Bürgerforum
Dem Gemeinwohl verpflichtet

Nummer 5, 2. Jahrgang, März 1994

Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft Ökologie e.V., Postfach 1305, 76502 Baden-Baden
V.i.S.d.P. Dr. Herbert Petri


Inhalt:

Braucht die Demokratie Eliten ?
Kompost-Bürger-Kontrolle
Die Macht der Bürgerschaft
Der Mensch ist für die Großgesellschaft im Grunde nicht geschaffen
Aufgelesen...
War Goethe in Baden-Baden?
Vögel im Garten
Baden-Badener Filz
Das Siechtum eines Weltbades
Zitat Gustav Heinemann
"Ä Butzele"
Frühlingserwachen

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Braucht die Demokratie Eliten ?

Die Frage mag in einer Zeit, in der die Gleichheit der Menschen zum Glaubensatz geworden ist, manchem abwegig oder überflüssig erscheinen. Die Gleichheit ist jedoch ein Wunschtraum, der mit der Wirklichkeit des Lebens nicht übereinstimmt. Nicht einmal Geschwister sind gleich, auch Zwillinge nicht. Wir sind uns ähnlich, aber ungleich, das macht den Reiz des Lebens aus. Die Unterschiede im seelischen, geistigen oder körperlichen Bereich ergeben die Spannung zwischen den Geschlechtern, den Generationen, den unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten. Ohne diese Spannung würde das Leben in einem gleichgültigen Einerlei versinken und erlöschen. Es lohnt sich, über den Sinn des Wortes gleichgültig nachzudenken.

Aus dieser Sicht ist die Frage nach den Eliten eindeutig mit JA zu beantworten, allerdings gilt dieses Ja nicht nur für eine demokratisch verfaßte, sondern für alle menschlichen Gemeinschaften. Wir benötigen Eliten auf allen Gebieten, im Staat, in der Wirtschaft, im kulturellen Bereich, in der Wissenschaft, überall wo Menschen zusammenleben oder arbeiten. Vom Prinzip her ist Elitebewußtsein und Demokratie ein Widerspruch, von der Praxis her gibt es keine Demokratie ohne Eliten. Rousseau hat zwar noch gemeint, "wirkliche Demokratie wird es nie geben. Es ist gegen die natürliche Ordnung, daß die große Zahl regiert und die kleine Zahl regiert wird". Das ist richtig, aber er konnte damals noch nicht wissen, daß Volksentscheide die Möglichkeit des Zusammenwirkens von Wählerschaft und Elite schaffen. Eliten ohne Volk oder das Volk ohne Eliten wären nicht fähig gewesen, die Entscheidung gegen die Atomenergie in Österreich zustande zu bringen. Elite und Wählerschaft sind kein Gegensatz, sie brauchen einander und ergänzen sich. Gemeinsam bringen sie den Staat zur Blüte, gegeneinander zerstören sie ihn.

Zur Elite gehören nur diejenigen, die an sich selbst höhere Ansprüche stellen als an andere. Für sie gilt der Grundsatz: Viel leisten, wenig hervortreten, mehr sein als scheinen.

Heute ist bei allzuvielen das Gegenteil Trumpf: möglichst wenig tun, viel dafür verlangen, nur Dumme sind bescheiden. Auf diese Weise gehen wir einer Katastrophe entgegen: die staatliche Ordnung zerfällt, die Moral liegt auf dem Totenbett, die Kultur stirbt, die Wirtschaft ist krank bis ins innerste Mark, die Kriminalität steigt und steigt, die Korruption dringt in die Verwaltung, Justiz und Polizei ein.

So kann und darf es nicht weitergehen. Wenn wir den Niedergang beenden wollen, muß die Leistungsbereitschaft, die uns nach dem Krieg befähigt hat, ein zerstörtes Land in wenigen Jahren wieder aufzubauen, zu neuem Leben erweckt werden. Dabei wird sich zeigen, wer zur Elite gehört.

(Dieter Rauch, Grüne Bürgervereinigung Baden-Baden GBB)

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Kompost-Bürger-Kontrolle

Der Kompost-Bürger Häberlein
nennt eine Restmülltonne sein.
Dem Stadtarbeiter Nilius
ist's heil'ge Pflicht und Hochgenuß
stets nachzuschaun, ob Häberlein
hält vorschriftstreu die Tonne rein.

