Bürgerforum
Dem Gemeinwohl verpflichtet

Nummer 6, 2. Jahrgang, April 1994

Herausgeber: Grüne Bürgervereinigung Baden-Baden / Die Unabhängigen e.V. (GBB/U)
Postfach 1305, 76502 Baden-Baden
V.i.S.d.P.: Dr. Herbert Petri


Inhalt:

Deutschland im Wahljahr 1994
Verkehrsproblem Innenstadt
Verschwendung und Mißwirtschaft in Baden-Baden
Rückblick auf 9 Jahre Gemeinderat
Schwarzwald
Ideen- und Konzeptlosigkeit
Wo Fragen keine Antwort finden... dort beginnt das Wunder!
"Bürger für Baden-Baden" stellen sich zur Wahl
Kunst ?

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Deutschland im Wahljahr 1994

Eine Katastrophe auf vielen Gebieten:

Wer hat das zu verantworten?

Die seit 30 Jahren mit wechselnden Mehrheiten im Bund, in den Ländern und Gemeinden herrschenden Parteien, die sich Volksparteien nennen, ohne dem Wohl des Volkes zu dienen. Stattdessen bedienen sie sich in steigendem Maße aus den öffentlichen Kassen. Die Zahlungen an die Fraktionen des Bundestages haben sich von 1966 bis 1992 auf das Zweiunddreißigfache erhöht. die Zahlungen an die Landtagsfraktionen sind von 7 auf 122 Millionen gestiegen, die Zahlungen an Parteistiftungen wuchsen von 14 auf 670 Millionen DM jährlich.

Es ist höchste Zeit zum Wandel

Nur freie, dem Gemeinwohl verpflichtete, nicht an Partei-Ideologien gebundene Bürger und Bürgerinnen können diesen Wandel bewirken. Wir brauchen frischen Wind und neue Mehrheiten in allen Parlamenten, auch im Gemeinderat der Stadt Baden-Baden. Politikverdrossenheit und Wahlenthaltung verschlimmern die Lage. Verantwortungsbewußtes Wählen ist das Gebot der Stunde.

(Grüne Bürgervereinigung Baden-Baden GBB)

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Verkehrsproblem Innenstadt

Sowohl die Schloßbergtangente als auch der Michaelstunnel sind Teile des Verkehrskonzeptes zur Entlastung der Innenstadt - leider sind es nur Teile. Um diesen Plan wirklich greifen zu lassen, ist der Bau der sogenannten "Osttangente" unabdingbar. Unser Stadtoberhaupt hat mehrmals öffentlich versichert, daß für den Bau dieser Umgehungsstraße kein Pfennig vorhanden sei. Also gilt es zu überlegen. wie man der Innenstadt und besonders den innerstädtischen Wohngebieten ohne großen finanziellen Aufwand helfen kann. Die Verkehrssituation so zu lassen, wie sie jetzt ist, spricht jedenfalls der ursprünglichen Vorstellung des Stadt- und Entwicklungsplanes Hohn. Die Verwaltung hat seit Eröffnung des Michaelstunnels nie ausprobiert, wieviel Verkehr der Tunnel tatsächlich vom "Leo" abzieht, denn mit der Tunneleröffnung ging die Schließung des "Leo" parallel. Es wäre durchaus interessant zu wissen, ob 30%, 50% oder, wie ich vermute, wesentlich mehr als 50% des ehemaligen Innenstadtverkehrs durch den Tunnel fließen.

Beim Verkehrsgerichtstag in Goslar sagte Verkehrsexperte Stiller: "Die Sperrung der Innenstädte sei auf Dauer volkswirtschaftlich nicht tragbar". Die Konsequenzen dieser These haben wir in Baden-Baden schon bitter zu spüren bekommen:

Wenn man diese vier Aspekte berücksichtigt - und ich habe sicher noch nicht alle Fragwürdigkeiten dieser Verkehrsführung aufgezählt - ist es unbegreiflich, warum die Verwaltung der Forderung der Bürger nach einer versuchsweisen Öffnung des "Leo" begrenzt auf ein halbes Jahr - nicht stattgibt.

