Predigt am Sonntag, dem 12. Juni 2005
"Wer sucht, der findet", heißt es lapidar in der Bibel (Mt 7,8) (Lk 11,10). Wozu mir natürlich spontan Franz Kafka einfällt: "Wer sucht, findet nicht!" Wer hat nun recht? Womöglich Martin Walser, der sagt: "Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr," damit könnte man sich nun schon diplomatisch aus der Affäre ziehen und die Frage abhaken.
Doch die Frage bleibt. Auch für den Glaubenden: Soll man nun Gott suchen oder nicht? Was für eine Frage, sagt der gebildete Christ. Schließlich steht das schon des öfteren in der Bibel. Und der große Gottsucher Augustinus hat das ja auch ganz klassisch formuliert:
"Du hast uns auf dich hin geschaffen, Gott, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir".
Suchen und finden. Eines führt zum anderen. Wer das eine aufrichtig tut, dem fällt das andere sozusagen als Lohn in den Schoß. Klare Sache! Ist es so?
Je länger ich über dieses Wortpaar: Suchen und finden nachdenke, desto verdächtiger wird es mir, wenn ich das wirklich ernst nehme, macht es mir zu schaffen.
Denn ich erinnere mich an zahlreiche Gelegenheiten, wo sich mir das, wonach ich zielsicher greifen wollte, entzogen hat. Da freut man sich seit Wochen auf einen bestimmten Tag - und dann verläuft er ganz enttäuschend. Aber auch umgekehrt: Da graut einem vor einem Termin- und hinterher ist man selbst überrascht, wie problemlos er verlaufen ist. Und immer wieder suchen Menschen verzweifelt nach Liebe, nach einem Partner, nach Zuwendung oder Bestätigung -und es wird ihnen nicht zuteil. Ja, man hat geradezu den Eindruck, je mehr wir Menschen nach dem großen Glück suchen, desto mehr vertreiben wir es. Siehe Franz Kafka: Wer sucht, findet eben nicht: Oder wie es der Volksmund etwas drastisch formuliert: "Das Glück ist ein Rindvieh und sucht seinesgleichen".
Und dann fallen mir noch die Millionen Urlauber ein, die Jahr für Jahr ausschwärmen, um immer noch abgelegenere Küstenstreifen oder Bergregionen zu erobern, um dort ganz für sich zu sein. Abstand gewinnen -Ruhe zu haben -ist die Parole. Und wieder gelingt es nicht. Je stiller es außen wird, desto lauter wird es innen. Man wird sich selbst und seinen inneren Lärm nicht los; und da man ihn nicht aushält, flieht man vor dem inneren doch wieder in den äußeren Lärm -und vergiftet damit auch noch die letzten stillen Regionen unserer Welt. Und bald ist alles wieder, wie es zu Hause ist: laut, lärmend, nervend, zerstreuend. Innerer Friede, gar die "Ruhe in dir", lässt sich offensichtlich nicht so einfach erobern: Stille lässt nicht zu, dass man sie an sich reißt. Stille und Ruhe wollen gar nicht, dass man nach ihnen sucht -sie fürchten den Lärm und die Hektik des Findens oder Gefundenwerdens. Könnte es mit dem "Gott- suchen" nicht ähnlich sein? Könnte es sein, dass das rechte "Gott- suchen" im Nicht- suchen bestünde und das Finden im Sich -Finden -lassen.