Da kommt von dem OB gesandt
Herr Schuster her, ein Praktikant.
Der prüft, ob auch der Nilius
nachschaut, so wie er soll und muß,
ob Kompost-Bürger Häberlein
hält seine graue Tonne rein.

Versehn mit Fernrohr, unerkannt,
äugt jemand, der vom Umweltamt,
ob auch der junge Praktikant
tatsächlich nachgeprüft unverwandt,
ob Stadtarbeiter Nilius
nachsieht, so wie er soll und muß,
ob Bio-Bürger Häberlein
hält seine Restmülltonne rein.

Zuletzt kurvt ein Mercedes rum,
ein Amtsrat schaut sich strenge um,
ob jener von dem Umweltamt,
versehn mit Fernrohr, unerkannt,
äugt scharf, ob auch der Praktikant
tatsächlich nachgeprüft unverwandt,
ob Stadtarbeiter Nilius
nachsieht, so wie er soll und muß,
ob Kompost-Bürger Häberlein
holt seine graue Tonne rein.

Ein jedermann tut seine Pflicht ,
und schreibt am Ende 'nen Bericht,
daß nachgeprüft, ob Häberlein
hielt seine Restmülltonne rein.

(Prof. Dr. H. Gräbenitz; angeregt durch H. Schäffer: "Postdienst auf dem Bahnhof", ca. 1913)



Gemach, gemach, liebe Mitbürger! Diese Vision unseres dichtenden Zukunftsforschers muß ja nicht Wirklichkeit werden. Der Biomüll-Versuch in - Stuttgart (ab Juni 92 in Birkach und Möhringen) hat gezeigt, daß die Bevölkerung sehr gut mitarbeitet und daß die Schwierigkeiten geringer als erwartet sind. D.h., der Anteil der Störstoffe (nicht kompostierbares Material) im Sammelgut ist äußerst gering (0,13 - 0,31%), was für Sachverstand und gute Sammelmoral spricht. Allerdings ist die Teilnahme an der Biomüll-Aktion freiwillig - und dennoch haben sich etwa 80% der Bevölkerung beteiligt. Zwang würden Einstellung und Mitarbeit der Bevölkerung sicher verschlechtern.

Noch dürfen wir hoffen. daß die neue Satzung zur Biomüllverwertung dieser Erfahrung Rechnung trägt. Oder hält man die Baden-Badener für dümmer und weniger verantwortungsvoll?

(Dr. H. Petri)

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Die Macht der Bürgerschaft

OB Wendt bezeichnete die Bio-Müll-Konzeption als einen "modernen, geschlossenen Kreislauf der Bio-Verarbeitung", einmalig in Deutschland. Die Kosten für die biotechnische Anlage gab er mit 5,2 Millionen DM an. Diesen Aufwand bezeichnete er als erforderlich im Interesse der Sauberhaltung der Umwelt, keineswegs als Luxus. Die finanziellen Aufwendungen müssen von der Bürgerschaft als Solidargemeinschaft getragen werden. Ausnahmen würden diese Solidargemeinschaft verkleinern. Das Solidaritätsprinzip stoße sich mit der Einzelgerechtigkeit, wegen der besonderen Interessen einzelner durften nicht andere in höhere Kosten getrieben werden.

Hier ist einiges zu hinterfragen. Mir ist zuviel von "Bio" die Rede. In einer Zeit, in der wir Tag für Tag gegen das Leben handeln, wird mit dem "Bio"-Begriff von unserem Fehlverhalten abgelenkt. Auch der Bio-Müll wird unsere Probleme, die aus der Mißachtung des Lebens im weitesten Sinne entstehen, nicht beseitigen können. Es ist keineswegs erwiesen, daß der Kompost aus der biotechnischen Anlage frei von Schadstoffen sein wird. Ich erinnere an den Klärschlamm, der lange Zeit als angeblich guter Dünger den Bauern verkauft wurde. Heute wissen wir, daß dieser Klärschlamm Schadstoffe enthält, wie z.B. Schwermetalle und Dioxine/Furane. Die Bauern sind deshalb nicht mehr bereit, Klärschlamm auf ihren Feldern als Dünger zu verwenden. Möglicherweise droht dem Kompost ein ähnliches Schicksal und die Bio-Tonnen könnten dann selbst auf der Müllhalde landen. Das ist die eine Seite der Sache.

