Der reiche Jüngling

Herbst 2003 - Lesejahr B

So ist er in der ganzen Welt bekannt: Als der "reiche Jüngling." Und er gilt als Versager. Im Markus-Evangelium ist er einfach "ein Mann", bei Matthäus erfahren wir, dass er "ein junger Mann" ist.

Es hat diesen Mann wohl gegeben. Er ist Jesus begegnet, als dieser auf dem Weg nach Jerusalem war. Es hätte die letzte Jüngerberufung werden können - und wer weiß, was daraus noch alles geworden wäre.

Jesus hat ihn liebevoll angeschaut, ihm lag offenbar etwas an diesem Menschen, und er hätte ihn gerne als Jünger gewonnen.

Aber die Begegnung endet mit einem Debakel. Traurig geht der junge Mann weg, "denn er hatte ein großes Vermögen", heißt es. Dass er so reich war, erfahren wir erst an dieser Stelle. Eine sehr individuelle, persönliche Geschichte. Und doch hat sie mit uns zu tun.

Im Evangelium erfahren wir darüber, was für ein Mensch er war. Kein Zögerlicher, der vor lauter Bedenken nicht zum Handeln kommt. Er spielt auch nicht den verdeckten Beobachter, wie jener Zöllner aus Jericho, der sich alles erst einmal aus dem Abstand der sicheren Zweige anschauen will. Und er ist auch kein Nathanuel, dem die Freunde beichten, sie hätten den Messias gefunden, und der erst einmal skeptisch nachfragt, woher er denn komme...

Nicht so dieser junge Mann: Er läuft auf Jesus zu und fällt vor ihm auf die Knie. Ist er vielleicht zu impulsiv und überschwänglich? Oder hat er die Szene vorher mit den Kindern beobachtet, den Satz gehört, dass man das Reich Gottes annehmen muß wie ein Kind, sonst kommt man nicht hinein? Vielleicht ist er über das, was er gesehen und gehört hat nachdenklich geworden.

Wie ist das nun mit dem Reich Gottes? Wie mit dem eigenen Leben? Was muß man tun, um hinein zu kommen?

Offensichtlich ist er ein religiöser Mensch.

Was er bisher von Jesus erfahren hat, genügt ihm, um von Jesus Antwort auf die Frage aller Fragen zu erwarten. Jedenfalls spricht er Jesus an und fragt: " Was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?"

Und Jesus gibt ihm Antwort. Allerdings eine unerwartete Antwort. Jesus zählt als Antwort zunächst die Gebote auf. Wenn der junge Mann dann darauf antwortet, dass er diese Gebote von Jugend an befolgt, dürfen wir ihm das so glauben. Doch irgendwie klingt es auch, als sei er mit der Antwort nicht ganz zufrieden. Jeder Schriftgelehrte Israels hätte ihm wohl die gleiche Antwort gegeben. Da blickt Jesus ihn an und merkt: Dieser Mann sucht mehr. Und er fasst Zuneigung zu ihm und wagt den entscheidenden Schritt: "Eines fehlt dir noch, verkaufe alles, was du hast, gib es den Armen, dann folge mir nach!"

Ein Schritt zu viel! Hätte Jesus gesagt: Dieses Gebot musst du noch befolgen, jenes Verbot noch beachten, der junge Mann hätte es freudig getan. Doch was Jesus ihm da sagt, lässt seine Welt zusammenbrechen: Nicht noch mehr Leistung erbringen, sondern hergeben, loslassen, alles, was er hat. Seinen Schatz woanders anlegen. Das packt er nicht. Erschrocken und bedrückt geht er davon.

Jetzt kommen wir ins Spiel. Gewiss geht es in der Geschichte zunächst um Geld, um viel Geld. Aber Geld kann auch ein Beispiel sein. Für vieles andere.

Ich will es Ihnen erklären:

Bei meinem letzten Besuch in Berlin kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Diese geschundene und ruinierte Stadt war nicht wieder zu erkennen. Ob alles schön ist, wage ich nicht zu beurteilen, aber stattlich, außerordentlich stattlich: die Autosalons in der Friedrichstrasse, das Bundeskanzleramt, die riesigen Hotels, der Sony-Palast, der am Potsdamer Platz in den Nachthimmel strahlt - alles behauptet sich prächtig! Und ist doch nur geliehen! Für eine bestimmte Zeit! So stabil es auch aussieht!

Ähnlich ist es mit unserem kleinen privaten Leben. Auch hier suchen wir Stabilität und Sicherheit. Das braucht jeder. Doch wo finden wir das? Geld, Besitz, Beruf, Gesundheit, Familie, Freunde - darin kann ich schon Sicherheit und Geborgenheit finden. Aber wir wissen nur zu gut, wie leicht das alles zu verlieren ist.

Zurück zu dem jungen Mann in unserer Geschichte. Jesus will ihm nicht die Sicherheit nehmen. Wieso denn auch. Ohne Sicherheit ist einer wie eine Feder, die man leicht wegblasen kann. Auch Jesus lebt nicht ohne Sicherheit. Aber die besteht nicht in dem was er hat, sondern in dem, was er ist. Und diese Sicherheit wird ihm geschenkt. Sie besteht in seinem Vertrauen auf Gott, das ihm Geborgenheit schenkt. Diesem Jesus fehlt alles, was wir Besitz nennen. Und er ist ein glücklicher Mensch, frei und ganz sich selbst.

Wir Menschen haben alle eine verständliche Neigung, uns zu behaupten, durch das was wir haben, was wir können: Geld, Besitz, Macht, Einfluss, Anerkennung. Gar kein Zweifel, dass uns das auch für Augenblicke ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit gibt. Aber eine verlierbare. Wer nur darauf geht, dem hilft das nur vorübergehend. Dem jungen Mann und uns sagt Jesus: Eines fehlt dir noch: Nichts sollst du noch tun! Sondern etwas sein lassen! Dich selbst sollst du sein lassen. Nicht haben - sondern Sein, so hat es Erich Fromm einmal auf eine gültige Formel gebracht.


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