"Ich ging im Walde / so für mich hin / und nichts zu suchen / das war mein Sinn", beginnt ein berühmtes Gedicht Goethes. Und diesem Ich, das sich als Nicht -Sucher bekennt, widerfährt ein Fund: "Im Schatten sah ich / ein Blümlein stehen / wie Sterne leuchtend / wie Äuglein schön." Er sieht die Blume und wird von ihren "Äuglein" angesehen. "Glotzböckle" nennen die Schwaben das Stiefmütterchen, weil es einem mit seinen großen Blütenaugen so treuherzig ansieht. Der Betrachter findet und wird gefunden, weil er nichts gesucht hat: Er schaut und wird angeschaut, weil er nach nichts gespäht oder geforscht hat. Das Glück liegt in der Absichtslosigkeit. Es liegt im Moment der Wahrnehmung und im Augenblick der Begnadung. Eine Kraft strömt in den Betrachtenden ein, mit der er -im wahrsten Sinne - nicht gerechnet hat. Er schaut, weil er angeschaut wird. Er schaut, weil er sich anschauen lässt. Er schaut, weil er ganz vergaß, nach etwas Ausschau zu halten.
Könnte das ein Gleichnis für unser "Gott -suchen" sein? Wollen wir zu viel, tun wir zu viel - und unser Suchen wird zum Zwang?
Das erste am Glauben ist das Ergriffen sein und das Erfasst werden, das Handeln einer Kraft an mir, die mir Grund ist - und die mich besser kennt, als ich sie, eine Kraft, die mich hinreißt und mitreißt. Ihr muss man weniger nachjagen, als vielmehr Raum geben.
Was also tun? Die Suche nach Gott aufgeben? Gott "einen guten Mann sein lassen" - wie wir volkssprachlich sagen. Vielleicht sollten wir es einmal versuchen - wenigstens auf Probe? "Gott einen guten Mann sein lassen" - ein schönes Wortspiel, und ein Versuch wert. Wenn wir dabei nicht aus den Augen verlieren, dass es eben Gott ist, den wir "nicht -suchen"!
Es sind ja ausgerechnet die unruhigsten Geister und die verzweifeltsten Sucher - wie eben ein Franz Kafka -, die Getriebenen und Gejagten, die nur ausdrücklich Sucher waren. Wissen sie doch nur zu gut, wie schnell Suche zur Sucht werden kann, die Beseelung zur Besessenheit, das Streben nach Licht zur Verblendung. Und man vor lauter Bäume den Wald nicht mehr sieht. Wie einer, der verzweifelt seine Brille sucht, obwohl er sie auf der Nase sitzen hat. Oder jener, der im Zug sitzt, und von Station zu Station lauter stöhnt, und auf die besorgte Frage eines Mitreisenden antwortet: Ich fahre ja dauernd in die falsche Richtung.
Meister Eckhart sagt: "Hast du es aber auf das, was dir zuteil werden soll, abgesehen, und schielst du danach, wird dir nichts zuteil."
Kann man solches "Nicht- wollen" und "Nicht- suchen" üben? Ja, indem wir uns verabschieden von der Ansicht, wir könnten Gott erzwingen, wie eine Gewichtsabnahme, ein Examen oder eine Siegestrophäe. Indem wir unser Leben so richtig und so verantwortlich leben, wie wir können, ohne einen Lohn dafür zu erwarten. In dem wir lernen, dass Gott kein Ziel, sondern Gegenwart ist. Indem wir uns schützen, wie Meister Eckhart sagt, nicht nur vor der "Unruhe äußerer Werke", sondern vor allem vor "dem Gestürm innerer Gedanken" - den vielerlei Abrechnungen, Vorurteilen und dem geheimen Groll, die wir in unserem Innern hegen.
In dem wir den Umgang mit der Stille üben, das einfache wieder schätzen lernen, jedes Detail unseres Tagwerkes liebevoll pflegen - also lauter einfache, schlichte Dinge - und ebenso schwierige. Wenn die großen geistlichen Lehrer keinen einfachen Rat parat haben, geben sie dem Ratsuchenden gerne ein Rätsel mit auf den Weg.
So will ich es heute auch tun: Mit der Suche nach Gott verhält es sich folgendermaßen:
"Wer noch nicht sucht, soll sich auf die Suche machen. Wer aber auf der Suche ist, wird nur finden, wonach er sucht, wenn er auf seinem Weg das Nicht-Suchen erlernt hat."