Die andere ist die Solidargemeinschaft. die ich für eine sehr wichtige und gute Sache halte. Wo war sie aber, als die Bürger, die aus Verantwortungsbewußtsein gegenüber dem Leben ihre organischen Abfälle in Humus verwandelten, während viele andere, die auch die Möglichkeit in ihrem Garten gehabt hätten, ihren Beitrag zur Füllung der Deponie "leisteten"? Auch heute könnte die Zahl der Komposthaufen größer sein als sie ist. aber das Kompostieren macht Mühe und ist kein Schmuckstück.

Herr Wendt versucht uns vorzuschreiben, was wir tun müssen. Hält er die Bürger für nicht fähig, selbst zu entscheiden, was sein muß und was nicht? Und haben nicht unsere Vertreter im Gemeinderat das letzte Wort in dieser Sache? In der Demokratie geht alle Macht vom Volke aus, in der Gemeinde von der Bürgerschaft. Dabei muß es bleiben.

(Stadträtin Ursula Opitz, "Die Unabhängigen e.V.")

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Der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt sprach im Kurhaus Baden-Baden zum Thema
"Krieg und Frieden in uns"

"Mensch ist für die Großgesellschaft im Grunde nicht geschaffen"

Im Rahmen der VHS-Vorträge gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt sprach der österreichische Leiter der Forschungsstelle für "Humanethologie" am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen, Prof. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, am 2.2.94 im Kurhaus Baden-Baden zum Thema "Krieg und Frieden in uns".

"Humanethologie" meint die "Biologie menschlicher Verhaltensweisen", die unter funktionellen, stammes- und entwicklungsgeschichtlichen Gesichtspunkten wie auch unter physiologisch-kausalen Aspekten untersucht wird. Auf diesem Gebiet ist Eibl-Eibesfeldt seit etwa 20 Jahren tätig. Vorher war er Mitarbeiter des berühmten Ethologen Konrad Lorenz.

Eibl-Eibesfeldt stellte in seinem Vortrag heraus, daß der Mensch sowohl eine Disposition für friedfertiges als auch für aggressives Verhalten aufweise. Aggressives Verhalten, soweit es als Trieb- oder Instinktäußerung zu bewerten ist, sei also nicht per se abzuwerten. Zu reflektieren seien allerdings die Bedingungen der Gewaltbereitschaft.

Eine Möglichkeit zur Ausleuchtung dieser Bedingungen sind die Lerntheorien, die davon ausgehen, daß das menschliche Verhalten vom Lernen beeinflußt wird. Als Beispiel wäre die sogenannte "Aggressions-Frustrations-Hypothese" zu nennen, die besagt, daß das Verfehlen eines gesteckten Zieles vom Organismus mit Ärger und Wut beantwortet wird. Problematisiert wurde von Eibl-Eibesfeldt die "extrem permissive Erziehung", die keine Grenzen setze. Sie fördere die "explorative Aggression" des Kindes in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt. Auf die Erwachsenenwelt übertragen heißt das, daß bei Nichtbegrenzung aggressives Verhalten eskalieren könne.

Die ethologische Triebtheorie nun spricht von einer stammesgeschichtlichen Anpassung im Dienste aggressiven Verhaltens. Dabei verwies Eibesfeldt auf die ritualisierten Kämpfe der Tierwelt, zum Beispiel im Paarungsverhalten der Meerechsen mit ihren "Dominanz- und Submissionsmechanismen".

Die Fähigkeit, Liebe zu geben und das Bedürfnis, sich betreuen zu lassen, so Eibesfeldt, kam erst mit der Brutpflege in die Welt, die als "Sternstunde der Verhaltensevolution" angesehen werden müsse. Mit den Mutter-Kind-Beziehungen entwickelte sich aber auch eine Struktur, die der Forscher als "Wir und die anderen" bezeichnete. Hier ist die Angst vor fremden Mitmenschen gemeint ("kindliche Xenophobie"). Dieses Verhalten korreliert durchaus mit dem von Eibesfeldt beobachteten Abgrenzungsverhalten primitiver Kleingruppen.

