Der Wolf von Gubbio

Lesejahr B/2003

Beim ersten Mal klingt es noch recht zaghaft, ein vorsichtig tastendes "Ja". Aber nach und nach traut es sich hervor, noch unsicher fragend und suchend: Ja? Bis es auf ein anderes "Ja" trifft:

Du? - Ja!

Ein "Ja" antwortet dem anderen, wie ein Ball, den man einander zuwirft, spielerisch hin und her zunächst, kräftig und zugleich zart, schließlich werbend und gezielt: Ja.

Auf vielerlei Weise und auf vielerlei Fragen kann man "Ja" sagen: Willst du das Leben mit mir teilen? Willst du mir helfen? Willst du gesund werden? Willst du etwas Neues wagen, eine andere Seite an mir entdecken? Ja? - Ja!

Es ist eine der schönsten Stellen im Musical: Franz von Assisi, wie der Wolf von Gubbio lernt, Ja zu sagen.

"Bruder Wolf, sag doch ja, bitte sag ja!". Es gelingt nicht auf Anhieb. Denn der Wolf sitzt in jedem der Bewohner Gubbios, und sie haben noch nicht gelernt, zueinander ja zu sagen.

"Mit den Bienen musst du summen, mit den Bären musst du brummen, mit dem Wölfen musst du heulen!" Das haben sie gelernt. "Wes Brot ich eß, des Lied ich sing!" - Mit der Mode musst du gehen, um die Wette musst du laufen, nach der Pfeife musst du tanzen!" Sie schreien sie auf einem Haufen zusammen und es hört sich an wie Wolfsgeheul. Doch ein wirkliches Ja will nicht in der Masse aufgehen, es muß reifen und geprüft sein. Das müssen sie erst lernen, jeder Mann und jede Frau in Gubbio und an jedem anderen Ort. Jeder muß es für sich sagen und dem anderen zusagen lernen. Zaghaft, tastend, noch spielerisch. So versuchen sie es noch ein-mal, die Bewohner von Gubbio, und dieses Mal gelingt es ihnen. Alle stimmen ein, stimmen sich aufeinander ein, bis ihr "Ja" mündet in ein "alle" - Allelujah!" Das war der große Traum des Bruder Franz: Dass der Wolf in uns ja sagt zum Lamm, Ja zum Menschen, Ja zum Leben.

Es wäre freilich zu wenig, das Ja nur zu sagen. Das Ja will ins Leben hinein buchstabiert werden, es will verwirklicht werden. Wie es Paulus im 2. Korintherbrief sagt. Und mit verwirklicht, heißt es da: in Christus Jesus.

"Er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat!" Dieses göttliche Ja hat Hand und Fuß. Es hat ein Herz, es ist ein Mensch. Das Ja Gottes bedeutet: Mensch werden. Zur Welt kommen. Sich einlassen und ausliefern. In der Wirklichkeit leben, berühren und berührt werden, sich verstricken, sich lösen und erlöst werden.

Das Gegenteil zum Ja, so Paulus, ist nicht das Nein, sondern das Ja und Nein zugleich. Also die Flucht aus der Wirklichkeit, der fromme Schein, die Welt der Illusionen, das nicht wirklich gelebte Leben, mit dem was dazu gehört, mit Schönem und Schwerem.

"Mein ganzes Leben war nur ein Traum. Ich habe nur geträumt und nicht gelebt", gesteht einmal der russische Dichter Dostojewski. Und er ist davon überzeugt, dass der Mensch vom "Gift seiner törichten Träume" gereinigt werden muß, wenn er zum Leben und zu sich selbst kommen will.

Damit ist nicht der Traum des Franz von Assisi vom versöhnten Zusammenleben der Menschen gemeint. Offensichtlich gibt es verschiedene Arten von Träume: Träume der Hoffnung und Träume der Täuschung, letztere brauchen die "Enttäuschung", das Nein, das Abheben von der Illusion, das "Wahrnehmen" und das "Wahrhaben-wollen".

Die schwierigste Aufgabe des Menschen, besteht wohl darin, dass er zur Welt kommt. Ein Kind kommt zur Welt, sagen wir, und das ist das grundlegenste Datum unseres Lebens überhaupt und kennzeichnet uns ein Leben lang. Datum heißt auf Deutsch: Das Gegebene. Die erste Gegebenheit unseres Lebens also, zu der wir noch gar nichts anderes beitragen konnten, als uns der unaufhaltsamen Bewegung anzuvertrauen, die uns aus der kleinen Welt und Geborgenheit des warmen Mutterschoßes hineingetragen hat in die größere Welt der menschlichen Begegnungen.

Und diese Grundbewegung vom Kleineren, Vertrauten, in das so Größere und noch Fremde wird uns begleiten, solange wir unterwegs sind. Doch was immer uns ein Leben lang unvorbereitet zustößt, es ist angewiesen auf unsere Einwilligung, unser Ja.

Nicht das Ja von Gubbio, das mit den Wölfen heult und mit der Mode geht, sondern das Ja von Assisi, das sich langsam herausschält aus dem Gewirr der Stimmen und Stimmungen: ein einmaliges menschliches Ja, das sich nicht unter den anderen versteckt, sondern auf andere zugeht und ihnen die Hand reicht. Es gilt der Wirklichkeit, der seufzenden, leidenden, verletzenden, auf Erlösung hoffenden Wirklichkeit. Denn eine andere haben wir nicht.

Zu dieser Wirklichkeit wartet Gott auf uns. Zu dieser Wirklichkeit hat er ja gesagt, als er sich entschloss, selber zur Welt zu kommen. Und er erneuert sein Entschluss, mit jedem Menschenkind, das zur Welt kommt als ein menschgewordenes göttliches Ja!

Paulus hat dieses Ja den Korinthern verkündet. Korinth war ein guter Ort dafür. Es war keine unproblematische Stadt. Es hatte einen schlechten Ruf, und es gab gute Gründe dafür. Unüberschaubar und vielschichtig, als antike Hafen- und Großstadt vielerlei Einflüssen ausgesetzt. "Wölfisch" ging es damals wohl auch dort zu. Doch es ist nicht nur ein in der Vergangenheit versunkener Ort, dessen Reste wir noch bewundern können, es existiert auch heute noch in unseren Herzen, die ebenso unüberschaubar vielschichtig, vielerlei Einflüssen ausgesetzt sind. Und gerade diesem Korinth spricht Paulus das Ja Gottes zu: Der lauten, umtriebigen Stadt mit seinen Nischen dunkler Verzweiflung Mit diesem Korinth und mit dem Wolf von Gubbio in uns sagen auch wir heute zu Gott: Sag doch JA! Bitte sag doch Ja - zu uns!


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