Gönne dich dir selbst

("Was ein Papst erwägen muß")

Juli 2003 - Lesejahr B

Es gibt ein wunderbares und auch noch heute beherzigenswertes Werk des Hl. Bernhard von Clairvaux:

"Über die Betrachtung - gewidmet Papst Eugen".

Schon die Vorgeschichte ist ungewöhnlich: Im Jahr 1445 wird der Zisterziensermönch Bernhard von Pisa überraschend zum Papst gewählt und nimmt den Namen Eugen III an.

Von der mannigfaltigen Last des unerwarteten Amtes überwältigt bittet der bis dahin zurückgezogen lebende Mönch seinen Lehrer und geistlichen Vater, den Gründer des Zisterzienserordens, Bernhard von Clairvaux, um geistlichen Beistand.

Auch das Ergebnis ist ungewöhnlich: Bernhard von Clairvaux verfasst das genannte, aus 5 kurzen Büchern bestehende Werk mit dem lateinischen Titel: De consideratione ad Eugenium Papam.

Es handelt von den Regeln der persönlichen Betrachtung, von der Kunst des Erwägens und Abwägens, schildert und kritisiert die Zustände im Klerus und in der römischen Kurie, analysiert die Gründe für den gerade gescheiterten 2. Kreuzzug und gibt dem neugewählten Papst Ratschläge für die kluge Auswahl seiner Mitarbeiter. Eine neue deutsche Ausgabe trägt daher auch den etwas reißerischen Titel: "Was ein Papst erwägen muß!"

Doch nicht nur um den Papst geht es. Denn das Werk gipfelt in der Mahnung, bei allem Trubel des Geschäftes und bei aller Last der Verantwortung, sich selbst nicht zu vergessen. Das ist für die damalige Zeit ungewöhnlich, ungeheuer aktuell und auch für uns geschrieben: "Die päpstliche Amtswürde", so damals Bernhard, "lege einem Menschen die Aufgabe vor, nach dem Wort des Paulus "allen alles" zu sein." Ein Papst müsse für die Törichten wie für die Klugen da sein, für die Notleidenden wie für die Ratsuchenden. Das kann nur gelingen, wenn man nicht zum Besitz anderer Menschen werde, sondern zuvorderst sich selbst besitzt. "So denke denn daran", mahnt der Heilige, " - ich sage nicht immer, ich sage nicht oft, aber doch zuweilen- bei Dir selber Einkehr zu halten. Tu Dir selber ein Gutes an, mit den übrigen zusammen oder zumindest nach ihnen!"

Bernhard von Clairvaux geht es um die innere Einkehr und um die Kunst der "heiligen Muße." Wie man es schaffen kann, dass die zahllosen äußeren Verpflichtungen, so notwendig und bedrängend sie auch sein mögen, den inneren Menschen nicht zerstören! Es geht auch um die alte geistliche Erfahrung, dass man Gott nur dann empfangen kann, wenn man zuvor für ihn einen Platz und einen offen Raum geschaffen hat. Das geht nur, wenn man lernt, Abstand zu halten und sich von den Menschen und den Sorgen des Alltags nicht voll beherrschen zu lassen.

Im Grunde genommen nicht sehr aufregend und schon gar nicht neu. Keine Religion, keine Philosophie kommt ohne ähnliche Ermahnungen aus. Und doch ist sie, wie gesagt, für die damalige Zeit überraschend, ungeheuer aktuell, wahrhaft menschlich, lebensklug und - nicht nur für das Amt eines Papstes - unverzichtbar.

Die Weisung des Zisterziensers Bernhard von Clairvaux erinnert nicht nur an die "Goldene Regel" des Jesus von Nazareth: "Liebe deinen Nächsten - wie dich selbst", sondern auch an die Szene im heutigen Evangelium:

Als sich die Jünger nach einem Tag harter Arbeit bei Jesus versammeln und dabei, weiter von der Menschenmasse bedrängt, nicht einmal Zeit zum Essen finden, sagt Jesus: "Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus." Wieder scheint es, dass dieses Wort Jesu allzu schlicht ist, um aufregend zu sein. Gleichwohl könnte es uns inspirieren, gerade jetzt, an diesem heißen Sonnentagen und zur beginnenden Urlaubszeit, darüber nachzudenken, was Ruhe, was "Einkehr bei sich selbst" bedeutet und was sie nicht bedeutet.

