Geschenkte und verschenkte Zeit

3. Sonntag im Jahreskreis 2003 / Lesejahr B

Es ist schon recht merkwürdig, was der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief schreibt: "Wer eine Frau hat, möge so sein, als habe er keine. Wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht. Ist das nicht eine zu negative Weltsicht? Erinnert das nicht eher an die großen Skeptiker der griechischen Philosophie als an die frohmachende Botschaft Jesu? Natürlich wissen wir, dass der Apostel damals nur noch von einer kurzen Zeit ausging, die den Christen bis zur Wiederkunft Christi noch zur Verfügung steht. Doch gilt das nicht von jeder Zeit. All unsere Lebenszeit trägt doch ihr Verfallsdatum schon in sich. Mag da die Einsicht nicht hilfreich sein, sicher in der uns geschenkten, aber doch vergehenden Welt auch Zeit nicht allzu behaglich einzurichten. Also: Lebe, kaufe, heirate, freue dich und nutze die dir geschenkten Dinge, aber doch so, dass du jederzeit auch darauf verzichten könntest. Ist das wirklich nur negativ zu verstehen? Irgendwo habe ich gelesen, dass im letzten Brief jener Lehrerin, die damals im Erfurter Gutenberg-Gymnasium ermordet wurde, der Satz stand: "Jeder Tag ist ein Geschenk!" Ich weiß nicht, ob die Lehrerin religiös war. Aber sie wusste, dass ihr Leben nicht selbstverständlich ist. Das ist schon viel in einer Zeit und Gesellschaft, wo Leute, die durch starkes Rauchen ihre Gesundheit geschädigt haben, vor Gericht auf Entschädigung durch den Zigarettenhersteller klagen.

Auf jeden Fall ist dieser Satz der Lehrerin für mich ein Schlüssel zum positiven Verstehen dessen, was Paulus meinte. Denn geschenkt, das bedeutet ja: dahinter steht ein Schenkender. Hinter aller Erfahrung der befristeten Zeit, die uns zur Verfügung steht, steht jemand, der uns diese Zeit geschenkt hat. Ein anonymes Schicksal kann nichts schenken. Das schlägt höchstens blind zu und bleibt gleichgültig und ungeschminkt, was ihnen auch geschehen mag. Schenken kann nur eine Person. Wir Christen glauben, dass dies Gott ist. Und doch bleibt die Frage. Warum gibt er die Zeit nur begrenzt? Warum nur geborgt, mit Verfallsdatum.

Unsere ganze Bibel, vor allem die Briefe des Neuen Testamentes, sind voll von solchen Mahnungen zu einem Leben, das nichts angeblich für sich selbst festhalten will, weil man durch verschenken angeblich ärmer würde. Sie ermutigt uns zu einem Leben, das sich "wie Gott selbst" in der Liebe verausgabt, etwa durch Gastfreundschaft, durch gegenseitiges Dienen, durch Verschenken der Gaben, die Gott uns gegeben hat. Unsere Zeit kommt zu ihrer Fülle, wenn sie als Chance zum Wachsen in der Liebe erkannt wird. Über den Wert der uns geliehenen Zeit entscheidet, ob es uns gelingt, ihr den Stempel der Liebe aufzudrücken.

Vielleicht hat die ermordete Lehrerin die ihr geschenkte - kurze - Lebenszeit auch so gesehen, vielleicht - wie auch wir selbst - nicht immer bewusst, und durchwachsen mit mancherlei Torheiten. Aber sie hat sie genutzt zum Weiterschenken: für ihre Familie, für ihre Freunde, für ihre Schüler - und für uns alle, die davon leben, dass Menschen sich dem nervenaufreibenden Dienst als Lehrer und Erzieher aussetzen.

Wir wissen nicht wie viel Zeit uns persönlich geschenkt ist. Aber die Länge der Zeit ist zweitrangig gegenüber der Tiefe, mit der sie ausgefüllt werden kann. Wer liebt, dem vergehen bekanntlich die Tage und Stunden "wie im Fluge".

Der Schuhmachermeister und Mystiker Jakob Böhme (+ 1624 in Gorlitz) hat einmal formuliert: "Wenn Zeit ist wie Ewigkeit, und Ewigkeit wie Zeit, Christ befreit von allem Streit".

Die Zeit schon jetzt in Ewigkeit übergehen zu lassen, ist uns hier auf Erden noch nicht möglich. Aber es gelingt ausnahmsweise dort, wo einer dem anderen sagt: " Ich habe Zeit für dich!" In unserem Zeitalter der Schnelligkeit ist das ein wunderbares Wort: " Ich habe Zeit für dich!" Für dich, meinen Ehepartner; für dich, mein Kind; für dich, mein Nachbar, mein Kollege, Freund; für dich, den Kranken und Pflegebedürftigen, der mich anbindet und meine Lebensplanung durcheinander bringt; für dich, Gemeinde, der ich mich mit meiner Berufsarbeit widme, und für dich, der du vor meiner Tür stehst und dem ich, wenigstens in diesem Augenblick, einmal mehr Zeit widme, als es mein Tagesplan eigentlich vorgesehen hat.

In solchen Augenblicken ahne ich etwas davon, wie auch meine Zeit in Ewigkeit übergehen kann. Ich spüre etwas davon, wie ich in allen Dingen den bemühen kann, der mir die Zeit geschenkt hat, um mich für die Ewigkeit tauglich zu machen.


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