Es gäbe dabei verschiedene Modelle, eine "sanfte Öffnung" auszuprobieren:

  1. Man kann den ganzen Platz als 7 km-Zone dem Verkehr wieder zugänglich machen. Alle LKW's müssen den Tunnel durchqueren
  2. Man kann den Platz halbseitig öffnen, d.h. die Achse Lichtentalerstraße/Sophienallee an der Post vorbei Richtung Bäderviertel. Zurück Stefanienstraße/Eichstraße
  3. Beide Möglichkeiten kann man durch Nachtfahrverbot erweitern

Lösung 2, die die "Unabhängigen" bevorzugen, hätte den Vorteil. daß der größere Teil der Fläche Fußgängerbereich bliebe, der Kurgast also ungehindert vom Kurhaus zur Therme flanieren kann.

Diese ständige Mißachtung des Bürgerwillens seitens der Verwaltung erinnert an die Verkehrsproblematik in Oos und Sandweier. Auch dort. so haben wir nachgewiesen, wäre es ein leichtes, den Bürgern zu helfen - auch ohne hohen Kostenaufwand durch eine Bündelung der Bundesstraßen 3 und 500. Die Verwaltung ist noch nicht einmal zu einem Probelauf bereit - genau wie am "Leo".

Die "Unabhängigen" fordern seit Eröffnung des Tunnels ein sinnvolles Verkehrskonzept für die Innenstadt. Immer wieder lautet das Argument der Verwaltung, daß der Gemeinderat die Schließung seinerzeit beschlossen hat. Das sind für uns Ausflüchte, denn niemand wird annehmen, daß ein Gemeinderat immer unfehlbar entscheidet. Wenn die praktischen Auswirkungen es erfordern, muß die Möglichkeit zur Korrektur bestehen. Fehler können gemacht werden, aber man muß den Mut haben, sie zuzugeben und zu berichtigen.

(Die "Unabhängigen e.V.", Ursula Opitz)

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Verschwendung und Mißwirtschaft in Baden-Baden

Seit 1950 ist ein erheblicher Teil der 1000 Millionen Spielbankabgabe in Baden-Baden leichtfertig ausgegeben worden. Eine der vielen Verlustquellen waren die Thermalbäder, sowohl im Betrieb als auch bei den Investitionen. Das Elend begann mit dem Abriß des Augustabades (errichtet um 1892, ein dekorativer Bau mit reichem figürlichen Schmuck) im Jahre 1966, der Mädchenschule, dem Klosterpfarrhaus, dem noch fast neuen Fangohaus und dem Inhalatorium mit pompösen Fassadenstil. Außerdem wurden sieben Meter der ältesten, heute denkmalgeschützten, Spitalkirche, abgebrochen. An die Stelle des Augustabades trat ein nüchterner Glaskasten mit entsprechend hohem Energieaufwand, dessen oberste Stockwerke einige Jahre später entfernt worden sind. Wieviel hat allein das gekostet? Für den Beschluß, die beiden obersten Stockwerke des neuen Augustabades 1983 abzureißen, waren verantwortlich: die Vertreter der Stadt im BKV-Verwaltungsrat: OB Dr. Carlein, die CDU-Stadträte Braun und Büchler, SPD-Stadtrat Langen, FWG Stadtrat Holdermann, also die "Unheilige Allianz" CDU-SPD-FWG.

Um dem Landtag zu beweisen, daß Baden-Baden den Mut und die Kraft zu einem neuen Anfang hat und um eine günstige Entscheidung für die Zuteilung der Spielbankabgabe zu erreichen, wurde der Stadt- und Kurortentwicklungsplan in Auftrag gegeben und 1974 vom Gemeinderat einstimmig beschlossen. Wie hoch waren die Planungskosten?

