Herbst 2003 - Lesejahr B
Ein Wort, das beunruhigt. Ein Text, der herausfordert.
"Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen!"
In der Parallelstelle des Matthäus-Evangeliums beginnt diese Geschichte mit der Frage der Jünger: "Wer ist im Himmelreich der Größte?" (Mt 18,1) Und Jesus lässt sich erst gar nicht auf eine Debatte über Größe, Leistung, Fähigkeiten oder Tugenden ein, sondern ruft ein Kind herbei, stellt es in die Mitte und sagt: "Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen!"
Ein Wort, das beunruhigt. Ein Satz, der herausfordert. Doch was bedeutet es, zu "werden wie die Kinder"?
Das kann ja nicht meinen, dass wir uns als Erwachsene wieder wie Kinder verhalten sollen. Jesus will uns auch hier, wie in vielen seiner Bildworte, auf ein wichtiges Geheimnis unseres Mensch-Seins hinweisen.
Wer zur Vollendung gelangen will, muß sich auf seinen Ursprung zurück besinnen. Die Bibel sieht im Kind das Urbild des anfangenden und vertrauend aufschauen könnenden Menschen, der jeder von uns einmal war und den es (in jedem von uns) wieder zu entdecken gilt. Das Kind schaut, weil es klein ist, meist nach oben. Das Kind sieht und nimmt die Dinge, wie sie sind. Es hat noch keine Vorurteile, keine vorgefassten Meinungen. Was es sieht, sieht es ganz und unverstellt. Das Kind ist "ganz Auge". Und weil es sich in seinem kleinen Leben noch nicht viel erarbeiten kann, bekommt es das meiste in seinem Leben noch von den "Größeren". Alles, was ihm begegnet, wird ihm zum Geschenk - auch zum schmerzhaften Geschenk. Doch es kann nicht ausweichen, wehrlos ist es der Wirklichkeit ausgesetzt.
Und ein Kind gehorcht, auch ohne zu verstehen, wenn es den Menschen vertraut, denen es anvertraut ist.
"Ein schönes Ideal", werden Sie sagen, "aber Kinder sind gar nicht so! Sie lernen heute schnell, allzu schnell. Und sie lernen von Klein auf, schlau zu sein, ihren Vorteil zu suchen, sich durchzusetzen."
Und das ist wahr. Und so sind unsere Gefühle Kindern gegenüber zwiespältig: Wir finden sie niedlich - und sie sind uns zu laut. Sie sind ein Geschenk und bereichern unser Leben - aber sie rauben uns auch den Schlaf, besetzen unsere Freizeit, kosten viel Nerven und auch Geld.
Manchmal spiegelt sich in ihren Augen der Himmel - und das entschuldigt uns für vieles. Aber in ihrem Verhalten spiegelt sich auch unser eigenes Verhalten, brechen manchmal alte Wunden wieder auf. Kinder zeigen uns, wer wir sind. Und sind doch anders als wir!
Früher hat man Kinder wie kleine Erwachsene behandelt. Möglichst schnell wollte man ihnen das Erwachsenen-Verhalten beibringen. Heute wissen wir mehr über das Heranwachsen des Kindes, sehen ihre sich entfaltende Fähigkeiten und Möglichkeiten und ihre sich stetig weitende Grenzen und die Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit.
"Eure Kinder sind nicht Eure Kinder", sagt der arabische Weise Kahlil Gibran.
Und Martin Buber schreibt in seinem berühmten Werk "Ich und Du": Das Kind "muß sich seine Welt erschauen, erhorchen, ertasten, erbilden". So fängt jedes Leben an. Aus dem dunkel des Mutterschoßes entlassen, haben wir noch keine Vorstellung von dem, was uns begegnen wird. Augen, Ohren und Hände sind noch ungeübt und müssen ihre Aufgabe erst noch lernen. In der Begegnung mit den Dingen lernen sie Farben, Formen und Geräusche immer feiner zu unterscheiden. Sie lernen zu erkennen und wieder zu erkennen. Das vertraute Gesicht der Mutter wird mit einem Lächeln freudig begrüßt, liebgewordene Gegenstände tröstend und beruhigend in die Hand genommen oder in den Mund geschoben. Alles spricht das Kind an, und das Kind spricht alles aus. Zuerst lernt der Mensch, "Du" zu sagen mit seinem ganzen Wesen. Erst mit seinem Erwachsenwerden wird er lernen, seine Umwelt differenzierter zu sehen, sich von ihr abzugrenzen, "Ich" zu sagen. Nach Martin Buber hängt die Reife des erwachsenen Menschen ganz davon ab, wie er "Ich" sagt. Ich kann dieses "Ich" über alles andere stellen, und die Menschen und die Dinge nur zu meinem Nutzen gebrauchen oder sie dazu benutzen, mich selber herauszustellen. Ich kann aber auch eine brüderlich-schwesterliche Beziehung zu den Geschöpfen und Dingen eingehen. Das "Ich" wendet sich dem anderen zu und sagt "Du". Beides kommt in unserem Leben vor: Ich muß mich abgrenzen und die Dinge gebrauchen, ich gehe an vielen Menschen vorüber, ohne ihnen zu begegnen; Ich werde aber auch immer wieder ein Gespräch beginnen mit einem anderen Menschen - und - auf je seine Art - mit allem, was mir begegnet oder widerfährt. Ich öffne mich und lasse mich berühren. Und in jeder Begegnung, so versteht es Martin Buber, betrete ich eine tiefere Wirklichkeit, mit jeder Berührung rührt mich ein Hauch des ewigen Lebens an.
Das ist es, was Jesus meinte, als er seinen Jüngern ein Kind als Vorbild und Maßstab gegenüber stellte. Die Jünger waren auf dem besten Weg, ihr Ich über alles andere zu stellen, und damit das Leben, das sie doch gewinnen wollten, zu verlieren: das ewige "Du".
Darum sagt Matthäus: "Wenn ihr nicht "umkehrt" und wie die Kinder werdet...".
Jesus will unsere verschobenen Perspektiven wieder zurecht rücken. Das Kinder erinnert uns daran, dass unser Leben bei aller eigenen Leistung Geschenk ist und Geschenk bleibt: Gabe von Oben!
Das Kind wächst heran und wird ein Erwachsener. Nur eines, so sagt uns die Biologie, wächst nicht: Das Auge. Das ist eine naturwissenschaftliche Feststellung, man kann sie auch als Sinnbild verstehen: So sehr sich unser Leben auch weiten und wandeln mag, den Blickwinkel des Kindes sollten wir dabei nicht verlieren.