Große Solidargemeinschaften stehen vor dem Problem, Identität auszubilden, obwohl sich deren Angehörige nicht kennen. Dies geschehe in der Regel durch bestimmte Initiationsriten oder durch den Verweis auf eine gemeinsame Abstammung. "Für die anonyme Großgesellschaft sei der Mensch aber im Grunde nicht geschaffen", sagte Eibesfeldt. Um sich dennoch abgrenzen zu können, bilden Sprache, Brauchtum und gemeinsame Vorstellungen die Basis zur Unterscheidung und die Voraussetzung ethnischer Vielfalt.

Von hier aus kam Eibesfeldt zu einer klaren Ablehnung der "multikulturellen Einwanderungsgesellschaft". Das überbevölkerte Europa könne sich nicht öffnen, ohne daß es "kaputtgehe". Stattdessen müsse es sich "gesundschrumpfen", da wir "bereits jetzt zuviele seien". Nur wenn dies gelänge, so Eibesfeldt, werde Europa nicht in den Strudel zunehmender Verelendung hineingerissen und könne seine humanitären Aufgaben weiter erfüllen. Dafür bedürfe es aber einer "Abschottung", wenn "wir nicht offenen Auges an der nächsten Generation Selbstmord begehen wollen".

(Michael Wiesberg)

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Aufgelesen...

"Alles fließt, wußten schon die alten Griechen. Weshalb nicht auch die bisher so übersichtliche Parteien-Demokratie? Das ist die Stunde der Bürgerbewegungen. Wie vor Jahren Umweltschützer sich zu Grünen vereinten, finden jetzt die Bürgerlichen zur STATT-Partei, Bund freier Bürger, Die Unabhängigen, Aktion Neue Politik oder einfach nur NEP (Nicht-, Erst- oder Protestwähler) zusammen... Mit der Ära Kohl endet auch die Zeit der großen Volksparteien".

("Die WOCHE")


"Irgendwann gibt es einen Knall. Die Leute lassen sich einfach nicht mehr alles gefallen. Unser bestehendes Parteiensystem geht nach meiner Überzeugung kaputt".

(Peter Glotz, SPD, MdB, laut "FOCUS")

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War Goethe in Baden-Baden?

Diese überaus bedeutsam Frage ist vom "Bürgerforum" sehr sorgfältig untersucht worden. Da aber während seiner Straßburger Zeit kein Eckermann jedes Wort und jede Tat des jungen Johann Wolfgang protokolliert hat - welch Glück für den jungen Mann! - kann keine absolut sichere Aussage in diesem Punkt gemacht werden. Es ist indes zu vermuten, daß er es kaum geschafft haben dürfte, sich weit über Ses(s)enheim hinaus zu bewegen. Erfreulicherweise liegt andererseits ein authentischer Bericht über eine Begegnung mit einem leibhaftigen Baden-Badener vor, einem Bürger, der ihm - alias Dr. Faust - beim Osterspaziergang sagte: "Nein, er gefällt mir nicht, der neue Burgermeister! Nun, da er 's ist, wird er nur täglich dreister, und für die Stadt, was tut denn ei? Wird es nicht alle Tage schlimmer! Gehorchen soll man mehr als immer. Und zahlen mehr als je zuvor".

(Dr. Herbert Petri)

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Vögel im Garten

Wenn jemand einen Vogel hat,
dann heißt das ungefähr: "Der spinnt!"
Wenn's aber viele Vögel sind,
was sagt man da? Ist man dann platt?

Im Grunde ist das doch sehr schön,
am Morgen, wenn der Tau noch blitzt
und auf dem Baum ein Vogel sitzt,
im Garten ihm dann noch zuzusehn.

Falls er aus voller Kehle singt
zu seines Schöpfers Lob und Preise,
dann meint man fast, daß in der Weise
Musik aus Himmelshöh'n erklingt.

Er schwingt hinauf sich in den Äther,
denn das ist sein eigentlich Reich,
sie ähneln sich, er ist so weich
und luftig, zart, fast ganz nur Feder.

Schnell kommt aus idealen Träumen
zurück man zur Realität,
wenn man bemerkt, zwar etwas spät,
die Stare in den Kirschenbäumen.