Der Plan sah die Umgestaltung des Bäderbezirkes vor. Zwischen der alten Polizeidirektion und dem Landesbad sollte eine Spiel- und Spaßtherme entstehen, die durch vielerlei Bewegungsmöglichkeiten im und am Wasser der Erhaltung und Verbesserung der körperlichen und seelischen Gesundheit dienen sollte. Geplant waren: Wasserbereich 2400 qm, Gesellschaftsbereich 8000 qm, Gastronomie 900 qm, Freibereich zwischen 3500 und 12000 qm, also eine große Fläche. Das neue Gesicht Baden-Badens sollte durch dieses Angebot eines beschwingten Badesees inmitten der Stadt belebt werden. Die Verwirklichung erhielt Vorrang, aber es blieb beim Plan.

Die BKV kaufte das Gelände. Polizei und Feuerwehr wurden in die Weststadt verlegt, ein neues Landgericht erbaut, das alte Gerichtsgebäude, mehrere Wohnhäuser und das Hotel Geist abgerissen, die alte Gernsbacherstraße stillgelegt. Hierfür wurden viele Millionen aufgewendet, wozu die seither entstandenen Zinsaufwendungen kommen. Wie hoch ist der Gesamtbetrag, der in diesem Millionengrab verschwunden ist? Verantwortlich hierfür sind der ehemalige Bürgermeister Carlein und Manfred Rommel, der bei Planungsbeginn Vorsitzender des Verwaltungsrates der BKV war, sowie die übrigen Mitglieder des Verwaltungsrates und die Stadträte der CDU, SPD, FDP und FWG, die dies einstimmig gebilligt haben. Im Gemeinderat fehlte eine Opposition, die der "Einheits"-Partei ein klares Nein! zu sagen und dies durch sinnvolle Gegenvorschläge zu begründen gehabt hätte...

Seither sind viele Jahre vergangen. Der "Platz der Verschwendung" wurde zur Wiese, die BKV wird in ihre Bestandteile zerlegt. Um wenigstens einen Teil der Millionen zu retten, sollen die Polizeidirektion und das Grundstück verkauft werden. Von kurörtlicher Nutzung ist kaum mehr die Rede. Die BKV-Spitze scheute sich nicht einmal, den Gemeinderat mit dem Hinweis auf Landeszuschüsse zum Ja zu nötigen.

Es ist die Sache der Bürgerschaft, aus diesem Versagen der Parteien die nötigen Folgerungen zu ziehen und bei der kommenden Wahl einer starken Opposition den Auftrag zu erteilen, für einen sparsamen Umgang mit Steuergeldern zu sorgen.

(Dieter Rauch, Grüne Bürgervereinigung Baden-Baden)

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Rückblick auf 9 Jahre Gemeinderat

Vom Herbst 1984 bis zu meinem Rücktritt im Spätherbst 1993, also genau 9 Jahre, war ich als Vertreterin der "Unabhängigen" im Gemeinderat. Bei wechselnden Fraktionsgemeinschaften unserer kleinen Gruppe mit anderen Bürgervereinigungen arbeitete ich am längsten mit Tilman Mayr von der GBB (Grüne Bürgervereinigung) und die ganze zweite Wahlperiode auch mit Dr. Peters von der BBB (Bürgerinitiative Baden-Baden) in der UBB-Fraktion (Unabhängiger Bürgerblock).

Ein Stadtrat soll "die ihm übertragenen Geschäfte uneigennützig und verantwortungsbewußt führen, das Beste für die Stadt suchen und nach Kräften Schaden von ihr abwenden". Mit diesem Gelöbnis der ersten Sitzung waren wir amtlich zu dem allem verpflichtet.

Sofort wurde klar, daß die Vorstellungen über das, was das Beste einerseits und was Schaden andererseits sei, weit auseinandergehen und daß jeder sein eigenes Bild von der Stadt und wie er sie gerne hätte, mit sich herumträgt. Die 14 km lange, schmale und gepflegte Stadt mit ihren Außenorten und mit ihrem teils dörflichen, teils großstädtischen Charakter war und ist mir, die ich nicht wie viele Stadträte hier geboren und aufgewachsen bin, immer ein Unikum. Wie kann man ihr Bild erhalten, sie für alteingesessene Bürger erkennbar bleiben lassen und doch den Anschluß an das, was man Fortschritt nennt, nicht verpassen und die nötigen Mittel für die immer neu zu erarbeitende Wohlfahrt der Bürger und Gäste sichern?

