"Ich bin es nicht" - Johannes der Täufer

11.12.2011 - 3. Adventsonntag 2011 Lesejahr B - Gaudete

Statt von der "Gnade der späten Geburt" ist er vom "Pech der frühen Geburt" betroffen: Johannes der Täufer. Er hält nichts von Seminaren zum Erlernen sozialer Führungskompetenzen. Auch gibt er keine Tipps zu positiver Selbstdarstellung oder erfolgreicher Karriereplanung. Bei einem heutigen Vorstellungsgespräch hätte er schnell verspielt. Auf die Frage: "Wer bist du?", antwortet er dreimal negativ. Sämtliche attraktiven "Stellungsangebote" als ersehnter Heilsbringer - Messias, Elija, der Prophet - lehnt er ab: "Ich bin es nicht." Erst beim vierten Anlauf scheint er sich zu einer wenigstens positiv formulierten Aussage durchzuringen: "Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn." (Johannes 1,23) Aber auch dieses "für den Herrn" klingt eher als Ablenkungsmanöver, das auf einen anderen hinweisen soll. Kein Wunder also, dass diejenigen, die ihn befragen, schließlich genervt die Frage stellen: Wenn du das alles nicht bist, warum tust du dann, was du tust? Auch die Antwort darauf ist wieder keine Antwort: "Nach mir kommt einer ..." Nichts und niemand kann ihn davon abbringen, beharrlicher auf diesen "Anderen" hinzudeuten.

Johannes der Täufer, wie ihn das Johannes-Evangelium - und Matthias Grünewald - zeichnet, ist eine einzige große hinweisende Geste auf Jesus Christus. Er selbst verschwindet ganz hinter seinem Zeugnis für "ihn". Doch gerade so ist er, was er ist, und er ist es ganz: Vorläufer, Wegbereiter. Er hat es nicht nötig, mehr aus sich selbst zu machen. Woher nimmt er solch große innere Freiheit? Seine eigenen Worte weisen die Spur: "Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt." Heißt: Im Unterschied zu seinen Zuhörern kennt er, Johannes - zumindest nach dem Johannes-Evangelium - ihn, den Messias. Und er sieht sich selbst ganz von ihm her und auf ihn hin. "Ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren." Das ist nicht pseudo-frommes Sich-klein-Machen, sondern seine Selbsterfahrung in der Begegnung mit dem Heilsbringer. Der Blick auf den, der nach ihm kommt, erschließt dem Täufer seine eigene Rolle. Die Kraft zum Nein zu den Erwartungen seiner Umwelt erwächst aus dem Ja des Kommenden zu ihm: "Es gibt keinen größeren als Johannes den Täufer." Sein "Ich bin es nicht" ist Ausdruck seines Wissens, wer er ist - in und aus der Beziehung zu ihm - zu seiner Berufung, "Stimme für Christus" zu sein - und sonst nichts.

Lässt sich eine solche Haltung heutigen Menschen noch vermitteln? Ihre Folge wäre nicht Lebensbeschneidung, sondern mehr Mit- statt Gegeneinander, mehr Gelassenheit statt Zerrissensein, mehr Freiheit und Chance zum wirklichen Mensch- und Selbstwerden. "Einmal", formuliert Rabbi Sussja in einer klassischen Geschichte, "wird man nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen? Warum warst du immer bloß mehr oder weniger dies, mehr oder weniger das, nur nicht, was dir bestimmt war: Sussja zu sein? Bloß Sussja - aber das ganz!"

Eine solche Lebensmöglichkeit schenkt sich aber bloß dem, der sich vom Rufer aus der Wüste des Konkurrenzkampfes und der Selbstbehauptung, der Rollenspiele und Leistungsvereinbarungen auf den verweisen lässt, der "mitten unter uns steht" und als Einziger zu Recht von sich sagen kann: "Ich bin es." Diese Begegnung mit dem uns entgegenkommenden Gott entfremdet uns nicht von uns selbst und unserer Welt, sondern befreit uns zu unserer wahren Bestimmung: uns selber in Gott zu finden mit unserer ganzen Wirklichkeit (Thomas Merton). Johannes der Täufer möchte uns, im Zugehen auf Weihnachten, neu zu diesem Abenteuer ermutigen.


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