Die Wellen unseres Lebens

Predigt vom Sonntag, dem 07.08.2005
19. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Von den Wellen des Lebens hin und her geworfen zu werden, ist eine Erfahrung, die heute viele haben. Und es sind nicht nur die Wogen von außen, die uns überstürzen: Unsicherheit, Angst um den Arbeitsplatz, Sicherung der Zukunft. Auch in unserem Innern tobt oft ein Kampf: Zweifel und Sinnlosigkeit, Verstimmungen und Ängste, die wir uns oft nicht recht erklären können. Wir sagen dann: das Wasser steht uns bis zum Hals. Ein Psalmist hat es einmal in seinen Strophen ausgedrückt: „Ich versinke im Schlamm des Abgrunds, es gibt kein Halt mehr, ich bin in Wassertiefen geraten, die Flut schlägt über mir zusammen" (Ps 69,3). Und je mehr wir gegen den Sog und Sumpf ankämpfen, desto tiefer geraten wir hinein. So geht es auch den Jüngern im (Mt) Evangelium (14,22). Sie kämpfen vergeblich gegen die Wellen und Wogen des Sees. Und: das Evangelium hat noch ein anderes Bild: „Sie hatten Gegenwind". Das kennen wir auch: Dass uns der Wind ins Gesicht bläst: Das alles, was wir anpacken, uns irgendwie zu misslingen scheint, manchmal meint man gar, die ganze Welt habe sich gegen uns verschworen: Gegenwind!
„In der vierten Nachtwache", heißt es, kommt Jesus auf die Jünger zu. Er geht auf dem See. Er versinkt nicht im Wasser. Die „vierte Nachtwache", das letzte Quartal der Nacht nach römischer Zeitrechnung, von 3.00 bis 6.00 Uhr, ist im Menschenleben die Zeit des beginnenden Alters. Da geraten wir oft in innere Turbulenzen. Was uns bisher getragen hat, Beruf, Gesundheit, Erfolg, wird brüchig. Unsere Selbstsicherheit gerät ins Schwanken wie das Boot auf den Wellen. Wir haben gekämpft, um unseren Stand im Leben zu behaupten. Doch auf einmal fragen wir uns, wo wir eigentlich stehen, und warum wir uns so abmühen. Wir entdecken, dass wir auf schwankendem Boden stehen und jeden Augenblick untergehen können, wie die Jünger im Boot. Wir wünschten uns Sicherheit, aber wir haben keine Garantie, dass wir gesund bleiben, dass unsere Beziehungen halten, unser Arbeitsplatz sicher ist. Wir merken es in unseren Träumen: da tobt sich das Unbewusste aus. Da herrscht Chaos. Wir sind in unserem Innern längst nicht so klar und stark und zielbewusst, wie wir das nach außen hin gern zeigen. Und wir wissen nicht, wie wir mit dem inneren Vulkan zurecht kommen sollen. Jesus geht über das Wasser. Er weiß sich von Gott geborgen. Die Jünger schreien vor Angst. Sie meinen, es sei ein Gespenst, ein Alptraum. Gott erscheint uns in der Krise der Lebensmitte oft nicht mehr als Garant unserer Sicherheit, als Bestätigung unseres Lebensentwurfs. Er wird der „Ganz-Andere", der uns verunsichert, uns in Frage stellt, als Bedrohung unseres so mühsam errichteten Lebensgebäudes. Und da geschieht das Wunder: Jesus spricht die ängstlichen Jünger an, er nimmt mit ihnen Kontakt auf, und er sagt zu ihnen das alles entscheidende Wort des Evangeliums: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht."
Jetzt verstehen wir. Es ist nicht Gott, der uns Angst macht. Unsere Angst ist immer zuerst Angst vor uns selbst, die Befürchtung, dass unser Leben, so wie wir es bisher gelebt haben, nicht stimmen könnte. Da will Jesus uns in den Turbulenzen unseres Lebens sein Gottvertrauen vermitteln. Er will das aufgewühlte Meer unserer Gefühle und Ängste beruhigen. Wie gut, ja fast zu gut, ihm das gelingen kann, zeigt Petrus. Er fasst Mut, gar „Über-Mut", wächst über sich hinaus, will selbst über das Wasser gehen. Und solange er auf Jesus schaut, trägt ihn auch das Wasser. Sobald aber wieder die Wellen und Wogen des Sees in den Blick kommen, geht er unter. Das ist ein Bild für unseren Glauben. Solange wir auf Gott schauen, tragen uns die Wellen unseres Lebens, hat selbst das Wasser Balken. Die Wellen und Wogen bleiben, aber wir gehen nicht darin unter. Wie Jesus wissen wir uns in ihnen und auf ihnen von Gott getragen.
Bei Petrus hält das Vertrauen nicht lange. Er spürt wieder seine alte Angst und Unsicherheit. Und schon geht er unter. Er schreit um Hilfe, und Jesus streckt seine Hand aus, um ihn an sich zu ziehen. Aber er legt auch den Finger auf die alte Wunde: „Warum hast du gezweifelt, du Kleingläubiger?" Interessant die Alternative: Es geht nicht um Glauben und Nichtglauben, sondern um Glauben und Kleinglauben. Das sind wir. Keiner von uns ist völlig ungläubig. Aber oft trägt uns unser Glaube nicht. Er ist zu klein, zu ängstlich, zu zaghaft. Und so sehnen wir uns nach einem starken Glauben, der uns auch in den Turbulenzen unseres Lebens trägt, der uns auch durch die Krisen hindurch begleitet wie eine sichere Hand. Doch Jesus will nicht nur unseren Glauben stärken. Er steigt selbst in unser Boot. Boot ist ein Bild für Gemeinschaft. Gerne versteht sich auch die Kirche als Boot, das die Menschen durch die Wogen ihres Lebens trägt. Doch dann muss sie auch dafür sorgen, dass Jesus mit im Boot ist, das Er ihre Mitte bleibt und sie nicht nur um sich selbst kreist.
Boot ist aber auch ein Bild für unser eigenes Leben. Es gerät gerade in der Lebensmitte gerne in Bedrängnis und wird von den Wellen hin und her gerissen. Dann muss Jesus in unser Boot steigen. Nur dann werden die Wellen beruhigt, verlieren die Ängste ihre Bedrohlichkeit. Boot ist Bild auch für unsere Gemeinschaft hier. In der Eucharistiefeier steigt Jesus in unser Boot. Dann kann auch an uns geschehen, was damals auf dem See geschehen ist. Der Wind legt sich. Es tritt große Stille ein. Wir kommen zu uns. Wir finden zur Ruhe. Viele sehnen sich heute danach, mitten in den Turbulenzen ihres Lebens diese innere Ruhe zu erfahren. Wenn wir glauben können, dass Jesus mit uns im Boot ist, legt sich unsere Unruhe, ist die Angst weg, können wir ruhig weiterfahren auch auf den Wogen des Meeres unseres Lebens.


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