Nach den durch meinen Lebensgang und in meinem Beruf erworbenen Vorstellungen erscheinen mir folgende Prinzipien und Arbeitsgebiete vorrangig:

Was für ein harmloser und irreführender Begriff ist doch "Umwelt- und Naturschutz"! Als ob wir "Umwelt und Natur" schützen könnten: Sie schützt uns (noch!). Aber sie wird aufhören, uns zu schützen, wenn wir ihr weiterhin so rücksichtslos schaden. Wenn es nur noch verdorbenes Grundwasser und statt Wald nur noch von Erosionen geprägte Hänge gibt, und wenn die ganze schützende Ozonschicht verschwunden ist; "Umwelt und Natur" werden uns weiter umgeben, nur in trauriger, pervertierter Form; sie wird unsere Nachkommen unsere Sünden büßen lassen. Tag für Tag.

Daß kaum einer derart apokalyptische Bilder gelten lassen will, ist verständlich. Als ich in meiner Haushaltsrede 1991 davon sprach, stand danach in der Zeitung: "Dann äußerte sie sich noch zum Umweltschutz". Punkt.

In der Kommunalpolitik müssen wir im Kleinen und jeder für sich versuchen, die "Rache" von Natur und Umwelt aufzuhalten und ihr Schritt für Schritt entgegenzuwirken. Einer Stadt im Grünen, deren Kapital Wald und Landschaft sind, steht das gut an.

Hierher gehören: Vermeidung von Villenbebauung in ökologisch wertvollen Gebieten (Illgenberg), Verhinderung der Zerstörung einer Kulturlandschaft wie der Lichtentaler Allee (das riesige Runkewitz-Projekt); dazu gehört die Eindämmung und nicht die Erweiterung des Individualverkehrs (B3 neu) und die Stärkung des ÖPNV (Straßenbahn), Ausweisung von Naturschutzgebieten nur, wenn sie nach ökologischen Prinzipien als einwandfrei betrachtet werden können (Markbach/Jagdhäuser Wald), dazu gehört die Förderung des Nationalparks Nordschwarzwald und nicht das Schielen nach den Stimmen der Wähler, die so gerne Auto fahren, oder die einstigen Prestige-Streitigkeiten zwischen CDU- und SPD-Vertretern im Ältestenrat. Dazu gehört auch die Errichtung von Blockheizkraftwerken zur ungleich besseren Nutzung der Primärenergie, wo immer es möglich ist. (Ich erinnere mich noch des erleichterten Seufzers eines Kollegen von der CDU, als sich auf Grund des von der Stadt angeforderten und dann falschen Gutachtens zu einem Blockheizkraftwerk in der Stadtklinik Unwirtschaftlichkeit abzeichnete: "Nein, nein, ganz ausgeschlossen, dem wollen wir nicht näher treten".) Dazu gehört auch absolute Vermeidung von Großbauten bis ins Landschaftsschutzgebiet hinein (Hotel an der unteren Schloßtangente). Gern läßt man sich für diese Äußerung vom OB als Mitglied einer "Investitionsverhinderungsfraktion" schelten.

Soziale Gerechtigkeit - für Frauen: die Errichtung einer Gleichstellungsstelle war überfällig. Aber die armen Männer im Gemeinderat - oh weh ! - sollen das auch noch bewilligen, obwohl "in Baden-Baden so etwas absolut nicht notwendig ist". Nun hat sich Frau Wittmann durchgesetzt, und man erkennt mehr und mehr, wie wichtig ihre Tätigkeit ist und daß sie alle Unterstützung verdient.

Soziale Gerechtigkeit für Kinder - das hat doch gerade noch gefehlt, daß man den "Roten" die erfolgreiche Organisation und Trägerschaft des Kinderzentrums West nicht zutraut!

Soziale Gerechtigkeit für Alte: Noch tut es mir leid, daß man die Pflegebedürftigen in die Einsamkeit auf den Schafberg schiebt und das stadteigene Quettigheim in bester Lage verkaufen will. Wahrscheinlich hätte dessen Umbau und Renovierung letztlich nicht mehr gekostet als der Neubau und das Auffangen des abrutschenden Hanges dort oben.