Es ist in den letzten Jahren viel vom "Burn-out"-Syndrom gesprochen worden, einem Zustand des inneren Ausgebranntseins. Es kommt häufig vor bei Menschen, die sich beruflich oder persönlich um andere Menschen kümmern: Lehrer, Pfleger, Seelsorger, Krankenschwestern, ...

Es geht dabei um das Gefühl, innerlich leer zu sein, um die Erfahrung, ständig nur zu geben, ohne Vergleichbares zurück zu bekommen. Man brennt innerlich aus, weil kein "Treibstoff" mehr nachgetankt wird. So kann nicht einmal ein Auto fahren. Auffällig ist auch, dass sich diese Symptom in einer Zeit ausbreitet, die wie keine andere vorher, dem Menschen viel mehr geregelte Freizeit zur Verfügung stellt als früher, und bei Berufsgruppen, denen - wie Lehrer, Pfarrern, Selbstständige, vergleichsweise mehr frei verfügbare Arbeitszeit zur Verfügung steht. Es scheint also, das Freizeit nicht unbedingt mit Erholung gleichzusetzen ist, und dass noch so lange Wochenenden, Urlaubswochen und Ferien noch kein Ausruhen und Auftanken garantieren. Denn der Urlaub vieler Menschen ist oft nicht anderes als minutiös verplante Freizeit und der Versuch, möglichst viele Erlebnisse und möglichst viel Spaß in die freie Zeit hineinzupacken.

Die Vermutung liegt also nahe, dass die Kunst der Muße und der Einkehr bei sich selbst erst wieder eingeübt werden muß.

Dieses so unspektatulär daherkommende und doch so bewusst ausgesprochene: "Ruht euch ein wenig aus!" muß wieder seinen festen Platz bekommen am Ende oder inmitten eines jeden Arbeitstages, um das ausgebrannt werden, oder, wie es die Bibel sagt, das sich verlieren in den Geschäften der Welt zu vermeiden.

"Wenn du allen gehörst, nur nicht dir selbst", sagt Bernhard, "werden deine Werke auf Dauer keine Früchte tragen". Denn Leben bedeutet nicht nur in die Welt hinauszuziehen, man muß auch regelmäßig wieder zu sich selbst zurückkehren. Denn es nützt wahrhaftig nichts, sagt Jesus, die ganze Welt zu gewinnen, dabei aber sich selbst zu verlieren.

Eine wichtige Erfahrung in diesem Zusammenhang sind die scheinbar leeren Zeiten. Zeiten, in denen nichts passiert. Wie schnell sind wir dabei, dieser Zeiten zu fliehen oder sie erneut mit Aktivitäten und Geschäften zu füllen. Und doch erleben wir, dass es gerade diese Zeiträume sind, die uns weiterbringen, die einen entscheidenden Wandel bewirken können. "Alle suchen dich", sagt Petrus zu Jesus. Doch dieser geht an einen "einsamen Ort", um zu beten. Vielleicht kommt es gerade darauf an: In dem Augenblick, in dem man von allen gesucht und gebraucht wird, Abstand zu gewinnen und sich dem Trubel zu entziehen: "Nicht immer, nicht oft, aber doch zuweilen".

Könnte man weniger finden?", sagt Bernhard von Clairvaux. Manchmal scheint mir, dass diese einfache und selbstverständliche Forderung nach innerer Einkehr oft höchst anspruchsvoll, ja fast unmöglich erscheint. Doch es geht nicht ohne. Denn nur derjenige, der "gesammelt" ist und gesammelt hat, kann auch hergeben.

"Was ein Papst erwägen muß", sollten auch wir tun.


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