Predigt am Sonntag, dem 04. Januar 2004
Selten kommen Mythos und Wirklichkeit, Weltgeschichte und Glaubensgeschichte sich so nahe wie an Weihnachten. Zwanzig Milliarden Jahre nach dem Urknall, sechs Millionen Jahre nach dem vermutlich ersten Auftreten eines menschenähnlichen Wesens, hunderttausend Jahre, nach dem der "Homo sapiens" aufrecht über die Erde zu laufen begann, wird in der Festlichen Christmette der Heiligen Nacht ein Text verlesen, der den einzelnen Menschen, diesen winzigen Nomaden aus Sternenstaub, ob gläubig oder nicht, für wenige Sekunden aus der beschaulichen Gewohnheit reißt und in den Schauder der Ewigkeit stellt: Wer ist Gott? Wer ist der Mensch? Was ist das Unendliche?
Der Text: Milliarden Jahre waren vergangen, seit Gott im Anfang Himmel und Erde geschaffen; Millionen Jahre, seit er den Menschen gebildet; Jahrtausende seit der großen Flut. Zweitausend Jahre waren vergangen seit der Berufung Abrahams; eintausendfünfhundert Jahre, seit Mose das Volk Israel aus Ägypten heraus geführt; tausend Jahre seit der Salbung Davids zum König. In der fünfundsechzigsten Jahrwoche nach der Weissagung Daniels; in der hundertvierundneunzigsten Olympiade; siebenhundertzweiundfünfzig Jahre nach Gründung der Stadt Rom: im zweiundvierzigsten Regierungsjahr des Kaisers Octavianus Augustus, als auf dem ganzen Erdkreis Friede war; im sechsten Zeitalter der Welt; vor zweitausend Jahren: Da wollte Jesus Christus, ewiger Gott und Sohn des ewigen Vaters, Gott von Gott und Licht vom Licht, die Welt heiligen durch seine liebevolle Ankunft. Durch den Heiligen Geist empfangen und nach neun Monaten von Maria der Jungfrau zu Bethlehem in Juda geboren, wird er Mensch. Er, das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.
Heftiger können Sein und Zeit, Weltall und Mensch, Materie und Geist nicht aufeinander prallen. Stärker ist unser Glaube gar nicht herauszufordern als mit dieser Weltchronik der Hoffnung, die jeden Einzelnen vor die unendlich - endliche Geschichte eines unendlich - endlichen Universums stellt.
Das vergangene 2. Jahrtausend begann mit einer Blüte von Philosophie und Theologie. Am Ende triumphieren Physik, Biologie, Medizin und Technik. Der visionäre Cictersienser-Abt Joachim Fiore sagte Ende des 12. Jahrhunderts (1135-1202) das Zeitalter des Geistes an, die Esoteriker des endenden 20. Jahrhunderts künden uns das Zeitalter des Wassermanns. Gekommen aber ist das Zeitalter der Naturwissenschaften. Und mit jedem gelungenen Experiment wurde es enger für Gott, der sich mehr und mehr mit dem Platz des "Lückenbüßers" begnügen mußte. Doch ein Gott, dem nur noch außerhalb des Universums eine Heimstatt bleibt, ist für viele kein tröstlicher Gott mehr.
Die Erosion des Glaubens läßt sich auch messen. Nicht nur an den Kirchenbesucherzahlen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubten immerhin noch um die 30% der führenden amerikanischen Wissenschaftler an einen persönlichen Gott und an die Unsterblichkeit, am Ende sind noch 7% übrig geblieben. Auch wenn sie kaum einer versteht, die geistige Elite erzeugt Meinungsströme. Die Welt ohne Gott - ist sie unser Schicksal?
Doch mitten in dieser dichtesten Bedrängnis des Gottesglauben, beginnen wieder ein paar wenige, die Gottesfrage neu zu stellen. Merkwürdig nur, dass ihre Dispute, Einsichten, Spekulationen in der Kirche anscheinend kaum jemand erreichen. Der Hauptstrom der Theologie heute schweigt zur Gottesfrage, beschäftigt sich lieber mit Kontroversfragen wie Jesus Gottessohn, Eucharistie, Amt und Kirche.