Viel wäre zu erzählen über die Arbeit im Klinikausschuß und über die Probleme der Unterbringung von Asylbewerbern und Aussiedlern.

"Soll mir die UBB-Fraktion doch einmal sagen, woher wir das Geld für alle unsere sozialen Aufgaben bekommen sollen, wenn sie Privatinvestitionen wie das Recreationscenter, das uns Gewerbesteuer bringen wird, verhindern wollen", fragte der OB. Antwort: "Aber der Großteil unserer Bürger arbeitet doch Tag für Tag und erwirtschaftet Geld und Gut; und je ungestörter sie arbeiten können, um so mehr erwirtschaften sie doch. Langjährige Großbaustellen hindern den Profit doch eher als ihn wirklich zu fördern. Und so manche Investition ist fragwürdig und muß ihren finanziellen Nutzen erst unter Beweis stellen. Was passiert z.B., wenn das erweiterte Kongreßhaus einen Jahresverlust von 4 Millionen DM einfahren sollte? Und was das Vertrauen auf finanzstarke private Investoren angeht: Haben wir nicht gerade in den letzten Tagen und Wochen in den Nachrichten schlagende Beispiele bekommen für die Wahrheit des Satzes: Mit ehrlicher Arbeit wird man kein Millionär!"

9 Jahre schwamm ich mit einigen wenigen gegen den Strom der vielen, die dem herkömmlichen Denken keinen Abschied geben wollen. Zugegeben, auch wir sind dem herkömmlichen Denken weithin verhaftet. Was uns aber immer wieder aufregt, ist die moralische Verbrämung des "Immer größer - immer schöner - immer bequemer". "In Zeiten der Rezession müssen wir antizyklisch handeln, gerade weil wir mehr denn je ein attraktiver wirtschaftlicher Standort sein müssen..." "...dies betrifft auch Söllingen, wo wir in jedem Falle... regional planen, finanzieren und verwirklichen sollten..." : "...alle Kraft in die Ermöglichung privater Investitionen verlegen, die uns in die richtige Richtung entwickeln...", "...zeitverzögernde Wenn-, Aber-, So nicht-Positionen werden zum Schwur gebracht".

Das Schwimmen gegen den Strom macht müde. Andererseits würde man schon gern noch ein wenig mitmischen in einer Zeit, in der sich "die Welt um uns herum und auch die Stadt radikal verändert wie nie zuvor", um auf die eigene Weise mitzuwirken, wenn unser OB die Stadt "trotz widriger Rahmenbedingungen weiterentwickelt". Gern würde ich beobachten, wie sich meine Voraussage erfüllt: "Lassen Sie die Finger von einer erneuten Leosanierung, so lang noch in keiner Stadt bewiesen ist, daß die Platten den Verkehr aushalten, sie werden vielleicht wieder wackeln, und dann sind die hohen Ausgaben umsonst". Meine vor einigen Jahren angelegte Sammlung von OB-Lyrik würde ich auch gern noch vervollständigen. Doch es muß Schluß sein. Die Uhren der Menschen gehen eben verschieden.

(Die "Unabhängigen e.V.", Renate Daub)

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Schwarzwald

"Von Baden-Baden aus unternahmen wir den üblichen Ausflug in den Schwarzwald. Diese Wälder strecken sich ohne Unterbrechung über ein gewaltiges Gebiet, und wo man hinkommt, sind sie so dicht und still, so tannig und duftend. Ein sattes, domhaftes Dämmerlicht fällt in die säulenbestandenen Gänge, so daß die verirrten Sonnensprengel, die hier auf einen Stamm und dort auf einen Ast treffen, kräftig hervortreten und das Moos regelrecht zu brennen scheint, wo sie den Boden tüpfeln. Aber die eigentümlichste Wirkung und die zauberhafteste bringt das weichgestreute Licht der tiefstehenden Nachmittagssonne hervor..."

