(Lesejahr B)
Immer wieder habe ich das Foto angeschaut. Es kam mit der Weihnachtspost. Auf einem schwankendem Bougainvillea - Zweig hat ein kleiner Kolibri sein Nest gebaut. Das Nest ist so klein, dass der Kolibri nur mit seinem Bauch hineinpasst, der Kopf mit dem langen Schnabel und die prächtigen Schwanzfedern ragen aus dem Nest heraus. Allen Gefahren zum Trotz, mutig und schützend brütet so das kleine Vögelchen seine winzigen Eier aus. Das Leben und die Natur haben dem Kolibri eingegeben, was er braucht, und was er zu tun hat.
Ein solches Foto zu Weihnachten - fragte ich mich im ersten Augenblick. Doch schnell fand ich seinen tiefen Sinn: Ein Bild für Gefahr und Vertrauen in unserem Leben. In unserem Leben? Können wir uns darin wiederfinden - an diesem Weihnachtsfest?
Manch einer wird sagen: Wieso denn wir? Wir stehen doch fester im Leben denn je. Unsere Nester sind solide und geräumig. Es gibt vieles, auf das wir uns verlassen können. Und das stimmt.
Doch wie vieles davon ist uns im Grunde nur geliehen? Wie schnell kann uns die Gesundheit abhanden kommen! Zerbrechen Freundschaften, brechen Sicherheiten zusammen - nicht nur an den Aktienmärkten, geht scheinbar Selbstverständliches plötzlich verloren! Wo nehmen wir dann den Mut und das Vertrauen her? Reicht dann das aus, was uns Natur und Lebenserfahrung - ähnlich dem kleinen Kolibri - mitgegeben haben?
Damit kommen wir nicht aus. Wir wissen zu viel, wir haben zuviel erfahren. Unser Vertrauen bräuchte tiefere Wurzeln, sonst nimmt die Gefährdung überhand, und wir fürchten uns zu sehr.
Da hören wir wieder die Weihnachtsbotschaft: "Fürchtet euch nicht!" Wie hören Menschen heute diese Botschaft?
Manche hören diese Botschaft wie ein wunderschönes Märchen: anrührend und zauberhaft - aber viel zu schön, um wahr zu sein. Andere glauben zu wissen, wer damit gemeint war: die einfältigen Hirten auf dem dunklen Feld: Damit haben wir sicher nichts zu tun.
In der Tat, die Botschaft ging an Menschen, die sich fürchteten. An König Herodes ging der Satz nicht! Der fürchtete sich zwar auch, aber vor dem Verlust seiner Macht. Doch noch fühlt er sich sicher, fest im Sattel, gedeckt vom Kaiser in Rom.
An die Priester, Hohenpriester und Schriftgelehrten in Jerusalem ging der Satz auch nicht: Die fühlten sich tatsächlich sicher in ihrem Glauben und zahllosen Regeln und Gesetzen.
Und wie ist es mit uns in diesen weihnachtlichen Tagen? Lassen wir die Botschaft an uns heran oder zieht sie an uns vorbei? Können wir es zugeben, dass wir uns fürchten, weil in der großen Welt, in der wir leben, wie in der kleinen Welt, in der wir Zuhause sind, mehr Bedrohung ist, als wir abwehren können durch unsere Klugheit und Erfahrung, durch Planung und Vorsorge. Wenn wir es zugeben könnten, stünden wir nicht nur vor unseren Ängsten, sondern auch der Botschaft, die uns die Angst nehmen will, so wie man eine Krankheit erst heilen kann, wenn man die Diagnose kennt.
"Fürchtet euch nicht", sagt der Engel. Und dann folgt die Begründung: "Denn ich verkünde euch eine große Freude." Eine unerwartete Botschaft. Jahrhunderte lang war damals in Israel kein Prophet mehr aufgetreten. Und nun ergeht endlich wieder eine Botschaft Gottes an die Menschen. Und wovon ist die Rede? Von der Freude! Auf dem Höhepunkt der Geschichte lässt Gott keine Rede halten über die Schlechtigkeit der Welt, über das Versagen der Mächtigen, über die Müdigkeit der Frommen. Er zieht nicht Bilanz und kündet den Bankrott an. Er lässt nicht das heulende Elend ausbrechen. Er verkündet die Freude - sonst gar nichts. Und zwar allen. Nicht nur denen, die alles richtig gemacht haben. Der Engel warnt nicht, ermahnt nicht, verurteilt nichts - Er verkündet Freude - nicht als Belohnung für die Guten, sondern als Botschaft für alle, die den Menschen helfen soll zu leben!
"Heute ist euch der Retter geboren: Christus der Herr. Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln, in einer Futterkrippe!" Ein Kind in Windeln? - Als Retter? Das soll alles sein? Ein neugeborenes Kind - das ist doch die reinste Ohnmacht, kein Mensch ist so ausgeliefert und auf Hilfe angewiesen wie ein Neugeborenes! Ist es so?
Schauen Sie mal eine junge Mutter an, wie glücklich sie ist über ihr neugeborenes Kind! Was es ihr alles gibt! Wie viel Macht es über sie ausübt, mit seiner sanften Ohnmacht. Ein mächtiges, ein eindrucksvolles Bild: Wie das des kleinen Kolibris in seinem winzigen Nest. So kommt Gott. Da schlägt ein kleines Menschenherz - wie unser Herz. Ein Herz, das sich freuen kann, und bekümmert ist, das Stunden des Glückes kennen lernen wird und Stunden der Angst, das einsam sein wird und sich sehnt, das leidet und liebt - wie unser Herz. Wenn wir auf unser Herz hören, hören wir auf sein Herz. Und er das unsere!
An Weihnachten feiern wir, dass Gott in unsere Welt gekommen ist und in unsere Geschichte. Geschichte aber ist nicht abstrakt. Die Weltgeschichte entsteht aus einzelnen Menschengeschichten. Eine davon ist meine. In meine Geschichte muss Gott kommen, sonst bleibt auch Weihnachten abstrakt. Meine Geschichte: Das ist mein Leben, meine Arbeit, meine Enttäuschungen, mein guter Wille, meine Fehler, meine Krankheit, meine Liebe! Den Mut, den ich anderen mache - den Mut, den andere mir machen.
Weihnachten ist, wenn ich Gott in all das, was meine Geschichte ist, hinein lasse!
Was für ein Fest, was für eine Quelle des Vertrauens, was für eine Kraft an Mut!