Gewiß, jetzt muß man sich beeilen!
So manche sich im Baumnetz plagen
und sind erschöpft nach zwei, drei Tagen.
Kann man die Kirschen denn nicht teilen?

(Auszüge aus: Sigemar Gruno, "Gedichte aus dem Biogarten", Pommertsweiler 1982)

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Baden-Badener Filz

Vor gut zehn Jahren schrieb Kurt Liebenstein: "Die Summe vieler Peinlichkeiten ist unschwer in den Bereich des 'schwarzen Filzes' in dieser Stadt einzurücken". Auf Nachfrage sind wir bereit, Beispiele zu zitieren. Filz schreibt sich halt in dieser Stadt mit "C". In einem Schreiben vom 4.10.1983 stellt er ergänzend fest: "Der Oberbürgermeister und der Regierungspräsident haben ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit ... Es ist deshalb entscheidend wichtig, den schwarzen Filz als solchen zu benennen und offensiv bei Gesprächen in die Öffentlichkeit zu tragen". Beklagt hat sich Liebenstein in diesem Schreiben außerdem über die mangelnde Unterrichtung des Gemeinderates durch den Oberbürgermeister.

Seither sind über zehn Jahre vergangen. Ende 1992 stellt Sven Bohnert als Vorsitzender des SPD-Stadtverbandes der SPD fest, der Oberbürgermeister habe den Gemeinderat und die Bevölkerung über den Kongreßhausbau falsch unterrichtet. Zu diesem Vorwurf schwieg Liebenstein. Da er bei der Entscheidung über den Kongreßhausbau mitgewirkt und mit dem OB und den übrigen CDU-Mitgliedern im Verwaltungsrat gestimmt hat, wollte er von schwarzem Filz jetzt nichts mehr wissen. Er trat auch der irreführenden Unterrichtung des Gemeinderates durch den Oberbürgermeister nicht mit derselben Entschiedenheit wie vor zehn Jahren entgegen. Was ist der Grund für sein verändertes Verhalten?

Die Frage ist leicht zu beantworten. Der Filz hat sich ausgedehnt. Aus dem schwarzen Filz ist ein schwarz-roter Filz geworden. 1983 setzte er sich für Offenheit und Ehrlichkeit ein. Jetzt hat er selbst nicht mit offenen Karten gespielt, weil der Bürgermeister-Posten winkte. Das Gemeinwohl mußte der "großen Koalition" und einem einträglichen Posten geopfert werden. Schreibt sich Filz jetzt in Baden-Baden jetzt mit "C" und "S"? Die Lehre aus der Geschichte: Es ist Zeit, derartigen Machenschaften der Parteien ein Ende zu bereiten. Wem Postenschacher wichtiger ist als die Vertretung der Bürgerschaft, wer das Partei-Interesse vor das Wohl der Stadt stellt, gehört nicht in den Gemeinderat.

Die Wahl unabhängiger und in ihren Entscheidungen völlig freier Bürgerinnen und Bürger ist das Gebot der Stunde.

(Stadtrat Tilman Mayr, Grüne Bürgervereinigung Baden-Baden GBB)

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Das Siechtum eines Weltbades

Das Kurwesen, der wichtigste Träger der Baden-Badener Wirtschaft, siecht dahin. Da auch die Erhaltung des Südwestfunks in Frage gestellt ist, befindet sich unsere Stadt auf einer Talfahrt sondergleichen. Der weltweite Ruf des Badeortes - nicht mit Gold zu bezahlen - wird demontiert. Sieht man die vielen tausend Arbeitsplätze nicht, die direkt oder indirekt vom Kurwesen abhängen? Hotels schließen, Restaurants, Geschäfte und Gewerbebetriebe erleiden beträchtliche Umsatzeinbußen. Der Konkurs des Kurhausrestaurants ist nicht zuletzt eine Folge des sich immer mehr verschlechternden Umfeldes.