(Mark Twain, "Bummel durch Europa", Frankfurt/Main 1985)

Wer heute in Schwarzwald zu Fuß unterwegs ist, muß feststellen, daß wir einem apokylyptischen Zustand vom toten Wald näher sind als dem vom Mark Twain beschriebenen Szenario. Vielleicht fahren wir auch deshalb lieber mit dem Auto durch den Schwarzwald, anstatt zu Fuß zu gehen ...

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Ideen- und Konzeptlosigkeit

Die Feststellung des Oberbürgermeisters, die BKV habe in den letzten Jahren über eine halbe Milliarde DM für den touristischen Stillstand ausgegeben, ist bemerkenswert und zeigt, wie ideenlos der Kurort geführt worden ist. Statt sich Gedanken zu machen, wie die Jahresdefizite verringert werden und der Niedergang in einen Aufschwung verwandelt werden können, ruhten sich die Verantwortlichen auf den Lorbeeren alter Zeiten aus. Viel Geld wurde sinnlos ausgegeben. Im Kurhaus wurde die schöne Kassettendecke des Benazetsaales hinter einer flachen Lampenschirmdecke "versteckt", um wenige Jahre später wieder "ans Tageslicht" gebracht und erneuert zu werden. Kosten zwischen 15 und 20 Millionen DM! Auch bei den verschiedenen Umbauten im Kurhaus wurden große Beträge verschwendet. Es folgten großspurige Veranstaltungen wie der IOC-Kongreß und die Landesgartenschau, die viel gekostet aber wenig kurörtlichen Nutzen gebracht haben. An das Monaco-Abenteuer sei nur nebenbei erinnert.

Dr. Carlein, der 1969 die Verantwortung als Oberbürgermeister und Vorstand der BKV übernommen hatte, glaubte, neue Wege mit Hilfe der Studiengruppe Stadtentwicklung zu finden. Dabei bedachte er nicht, daß allzu viele Köche den Brei verderben. Hinzu kam der Fehlgriff, die Gesamtverantwortung der Neuen Heimat Baden-Württemberg zu übertragen, einer gewerkschaftlichen Organisation, die keinerlei Befähigungsnachweis für die Lösung derartiger Aufgaben erbracht hatte. Hierbei könnte es eine Rolle gespielt haben, daß Lothar Späth als Geschäftsführer der Neuen Heimat Baden-Württemberg für diese das Seelachgelände gekauft hat, wo ein Hoteldorf für einen angeblich neuen Gästekreis erbaut werden sollte. Am Horizont der Planer tauchten noch eine Reihe weiterer Hotelanlagen auf, die sich als wirklichkeitsfremde Luftschlösser erwiesen haben. Mangelnde Nachfrage wird nicht durch zusätzliche Hotelbetten überwunden. Der Nichtfachmann Dr. Burger wurde als Kurdirektor berufen und mit erweiterten Vollmachten ausgestattet. Diese Fehlentscheidung trug dazu bei, solide und durchdachte Lösungen zu verhindern. Das Badhotel Zähringer Hof wurde mit Millionen-Aufwand erneuert, um kurz vor der Fertigstellung einem Kaufhaus geopfert zu werden. Selbstverständlich gab es auch sinnvolle Investitionen wie die Erneuerung der Merkurbahn, wofür die BKV drei Millionen DM Zuschuß gegeben hat. Aber im Ganzen war keine Linie zu erkennen. Die Übernachtungen der Kernstadt sanken von 945.000 im Jahre 1966 auf 750.000 bis 800.000 in den letzten zehn Jahren. In derselben Zeit haben andere Kurorte die Übernachtungszahlen beträchtlich steigern können.

Der von Herrn Wendt genannte Schuldenabbau der Stadt ist nicht das Ergebnis strikter Sparsamkeit, sondern der überplanmäßigen Gewerbesteuer-Einnahmen von 48,455 Millionen DM in den Jahren 1986 bis 1990. Leider ist diese Entwicklung beendet. 1994 werden die Gewerbesteuer-Zahlungen um etwa 20 Millionen DM niedriger sein als 1989 und 1990. Dementsprechend werden die Schulden der Stadt wieder steigen, bis Ende 1997 um etwa 70 Millionen auf nahezu 170 Millionen DM. Wir stehen vor sehr schweren Zeiten

(Dieter Rauch, Grüne Bürgervereinigung Baden-Baden GBB)

"Das Schlimmste aber ist das falsche Wort, die Lüge. Wär nur der Mensch erst wahr, er wär auch gut. Wie könnte Sünde irgend doch besteh'n, wenn sie nicht lügen könnte, täuschen? Erst sich, alsdann die Welt, dann Gott, ging es nur an. Gäb's einen Bösewicht, müßt er sich sagen, so oft er nur allein: Du bist ein Schurk! Wer hielt sie aus, die eigene Verachtung."

