"Aussätzig sein"

6. Sonntag im Jahreskreis 2003 / Lesejahr B, Mk 1,40 ff

Das Gefühl, ausgesetzt, ausgeschlossen, ja "aussätzig" zu sein, ist uns nur allzu vertraut. Immer, wenn ich mich selbst nicht annehmen kann, fühle ich mich auch schnell von anderen abgelehnt. Dann deute ich jedes Lächeln des andern als ein mich Auslachen. Wenn zwei in meiner Gegenwart miteinander sprechen, denke ich sofort: Die reden über mich! Wenn im Gespräch der andere nur sein Gesicht verzieht, suche ich den Grund sofort bei mir. Und es ist nicht einfach, dann aus diesem Teufelskreis des sich selber nicht Annehmen-Könnens und von den anderen sich Ausgestoßen-Fühlens wieder herauszukommen.

Und manchmal werden wir in der Tat ja ausgegrenzt. Trauernde erzählen mir, dass sie sich oft wie aussätzig fühlen, weil keiner mehr auf sie zugeht. Man meidet sie, scheut sich, mit ihrer Trauer, dem Verlust in Berührung zu kommen.

Und manche werden auch wirklich verleumdet. Über andere wird getuschelt, weil sie mit ihrer Lebensentscheidung "aus dem Rahmen" gefallen sind, den unsere Gesellschaft ihnen setzt. Manch einer traut sich auch in der Kirche nicht mehr nach vorne, weil er sich nicht den verurteilenden Blicken der anderen aussetzen möchte.

So ein Aussätziger geht heute im Evangelium auf Jesus zu. Er weiß, dass dies verboten ist, dass er sich keinem Gesunden nähern darf. Doch er möchte endlich aus dem Teufelskreis seines Aussätzig - Seins ausbrechen. Wie macht er das? Er fällt vor Jesus auf die Knie. Damit drückt er aus: Ich kann nicht mehr. Ich weiß nicht mehr ein noch aus. Ich weiß nur eines: "Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde."

Damit drückt er seine Ohnmacht aus und seine Sehnsucht rein zu werden.

Rein werden, klar und lauter sein, befreit werden von allem inneren und äußeren Schmutz, das ist eine Sehnsucht des Menschen. Ich möchte endlich einmal frei werden von allen Selbstvorwürfen, von allen Eintrübungen, die mir mein Leben verdunkeln. Ich möchte im Einklang leben mit mir selbst. Und doch vermag ich es nicht aus mir selber, zu dieser Reinheit und Klarheit zu gelangen.

Wieder tritt Jesus auf als Therapeut. Vier Schritte zeigt seine Therapie: Er hat Mitleid mit dem Aussätzigen. Er fühlt mit ihm. Wörtlich übersetzt heißt das Wort ins Griechische: in seinen Eingeweiden ergreift werden, dort wo meine verwundbaren Gefühle sind. Jesus lässt die Bitterkeit und Verzweiflung dieses Menschen in sich ein, um zu spüren wie es in dessen Inneren aussieht.

Der zweite Schritt ist: Jesus streckt die Hand aus. Er bietet ihm Berührung an. Er überbrückt die Distanz zu dem Kranken. Und dann berührt er ihn. Uns würde ein Aussätziger ekeln. In jeder Hinsicht. Wir ziehen uns vor ihm zurück. Der Mensch, der in sich eingeschlossen, verbittert ist, lässt uns zurück weichen. Wir haben Angst, mit seinem Unrat in Berührung zu kommen, um nicht nur die Hände, sondern auch die Seele zu beschmutzen, wenn der ganze Schmutz aus diesem Menschen herausbricht, sein Hass, sein Gekränktsein, seine Bitterkeit. Jesus hat keine Berührungsängste. Er weiß sich innerlich so gefestigt in seiner Beziehung zum Vater, dass ihn nichts verunreinigen kann.

Und dann sagt Jesus das heilende Wort: " Ich will es - werde rein!" Für uns heute übersetzt, heißt das: Ich stehe zu dir. Ich nehme dich an, wie du bist. Aber nun, so wird Jesus in seiner Therapie fortfahren, ist es auch an dir, etwas zu tun. Damit einer gesund werden kann, muß er selbst etwas dazu tun. Seine erste Aufgabe ist, ja zu sich selbst zu sagen, sich und sein Leben annehmen. Ich kann nicht nur auf einen Wundertäter warten, der mich so bedingungslos annimmt, dass nun die Bejahung meines Ichs wie von selbst gelingt. Doch in dem Maße, wie ich mich selbst annehmen kann, fühle ich mich freier und reiner.

Rein und unrein ist im menschlichen Leben eine sehr schillernde Sichtweise. Wenn ich überall etwas auszusetzen habe, ist nichts für mich rein. Wenn ich etwas oder jemanden wirklich akzeptiere, nehme ich ihn auch an mit Runzeln und Flecken. Rein ist nicht der steril Gereinigte, sondern der, durch dessen - auch fleckige - Haut Gottes Herrlichkeit durchstrahlen kann. Ich muß nur alles, was in mir ist, in dieses Licht halten.

Nach dem der Aussatz vom Kranken gewichen ist, reagiert Jesus auf eigenartige Weise. Schroff, ja fast zornig, fährt er den Kranken an, er solle weggehen. Er solle nun den gesetzlichen vorgeschriebenen Weg der Wiedereingliederung in die menschliche Gemeinschaft gehen, indem er sich den Priestern zeigt und sich von ihnen seine Reinigung bestätigen läßt. Vor allem aber soll er niemand von seiner Heilung erzählen. Daran hält sich der Kranke nicht. Er verbreitet seine Geschichte in der ganzen Gegend. Die Folge davon: Jesus kann sich nicht mehr öffentlich zeigen. Ein Paradox des Evangeliums: Jesus, der den Aussätzigen wieder in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen hat, wird nun selbst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Für mich verweist dies schon auf den Tod Jesu am Kreuz. Da nimmt Jesus, nach einem Wort der Propheten, all unsere Krankheiten auf sich und wird aus der Stadt hinausgetrieben. Das alte Sündenbock-Ritual Israels. Und draußen vor der Stadt stirbt Jesus für die Menschen. Das sagt uns : Jesus heilt unter Einsatz seines Lebens. In seinem Tod am Kreuz besiegt er endgültig die Macht der Finsternis und Krankheit, ja aller Tode dieser Welt. Und am Kreuz kommt sein heilendes Handeln zur Vollendung, zur Auferstehung durch Gott in ein neues Leben. Von ihm wird jeder Mensch in all seiner Zerrissenheit liebevoll und bedingungslos aufgenommen. Die ausgebreiteten Arme Jesu zeigen, dass er nichts gibt, das nicht von Gottes Liebe angenommen und bejaht werden kann. Und wenn ich selbst die Arme zum Gebet ausbreite, darf ich mich auch selber ganz persönlich von Gott angenommen und bedingungslos geheilt wissen.


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