Den international anerkannten Kurdirektor schickt man mit vollem Gehalt nach Hause und läßt den Kurbetrieb verkümmern. Eine Fehlleistung, die nur sehr schwer wieder gutzumachen ist. Oberbürgermeister Wendt ignoriert das Angebot, aus Fachleuten der Ärzteschaft, des Hotel- und Gaststättenverbandes und des Handels eine beratende Kommission in Sachen Kurwesen einzurichten. Die BKV-Reform - richtiger: Auflösung - wird in Angriff genommen, ohne feste, dauerhafte finanzielle Rahmenbedingungen mit dem Land festgelegt zu haben. An dieser Reform versuchen sich Leute, die eine solche Umwandlung noch nie vollzogen haben. Für nahezu eine Million DM werden Gutachten von Unternehmen erstellt, die offenbar die Besonderheiten des Kurortes nicht erkennen. Sie lieferten folglich vielfach Unbrauchbares ab, das aber zur Grundlage der BKV-Zerschlagung wurde. Dann will man eine Marketing-Gesellschaft gründen, läßt aber das Produkt verkommen, das man verkaufen möchte. Statt laufend Visionen zu entwickeln, sollte nach Meinung der "Bürger für Baden-Baden" vorrangig die solide Arbeit am Fundament erfolgen. Dies ist zwar nicht spektakulär, verspricht aber Erfolge.

Eine nur sehr kleine Aufstellung der Mißstände zeigt, wie leichtfertig der Ruf des Kurortes verspielt wird. Die Zahl der Kurkonzerte nimmt ab. Im Haus des Kurgastes wird auf die Kurgäste und Jahreskarteninhaber kaum Rücksicht genommen. Die Leseräume befinden sich unmittelbar neben der Baustelle. Ein ruhiges Lesen ist nicht möglich. Zwei kaum genutzte Räume daneben in ruhiger Lage sind verschlossen. Schon um 19 Uhr wird das Haus geschlossen! Weltbadniveau? Die Spiel- und Freizeitmöglichkeiten im Haus und davor sind stark eingeschränkt. Wohin, sollen die Gäste gehen, wenn das Haus einer anderen Nutzung zugeführt wird? Die fehlende Diskussion hierüber zeigt, wie geringschätzig der Kurgast behandelt wird. Die Blumenbeete vor dem Kurhaus werden auf etwa 1/3 des bisherigen Umfangs verringert. Die Pflege der Anlagen wird schlechter. Trotz unserer Anregung fehlen Hinweisschilder auf die schöne Liegewiese am Solmssee usw.

Vieles ließe sich mit geringen Mitteln verbessern, um das Flair unseres Kurortes zu wahren, wenn man das wollte. Wenn das so weitergeht, ist am Ende unsere Stadt kurgastfrei. Andere Bäder schaffen trotz der Wirtschaftsflaute einen merklichen Aufschwung. Warum fahren unsere Verantwortlichen nicht dorthin, um zu lernen? Stattdessen reist man nach Karlsbad und Jalta. Möge der Himmel diese Kurorte davor bewahren, Lehren von Baden-Baden anzunehmen. Unser Kurort kann nur überleben, wenn der private und krankenversicherte Kurgast und seine Bedürfnisse wieder ernstgenommen werden. Man muß auch neue Möglichkeiten der vorbeugenden- und der Heilbehandlung schaffen. Baden-Baden muß für einen bedeutenden Kreis finanziell starker Gäste anziehend gestaltet werden. Dazu gehört der Ausbau der Sport-, Spiel- und anderer Freizeitmöglichkeiten. Sehr viel hängt vom Flair unserer Stadt ab, das nicht leichtfertig durch Eingriffe in die wertvolle Bausubstanz und in die Kuranlagen zerstört werden darf. Wir benötigen kein Klein-Amerika mit Hochhäusern, Glaswürfelbauten in der Allee und der Dominanz von Kettenläden. Das von geringer Gedankentiefe zeugende Wort: Baden-Baden darf nicht in Schönheit sterben, ist umzukehren. Baden-Baden kann nur aus seiner Schönheit heraus leben und gedeihen.

(Prof. Dr. Gräbenitz, "Bürger für Baden-Baden")

Am 12.1.1993 berichtete das "Badische Tagblatt" "Dann wird eben nicht gemäht":

"Der CDU-Fraktionsvorstand sieht die im Haushaltsentwurf des Landes genannten Zahlen von 26 und 24 Millionen DM als reine Finanzierung der BKV. 'Wenn der Kongreßhausumbau davon auch mitfinanziert werden muß, kann die BKV andere Aufgaben eben nicht mehr wahrnehmen. Sei es, daß der Rasen in der Allee nicht mehr gemäht wird oder das Theater- und Orchesterensemble eben weniger auftreten', malte Müller ein düsteres Szenario".