(Franz Grillparzer, "Weh' dem, der lügt")

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Wo Fragen keine Antwort finden...
dort beginnt das Wunder!

... Meine Hybris hat mir einmal ein Kleiber abgekauft. In meinem Revier steht ein alter Wildapfelbaum. Ich kenne ihn als guten Freund, der nur den Speisezettel der Winterfütterung bereichert und obendrein in einem Loch des Stammes ein Kleibernest behütet. Der Kleiber nun, dem dieser Einschlupf zu groß ist, baut alle Jahre von neuem eine saubere Mauer vor die Öffnung mit einem genau gezirkelten, nach Kleiberkaliber bemessenen Einschlupfloch. Eines schönen Morgens hör' ich das Kleiberpaar von weitem schon zetern und schimpfen, und wie ich zum Apfelbaum komme, ist die Lehmmauer herausgerissen, und Kratzer am Rest der kunstvollen "Haustüre" deuten auf Katzenarbeit. Natürlich muß man da helfen, sagte ich mir, und ging zum nahen Wassergraben, holte eine Handvoll Letten und baute um den Spalt im Baum fein säuberlich alles wieder so auf, wie's war. Glättete mit Wasser nach, verputzte das Schlupfloch und war sehr, sehr stolz auf meinen Kleiberverstand und mein gutes Werk. Dann setzte ich mich unweit am Waldrand gegen eine Kiefer gelehnt. Mit dem Glas vor den Augen, wollte ich nun die Anerkennung des Kleiberpaares entgegennehmen.

Sie rutschten beide am Stamm herunter, mißtrauisch und neugierig, betrachteten schließlich genau und kritisch mein Kunstwerk, und dann ging ein Geschimpfe und Räsonnieren los, daß es seine Art hatte. Wenn ich kleiberisch verstanden hätte, wär das wohl so zu übersetzen gewesen: "Ach du liebe Zeit, dieser blöde Zweibeiner. So einen Schmarrn baut der da her. Nie was von Trockenschwund gehört? Zu dumm, jetzt haben wir den Dreck. Alles wieder rausreißen und neu machen. Dieser alberne Nestglotzer, muß der überall seine Finger drin haben." So und ähnlich ließ man sich über mich aus. Dann ereignete sich folgendes: Teilweise, und zwar besonders dort, wo der Lehm an der Rinde ansetzte, rissen die Spechtmeisen den Lehm heraus. Dann rückte das Hähnchen an und trommelte auf der noch weichen Vermauerung herum und setzte systematisch Schnabelstich neben Schnabelstich. Mein Kunstwerk sah in Kürze aus wie ein poröser Schwamm. Dann war fürs erste Ruhe. Am Abend konnte ich feststellen, daß man nicht mehr weitergearbeitet hatte. Am nächsten Morgen aber waren beide Apfelbaummeister wieder fest am Schaffen. Vorsichtig pirschte ich mich an und zog mir mit dem Glas die Baustelle heran. Da war ein Hin- und Herfliegen vom Wassergraben zum Rindenspalt, mit Lehmklümpchen im Schnabel. Nun wurden die Schnabelstichlöcher von gestern fein säuberlich ausgefüllt und am Rand zwischen Rinde und Mauer gemörtelt. Wie gescheit! Da haben die beiden erst einmal den Lehmkuchen aufgelockert, um ein Trocknen von innen her zu beschleunigen und um bei Trockenschwund das Abreißen der Mauer von der Rinde her zu verhüten. Nun mörtelte man die Sache blank, verputzte sauber und plusterte sich am Ende zufrieden auf. Ich zog beschämt und bescheiden meines Weges.

