das Erlebnis eines jungen Angestellten, der ein arbeitsames, penibel eingerichtetes Leben führt. Als letzter verlässt er seine Arbeitsstätte, geht müde nach Hause. Routiniert und reibungslos verläuft sein Tagesablauf.

Eines Abends jedoch bleibt er auf dem Heimweg gedankenverloren vor einem Schaufenster stehen. Kleine und große Pakete liegen dort mit Schleifen gebunden, in buntes Papier verpackt. Doch nichts weist auf den Inhalt hin, auch ein Firmenschild ist nirgendwo zu entdecken. In der offenen Tür jedoch steht ein Verkäufer, der den jungen Mann in das Geschäft hineinführt.

Es ist ein seltsamer Laden, schwach beleuchtet, staubig, die Kartons in den Fächern sind unordentlich gestapelt.

"Wenn Sie einen Traum sehen wollen, muß ich den Raum verdunkeln", erklärt der Verkäufer dem verdutzten jungen Mann. Bevor dieser nach dem Sinn der Unternehmung fragen kann, offenbaren sich ihm wunderbare Inhalte. Die Pakete leuchten in wunderbaren Farben auf, der junge Mann erblickt Bekanntes und Unbekanntes, wird in fremde Welten entrückt. Als er in einem der Träume Anna, eine ehemalige Freundin sieht, wacht er auf und bittet den Verkäufer, ihm diesen Traum einzupacken. Er möchte ihn kaufen und mitnehmen. Lange und umständlich rechnet der Verkäufer den Kaufpreis aus. "Einen Monat", sagt er schließlich. Als er das ungläubige Gesicht des Mannes sieht, fügt er hinzu: "Ich mache keinen Scherz. Sie haben vielleicht erwartet, mit Geld bezahlen zu können, aber Sie werden wissen, dass Sie nirgendwo Träume für Geld bekommen. Träume kosten Zeit, manche sehr viel Zeit. Wir haben einen Traum - vielleicht darf ich ihn Ihnen zeigen - für den wir ein Leben verlangen."

"Danke", entgegnet der Mann voller Entsetzen, "ich fürchte, ich habe nicht so viel Zeit. Ich werde nicht einmal die Zeit für den kleinen Traum haben, nach dem mich verlangt." Und er versuchte , dem Verkäufer seine Gründe darzulegen, weshalb seine Arbeit ihm wirklich keine Zeit übrig lässt. Doch der ist solchen Argumenten gegenüber nicht aufgeschlossen. Wortlos weist er den jungen Mann aus dem Laden. Der, empört und verwirrt zugleich, ruft dem Verkäufer noch zu, ihm den gewünschten Traum "auf die Seite zu legen", vielleicht werde er bald wieder kommen.

Ingeborg Bachmann lässt die Geschichte nun in einem gewundenen Schluss ausklingen. Der junge Mann findet sich von da an in seinem Leben nicht mehr zurecht. Er wird unruhig, seine Arbeit und seine Heimwege werden ihm zur Qual. Eines Tages versucht er, das Geschäft wieder zu finden, doch vergeblich. In einer Krankheit findet er schließlich ein wenig Ruhe, doch durch seine lange Fehlzeit verliert er seine Arbeitsstelle. Auf einmal hat er viel Zeit. "Doch wofür?", schließt Ingeborg Bachmann ihre Geschichte.

Ein beunruhigender Schluss, anders als sonstige Ausgänge von Abenteuergeschichten und Märchen. Zugleich ein notwendiger Schluss, denn offensichtlich braucht es viel Zeit, wenn jemand das Neuland der Träume betreten will, ein Land, in dem Gewohnheiten und eingefahrener Alltag nicht jenen eisernen Druck ausüben wie sonst in unserem Leben.

"Sie müssen mit Zeit bezahlen. Träume kosten Zeit, manche viel Zeit". Das ist die Aussage der Erzählung. Zeit ist die Eintrittskarte in jenes Leben, in dem die Festung unseres Alltags und die Welt unserer Träume hart aneinander stoßen. Und von allen knapp gewordenen Rohstoffen scheint uns heute gerade die Zeit der kostbarste zu sein: unsere Lebenszeit, unsere Arbeitszeit, unsere Freizeit. Wer von uns verlangt, mit unserer Zeit zu bezahlen, rührt an unserem Lebensnerv, beunruhigt uns und fordert uns heraus. Umso mehr, weil uns bewusst wird, wie unbezahlbar unsere Zeit ist. Wir Menschen leben heute in einer dauernden Spannung zwischen der Hast des "keine Zeit haben" und bedrückender Langeweile. Kaum je einmal haben wir wirklich Zeit, sind zufrieden mit unserer Zeit, genießen unser Leben.

In der Erzählung werden all diese Fragen gebündelt und zugespitzt. Es geht nicht mehr um schlichten Zeitvertreib.

Das erinnert mich an eine Frage, welche die Bibel stellt: "Was könntest du Gott, dem Schöpfer aller Dinge, geben, was er nicht schon hätte?" Oder: "Um welchen Preis kann denn ein Mensch sein Leben zurückkaufen?" (Mt 16,12). Skepsis steht auch hinter diesen Fragen - und der Abgrund zwischen dem wissenden Gott und dem irrenden Menschen.

Wenn aber Jesus uns im Evangelium auffordert, Gott zu geben, "was Gott ist" (Mt 22,21), müssen wir reagieren und aufhorchen. Wir können Gott unsere Zeit geben, ihm Zeit schenken. Zeit, über die wir doch ganz persönlich verfügen können. Die Zeit, die wir zwar nicht in den Händen halten, und die doch unserer freien Entscheidung anheim gegeben ist.

Dann ist die Zeit, die wir mit Sinn erfüllen, die wir mit unserem nächsten teilen, die wir in der Stille oder dem Gebet verbringen, mehr als unsere Zeit. Sie ist "verschenkte" Zeit - und das ist die Grundwährung unseres Glaubens, und zugleich die Währung, die uns die kostbarsten unserer Träume träumen lässt. Doch wie alle Währungsfragen, hat auch diese viel mit Geiz und Freigiebigkeit zu tun, mit Grundvertrauen und Lebensangst. Wir spüren, hin und wieder müssen wir in unser Leben investieren, ohne dafür im voraus Sicherheiten zu verlangen. Und wir ahnen, dass nur der empfangen kann, der auch geben konnte - und das Träume Zeit kosten - manchmal ein ganzes Leben lang.


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