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Bundespräsident Gustav Heinemann 1974 im Bundestag bei seiner Abschiedsrede:

"Wir können uns nicht damit beruhigen, daß wir noch so gut dran sind. Wie sollen Kinder und Enkel auf einer Erde leben können, die wir ausrauben und zerstören?"

Seither sind zwanzig Jahre vergangen. Das Vermächtnis Heinemanns hatte keine Wirkung. Die Erde wurde weiter ausgeraubt und zerstört, ja, dies geschah sogar in noch größerem Maße und mit steigenden Tempo. Statt Selbstbeschränkung und Rücksicht auf die kommenden Generationen, war wirtschaftliches Wachstum und steigender Wohlstand das Ziel. Sämtlichen Regierungen seit Heinemann fehlte die ökologische Vision einer besseren Zukunft. Die Politik war nicht zukunftsorientiert, sondern zukunftsblind. Aber auch die Opposition ging von einem Märchenland aus, in dem alles immer mehr wurde, während die Leistungsbereitschaft abnahm.

(BF)

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"Ä Butzele"

Als "Butzele" haben wir alle angefangen. Kaum auf der Welt, wird es beguckt und begutachtet. "Isch des ä härzigs Butzele!" "So ä liiebs Butzele" wird bestätigt "un gonz da Babba!" stellt ma fest. Ob es "ä Biiewl oder ä Maidl" ist, spielt keine Rolle. Es ist "ä Butzele zum frässe".

Das Modernsein und Moderngelten legt uns das "Baby" in den Mund. "Baby", eine nichtssagende Bezeichnung für ein Kleinkind aus fremder Sprache.

Wie anders klingt doch unser "Butzele" - ein Kosewort, eine Liebkosung, mit der man das Kleine verhätschelt. "Butzele", mit diesem Wort herzt und küßt man das liebe neue Wesen, und mit diesem vielfältigen "Butzele" spürt das neue Menschenkind, daß es behütet und umsorgt wird, daß es geborgen ist und geliebt wird.

(Aus: Heinz Erlewein "Alemannisches an Oos und Murg". Verlag Badisches Tagblatt Baden-Baden, 1992)

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Frühlingserwachen

Die erwachende Natur zieht uns unwiderstehlich hinaus. Doch kaum einer empfindet dabei noch die Romantiker. Unser Verhältnis zur Natur ist distanzierter, gefühlsärmer, sachlicher geworden. Bei manchem mag sich das schlechte Gewissen regen, vielleicht auch Wut, wenn er sieht, wie rücksichtslos die planende Wirtschaft die Natur vergewaltigt, wenn früher vertraute Blumen unauffindbar selten werden. Wer erinnert sich noch an den Gesang der Nachtigall oder des Pirols? Nein, es sind nicht mehr alle Vögel da.

Wer vermißt wirklich die vielen Pflanzen und Tiere, die Jahr für Jahr still aus unserer Welt verschwinden? Der Mensch entwickelt sich im wachsenden Tempo zum Auslesefaktor der Evolution. Zwar rühmt er sich seiner phantastischsten technischen Leistungen, aber er ist unfähig, auch nur eine Mikrobe zum Leben zu erwecken.

Mehr Achtung vor der Natur und ein anderer Umgang mit ihr sind überlebensnotwendig. Ja, es muß sich vieles wenden, sonst ist Uhlands Frühlingsglaube nur noch Trug:

"Die linden Lüfte sind erwacht,
sie säuseln und weben Tag und Nacht,
sie schaffen an allen Enden.
Oh, frischer Duft und neuer Klang!
Nun, armes Herz, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.
Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
man weiß nicht, was noch werden mag,
das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual,
Nun muß sich alles, alles wenden."

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Herausgeber und Mitarbeiter des "Bürgerforum" wünschen allen Leserinnen und Lesern zum Frühlingsbeginn alles Gute und ein frohes und schönes Osterfest.

© Hubert Gassenschmidt 1997