Pfingsten 2003 - Lesejahr B
Der Pfingsttag ist der Gründungstag der Kirche. Seit diesem Tag sind wir bestimmt zum Glauben an den Geist. Seit diesem Tag sind wir beauftragt, in diese Welt hinein die Fähigkeit zu bringen, feinfühlig zu sein im Umgang mit allem, was lebt, offen zu werden für die Freiheit des Menschen und seiner Würde. Seit diesem Tag sind wir begabt, das Glück des Einswerden in der Liebe zu erfahren und zu vermitteln. Der Pfingsttag ist dabei wie ein hoher Berg, aber zu erobern gilt es die Niederungen und die Tiefen. Wie ist es also bestellt mit unserem Glauben an den uns innewohnenden Geist und mit unserem Umgang mit allem, was lebt?
Kürzlich sah ich einen amerikanischen Dokumentarfilm mit dem kurzen Titel: "Fleisch". Kommentarlos zeigte er, wie in einem nordamerikanischen Schlachthof Rinder in alle möglichen Sorten von Fleischprodukten verwandelt werden. Von weitem waren Japaner angereist, um sich die Rentabilität der Anlage erklären zu lassen: Gezeigt wurde, wie die Tiere mit Elektrostöcken durch die Gänge getrieben, durch die Scheune gehetzt, in Elektrokästen gedrängt werden, wo sie in Sekundenschnelle verenden, um dann fabrikmäßig vom Gehirn bis zum Euter, vom Kopf bis zum Schwanz verarbeitet zu werden, 6.000 bis 9.000 Tiere pro Tag. Es war ein nüchterner Film und eben darin tödlich. "Wer", so sagte der Kommentator zum Schluss, "beim Betrachten dieses Filmes den Entschluss fassen sollte, Vegetarierer zu werden, muß mehrere Kurzschlüsse in seiner Seele haben!"
Nun, der Pfingstsonntag möchte uns lehren, möglichst viele Kurzschlüsse in die Seele zu legen, weil wir jede Art von Innerlichkeit verlernt haben müssen, um so effektiv töten zu können. Als vor 100 Jahren an gleicher Stelle die indianischen Büffeljäger auf die Jagd gingen, beteten sie zuvor zum Geist der Tiere und forderten ihre Schamane auf, für sie um Versöhnung zu beten für das Werk des Todes.
Und wie denn, wenn sogar die Wälder und die Berge einen Geist besäßen, wie unsere Vorfahren noch felsenfest glaubten. In der Zeitung las ich, dass die Hälfte der Fichten im Schwarzwald stirbt, und dass dies erst der Anfang ist...
Beginnen wir heute, am Pfingstsonntag, wieder etwas davon zu ahnen, wie wahr die Lehre des Christentums ist, dass nur der Geist lebendig macht. Wir aber leben in einer Welt, die an den Geist nicht mehr glaubt, denn er stört das Geschäft. An den Markt glauben wir und an das Geld, und nehmen uns das Recht, Quadratkilometerweise eine Landschaft zu zerstören, um einen neuen Staudamm zu bauen. Und glauben wir nicht, diese Empfindungslosigkeit im Umgang mit der Natur würde Halt machen vor dem Menschen: Wo denn, in unserer Wüste aus Stahl und Beton, die wir Ballungszentren nennen, kann denn der Geist noch atmen.
Darum sagt uns der Pfingstsonntag: Wo immer wir uns Zeit nehmen, eine Blume zu streicheln, so dass uns selber warm wird ums Herz, beginnt in uns der Geist Gottes zu atmen. Wo immer wir einem Tier helfen, das leidet, zu ihm gut sind und in unserem Herzen sich Mitleid zeigt, beginnen wir, etwas von dem Geist Gottes für unser Leben zurück zu gewinnen. Wo immer wir uns Zeit nehmen, dem Lied eines Vogels zu lauschen um jene Melodie in uns einzulassen, fangen wir wieder an, etwas zu ahnen vom Geheimnis des Schöpfungsmorgens.
Und wenn wir unsere Augen zum Himmel erheben und das Heer der Sterne in unser Herz aufnehmen, so dass es sich weitet und eine Ahnung der Unendlichkeit zurückgewinnt, beginnen wir, auch unsere eigene Berufung zum Unendlichen wieder zu entdecken. Wir beginnen wieder, geistlicher zu werden, geistlicher zu leben. Und nur der Geist schenkt uns die Freiheit zurück.
Doch wir glauben nicht mehr ernsthaft an den Geist und an die Freiheit. Bis in unsere Fingerspitzen hinein sind wir erfasst von dem Glauben an die Allmacht der Verhältnisse, dem Druck der Gesellschaft, den Prägekräften der Erziehung, dem Zwang der Umstände. Von Kindesbeinen an haben wir gelernt, "wie man es macht" - und so planen, machen, zählen, wiegen, wägen und verhökern Menschen Tiere, erdrücken den Gesang des Lebens, zerstören die Würde des Geistes, machen unser Herz mundtot, bevor es zu reden beginnen kann.
Machen wir es möglich, wieder auf die Worte eines Menschen zu hören, sensibel zu werden für die Sprache seiner Augen, hinzuhorchen auf das Reden seines Mundes, spüren wir den Geist Gottes.
Hören wir auf nach den Fakten zu fragen, verweigern wir den Glauben an die Macht der Tatsachen. Schauen wir, welche Gefühle wir im Herzen des anderen auslösen, welches Gewicht sie in seinem Leben besitzen und mit einem Mal rücken Menschen einander näher, werden fühlbarer, innerlicher, wärmer.
Was haben die Menschen in den letzten 10/15 Jahren sich abgeturnt auf den Irrwegen der Sexualität, hat man die Sehnsucht verwandelt in Konsum, die Liebe reduziert auf "wie man's macht", hat die Seele verwüstet, die Poesie zerstört, die Sprache missbraucht, den Geist genommen. Wenn wir wirklich auf dem Weg bleiben wollen zum himmlischen Jerusalem, statt im Weltstaat Babylon zu landen, dann müssen wir wieder entdecken, dass Leben nichts anderes ist, als in Materie erscheinender Geist, dass Freiheit nichts weiter ist als der Geist, der zurück will ins Unendliche.
Und wissen, fühlen und ertasten, dass der Mensch, der uns am Herzen liegt, den wir lieben, die Ansprache Gottes an unser Leben ist. In der Liebe wird der Geist vervollständigt, unverstellt und wahr, bestimmt zur Unendlichkeit, gelassen zur Freiheit, erhoben zum Licht der Sterne, berufen zur Ewigkeit. Wir erfahren ihn in jeder Zärtlichkeit, in der Empfindsamkeit, in jedem Hauch der Liebe, wo wir nicht planen, sondern hören, nicht machen, sondern empfangen, nicht durchsetzen, sondern fühlen.
Gebe Gott uns seinen Geist, dass wir nicht mehr töten müssen, um zu erfahren, dass uns der Geist lebendig macht! Gebe er ihn uns an diesem Pfingstmorgen und an jedem Tag unseres Lebens neu. Denn nur im Geist Gottes sind und bleiben wir einig, liebend und lebendig für die Ewigkeit!