Ja, so ist das mit unserer "Wirtschaftshilfe" für die "unterentwickelten" Bereiche der Natur. Was wissen wir von der absoluten Wohlgeratenheit der Schöpfung? Wir sind, so scheint mir, wie Kinder, die eine Uhr in der Hand halten. Sie sehen die Zeiger sich drehen, und der Lehrer hat ihnen beigebracht, daß man danach die Zeit ablesen kann. Die Zeit? Das ist sie für Wecken, Schulanfang, Mittagessen und zu Bette gehen. Und vom Inwendigen der Uhr? Da wissen wir nichts. Nichts von Federspannung und Zahnradübersetzung. Nichts von Rubinlagern und zeitteilender Unruhe... geschweige denn vom Quarz, sie hören nur, daß da was drinnen ist - und die ganz wissensdurstigen Kinder nehmen einen Hammer, um die Uhr aufzuklopfen, mal sehen!

Und dann ist sie kaputt, die Uhr. Und dann ist sie kaputt, unsere Welt, und die Welt der Kleiber, Rehe, Falter, Käuze, Eichhörnchen, Hasen und Laufkäfer.

Das sind so Gedanken im Mairevier. Der Kuckuck hängt sich ein und ruft vom höchsten Fichtenwipfel: Kopf hoch - Kopf hoch siebenmal. Und sieben ist eine heilige Zahl!

(Walter Niedl)

"Frühling läßt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte;
süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen."

(Eduard Mörike)

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"Bürger für Baden-Baden" stellen sich zur Wahl

Einige Worte zu uns selber:

Wir sind eine eigenständige Wählervereinigung. Es gibt keine Listenverbindungen mit anderen politischen Gruppierungen bei der Wahl am 12. Juni.

Unsere Schwierigkeiten:

So wie bisher darf es nicht weitergehen!

Hier muß endlich reiner Tisch gemacht werden, damit unter Bürgerbeteiligung zu allseitigem Nutzen Neues begonnen werden kann, das der Entwicklung und Erhaltung unserer Kurstadt dient!

Basis allen Fortschritts kann nur eine aufrichtige, zielklare Politik bei Sammlung aller mitgestaltungswilligen Kräfte sein!

Im nächsten "Bürgerforum" werden wir unsere kommunalpolitischen Ziele darlegen, für die wir uns mit alter Energie und unbeirrt von Filz und Sonderinteressen einsetzen.

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Kunst ?

"Seit Kunst nicht mehr Nahrung der Besten ist, kann der Künstler sein Talent für alle Leute und Wandlungen seiner Phantasie verwenden. Alle Wege stehen einem intellektuellen Scharlatanismus offen. Das Volk findet in der Kunst weder Trost noch Erhebung. Aber die Raffinierten, die Reichen, die Nichtstuer und Effekthascher suchen in ihr Neuheit, Seltsamkeit, Originalität, Verstiegenheit und Anstößigkeit. Seit dem Kubismus ... habe ich selbst alle diese Kritiker mit den zahllosen Scherzen zufriedengestellt, die mir einfielen und die sie um so mehr bewunderten, je weniger sie ihnen verständlich waren. Ich bin heute nicht nur berühmt, sondern auch reich. Wenn ich aber allein mit mir bin, kann ich mich nicht als Künstler betrachten im großen Sinne. Große Maler waren: Giotto, Tizian, Rembrandt und Goya. Ich bin nur ein Spaßmacher, der seine Zeit verstanden hat und alles, was er konnte, herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und der Eitelkeit seiner Zeitgenossen. "

(Picasso in seiner Rede am 2. 5. 1952 in Madrid)

... Wir aber haben die Neonleuchten an der Kunsthalle, die Walfischgräte an der Post, das scheußliche Stahl-Gestell am Jesuitenplatz, den Brunnenschwanz, den Kongreß-Glas-Klotz, die Eisenplatten in der Allee und wer weiß, was alles noch kommt, wenn wir nicht Einhalt gebieten!

Am 12. Juni 1994 ist Wahltag!

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© Hubert Gassenschmidt 1997