Ist das ein falscher Friede, eine klammheimliche Übereinkunft, Naturwissenschaft und Theologie schiedlich - friedlich nebeneinander existieren zu lassen? Jeder hat seinen Bereich. Jeder darf nach seiner Facon selig werden. Du das deine, ich das meine. Das wäre ein gefährlicher Trugschluß. Der an Gott Glaubende muß sich der naturwissenschaftlichen Erfahrung stellen. Und allen damit verbundenen Denkproblemen! Etwa dem: Wieso kam der Kosmos über Jahrmilliarden ohne jede Spur persönlichen Lebens aus? Oder warum wurden im All mit seinen Hunderten von Milliarden Galaxien aus jeweils Hunderten von Milliarden Sternen bisher nirgendwo Leben nachweisen außer auf unserem kleinen "Blauen Planeten"? Kann man sich einen persönlichen Gott denken, der nur für einen verschwindenden Bruchteil Seiner unermeßlichen Schöpfung persönliches Leben geschaffen hat? Gewiß muß man sich Gott heute nicht mehr als die imposante Figur an der Decke der Sixtinischen Kapelle vorstellen, doch persönliche, intelligente Züge muß er schon haben und sich um das Leben in seinem Universum sorgen, insbesondere um das menschliche. Wie sonst könnte von einem Schöpfergott die Rede sein? Bleibt die Frage, warum sich trotz der Milliarden Jahre seit Entstehung unseres Universums und trotz der Hunderte von Millionen Lichtjahre Ausdehnung des Alls, persönliches Leben gerade hier auf unserer Erde, an einem vernachlässigbaren Fleck des Weltalls herausgebildet hat.
Es scheint: An den entscheidenden Warum - Fragen des beginnenden 3. Jahrtausend nach Christi Geburt weiß die Theologie ebenso wenig eine Antwort wie die Physik. Nach wie vor prägt das christliche Glaubensgebäude das majestätische Gottesbild eines "unbewegten Bewegers" der alles weiß, alles gemacht, alles bedacht, alles vorherbestimmt und alles vollendet hat. Wozu aber das alles? Ein großes Schauspiel auf der Bühne der Schöpfung mit jener Majestät als einzigem Zuschauer, der den Kampf des Menschen um Gut und Böse von außen betrachtet?
Da hilft es wenig, wenn die Theologie an diesem kritischen Punkt schnell die Paradigmen wechselt und statt von einem Schöpfergott lieber von einem Erlösergott redet. Schrecken die Theologen vor der heißen Frage zurück: Muß Gott womöglich auch selbst als "werdender Gott" gedacht werden angesichts einer überall sich weiterentwickelnden Welt? Ist der selbe ewige Gott immer der gleiche? Merkwürdig ist, je dynamischer unsere Welt erlebt wird, desto statischer werden die Gottesbilder. Hier bricht die eigentliche Kluft zwischen Glaube und Welt auf. Dabei kennt etwa die alttestamentliche Offenbarungsgeschichte ein sich deutlich entwickelndes Gottesbild, ebenso wie die Christologie der ersten christlichen Jahrhunderte sich Schritt für Schritt in das Geheimnis des Gottmenschentums Christi hineingedacht hat. "Der Weg Gottes ist der Mensch", sagt der heutige Papst. Doch was bedeutet das?
Die Physik mag uns sagen, dass Musik Luftdruckschwankungen sind, und die Neurophysiologie mag die daraus folgenden Nervenaktivitäten beschreiben, die entstehen, wenn der Schall das Trommelfell trifft , doch den Zauber einer Sinfonie von Beethoven ließe sich damit wohl nicht angemessen beschreiben. Ähnlich mag es uns heute mit der Welt der religiösen Erfahrungen und Überzeugungen ergehen. Doch die rationale Schönheit und die vernünftige Transparenz der theoretischen Physik sind für viele auch beeindruckendes Zeichen eines unendlichen Geistes. Die Schlüssigkeit der mathematischen Formeln, die Befähigung der Logik zur Erkenntnisgewinnung und die Fähigkeit der Wissenschaft, eine komplexe Wirklichkeit einfach zu beschreiben, legen einen Schöpfergott nahe. Wer sonst sollte als lenkendes und sinnstiftendes Prinzip hinter allem stehen. Der Zufall sicher nicht. Denn schon geringe Abweichungen von den vorgegebenen Konstanten würden den Kosmos ins Chaos zurückstürzen.
Auf Dauer darf sich die christliche Theologie dieser aufregenden Entwicklung nicht entziehen. Das "Fenster zum Jenseits" steht heute offen, auch wenn unsere erdgebundenen Augen - noch - nicht hindurch schauen können. Der Anfang des Johannes Evangeliums ist ungeheuer aktuell: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." Wort -griechisch: Logos - deutsch: Logik, Sinn.
Die Gottesfrage stirbt zuletzt. Und sie ist da, solange überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts. Das läßt uns Christen hoffnungsvoll ins 3. Jahrtausend nach Christi Geburt gehen, ohne Angst, ohne Verzagen, mit viel Ehrfurcht, ergriffen und nachdenklich.