2. Sonntag im Jahreskreis 2003 / Lesejahr B
Wenn ich das Zuhause eines Menschen kennen lerne, weiß ich mehr von ihm. "Meister, wo wohnst Du?" lautet im Johannes Evangelium die erste Frage, die Menschen an Jesus richten. Die fragen, das sind zwei Suchende, Jünger Johannes des Täufers. Jesus antwortete: "Kommt und seht ..." Da kamen sie und sahen, wo er wohnte. Die wörtliche Übersetzung ins Griechische für "wohnen" ist "bleiben". Wenn wir also übersetzen: "Sie sahen, wo er blieb", dann öffnet sich hier schon eine ganz hintergründige Aussage über Jesus. Am Jordan, wo Johannes taufte, gab es keine festen Häuser und Wohnungen. Und wenig später wird Jesus sagen: " Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester. Der Menschensohn aber hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann." Und wir erinnern uns an eine Geschichte aus dem Lukas Evangelium, wo schon einmal zwei nach Jesus gesucht haben: Seine Eltern, bei seinem ersten Osterfest in Jerusalem, und der damals 12jährige antwortete: "Muss ich nicht sein in dem, was meines Vaters ist?"
In unserer Geschichte heißt es weiter: "Und sie bleiben jenen Tag bei ihm." Sie wurden also in seine Bleibe eingelassen, wo und wie immer sie gewesen sein mag. An jenem Tag! Dieser eine Tag zeigte, dass ihr Suchen zum Ziel kam, sie zum Fund ihres Lebens führte; und sie darüber hinaus sich sogar gedrängt fühlten, ihren Brüdern und Freunden zu erzählen mit der Begeisterung des ersten Tages: "Wir haben den Messias gefunden!"
Dieser alles entscheidende Fund steht an der Wende der Zeitgeschichte. Zeit wird neu gerechnet. Häuser bauen wir uns selber, und richten unsere Wohnung darin ein. Wozu? Um unsere Zeit darin zu verbringen. Allein oder gemeinsam? Danach richtet sich ihre Gestaltung und Einrichtung. Wohnheime wurden in der Regel auf ein "wir" hin geschaffen. Sie helfen, Raum und Zeit für einander zu haben. Raum und Zeit miteinander zu teilen. Das Beste, was wir mit unserer Zeit anfangen können, ist ja, dass wir sie einander schenken, so wie sie uns geschenkt ist.
Warum schenken wir einander Zeit? Aus Liebe! So hat auch der große Liebende uns unsere Lebenszeit geschenkt. Wenn man sie dankbar von ihm empfängt, bekommt man, was sich in ihr verbirgt wie die Perle in der Muschel: Ewigkeit.
Zur Wohnlichkeit unserer Häuser gehören auch die Dinge. Mit ihrem je eigenen Stellenwert dienen sie der Aufgabe, für die wir die Räume geschaffen haben: unsere Zeit darin zu verbringen. Dabei gilt für jeden kleinen Raum das gleiche, was man auch vom großen Lebensraum sagen kann: er gleicht einem Konzertsaal mit ungezählten Instrumenten, die auf den Musiker warten, der sie spielt. Die Musik weitet die Wände mit ihren immer neuen Melodien und Fugen, die die Musiker einander zuspielen. So wird aus Zeit gestaltete Zeit, entsteht in der Zeit ein unendlicher Raum, wie es der Apostel Paulus einmal ausgedrückt hat: "Ein Bau aus Gott, ein nicht mit Händen gemachtes Haus, ewig in den Himmel."
Häuser, Räume, Wohnungen empfangen ihren Sinn durch die Zeit, die wir darin verbringen. Zeit aber wird allen Lebewesen gemeinsam geschenkt. Uns alle verbindet dieses Geschenk. Und unser Lebensauftrag ist, diese Verbundenheit in unserem Verhalten aufscheinen zu lassen. Wer auf dieses Ziel hin lebt, wird selbst zur Muschel, in der sich die Perle Ewigkeit verbirgt. Durch Verschenken unserer Zeit wird diese Perle immer leuchten - der und mir selber immer tiefer zu eigen. Umgekehrt: Wenn ich das Verschenken meiner Zeit verweigere, gibt die Zeit ihr Geheimnis nicht her. Dann verbrauche ich sie nur, und wie ich sie verbrauche, vergeht sie und mit ihr ihr Verbrauchen. Es gibt bei Lukas das eindrückliche Gleichnis vom reichen Bauer: Gott hat ihm eine überaus gute Ernte beschert. Worauf verwendet er jetzt seine Zeit? Mit Raumvergrößerung und sicherer Kapitalanlage. Dabei vergisst er, dass man zwar Geld und Vorräte horten kann, aber nicht die Zeit. "Du Narr", sagt Gott, "in dieser Nacht ist deine Zeit zu Ende!" Und ich finde in ihr nicht die Perle Ewigkeit.
Das ist die große Gefahr unseres Menschenlebens: Dass wir vergessen, dass wir mit den Sorgen um unser Hab und Gut, und dem Genießen unserer Vorräte, nicht gleichzeitig Zeit vermehren können. Dann verschlucken die Räume mit ihrer Einrichtung und unser Bankguthaben unsere Zeit - und es bleibt uns nur der Raum, aber nicht mehr die Zeit dafür!
Räume, Zelte, Häuser, Paläste, Bunker, sind Nester, in die wir uns einnisten können. Aber zugleich mit uns nistet dann der Tod. Nicht im Raum, nur in der Zeit, genauer gesagt in der verschenkten Zeit, verbirgt sich das, was den Tod überdauert. Sie sprengt die Schale unserer Räume, so dass wir am Ende nicht darin verbleiben wie in einem Sarg. Sie wird zu einem Keim, der aus seiner Schale herausdrängt zum Licht der Ewigkeit.