Das Wort zum Wochenende am Freitag, 12.09.2003
Veröffentlicht
im Badischen Tagblatt
Den Mittag des Lebens habe ich schon längst überschritten. Vieles Nötige und Unnötige ist getan und gesagt worden. Erfolg wie Scheitern sind mir vertraut. Verloren habe ich und manches gefunden, Vergebliches kennen gelernt und die Chance des Vergebens. Und immer wieder haben sich neue Lebensräume aufgetan, in denen ich gehen und stehen konnte, dankbar für dies und jenes, und tun, was gerade eben kommt.
Jeder neue Tag hat auch seinen Mittag, nach dem schon ein Werk getan, die morgendliche Kraft verbraucht ist. Erschöpfung beschleicht den Tätigen, zumal in dieser heißen Sommerzeit, die wir erlebt haben, Müdigkeit macht sich bemerkbar und das Bedürfnis nach Ruhe: Siesta nennen die Mittelmeerländer diese Zauberstunde und halten sich ausführlich daran.
Dabei ist Entspannt sein immer wieder so nötig für uns - aber die Spannungslosigkeit auch extrem gefährlich. Doch keiner kann den Mittag überspringen. Er trifft auch jene, die ihn verneinen oder leugnen, wie es bei uns in den nördlichen Ländern meist üblich ist. Er ist Krise und Chance zugleich. Wer ihn überspringt, hat die Chance vertan.
Die Bibel erzählt uns dazu im 18. Kap. des Buches Genesis eine bezaubernde Mittagsgeschichte: Abraham sitzt bei den Eichen von Mamre in der Mittagshitze am Eingang seines Zeltes. Bis dahin war er schon weite Wege gegangen mit Gott und den Menschen. Wenige Zeit vorher hatte er sich, als Gott ihm verheißt, dass er und seine Frau Sara noch einen Sohn und Erben bekommen werden, zur Erde niedergeworfen und mit verborgenem Gesicht - alt und lebensweise- resigniert und ungläubig gelacht. Nun sitzt er in der Mittagshitze am Zelteingang und sieht, als er hochblickt, drei Männer kommen, die in der späteren Tradition als Engel und Bild des Dreifaltigen Gottes interpretiert werden. Er steht auf, geht ihnen entgegen und sagt: "Bitte, geht nicht an meinem Heim vorbei, ohne zu verweilen. Ich bin hier, um euch zu dienen."
Das wünsche ich auch mir: So zu sitzen, wenn alle Gründe und Kräfte zur Aufgeblasenheit und unechtem Schein unter der Hitze zerronnen sind. So zu sitzen und aufzusehen, aufzustehen und zu sagen: "Ich bin hier, um euch zu dienen." Und dann die Antwort zu hören: "Danke, das nehmen wir an."
Es ist gut für den Menschen, am Mittag still zu sitzen. Wenn wir erschöpft sind von den eigenen Taten und aller möglichen Eigenmächtigkeiten, kann Gott sich zeigen und seine Verheißung in unserem Leben geschehen. Wie groß die Hitze auch sein mag. Gott hindert sie nicht.