Herausgeber: AG Ökologie Baden-Baden e.V., Postfach 1305, 76502
Baden-Baden
V.i.S.d.P.: Dieter Rauch
Die Moral einer Gesellschaft ...
Schützt die Wehrlosen!
Sensationelles
Naturwunder in Lichtental!
Das Theresienheim geht alle
an
Eine Heimbewohnerin schrieb uns
Auf ein Wort!
Die aktuelle
Buchbesprechung: Konrad Adam: "Die Ohnmacht der Macht"
Autofreier Sonntag in Baden-Baden
Nochmals:
Killer Nr. 1 - Das Rauchen
Briefe an die Redaktion
[ Übersicht ]
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Nach dem unbegreiflichen Willen unseres höchsten Herrn müssen wir Abschied nehmen von unserem lieben Theresienheim dessen Ende nach nur 31, vielleicht auch 32 Lenzen gekommen ist. Zu seiner Zeit war es für viele die letzte Heimat gewesen. 64 Menschen fühlten sich dort geborgen in einer Gemeinschaft bis ans Ende ihrer Tage, wie sie bis zum 18.10.1994 glaubten, dem Beginn der Chronik des angekündigten Todes. Gelegenheit zu Beileidskundgebungen wird gegeben sein am 16.3.1995 im Saal des "Goldenen Löwen" im Lichtental. Statt Blumen sind Spenden auf das Konto "Pro Theresienheim" Nr. 280 240 818 bei der Volksbank Baden-Baden willkommen. |
Nanu, hat sich hier die Redaktion geirrt? Todesanzeigen gehören doch auf die letzte Seite !
NEIN!
Der von der Stadt beschlossene Tod des Theresienheimes in Lichtental bedrückt uns so sehr, daß wir ihn vor allem anderen behandeln müssen. 64 im Durchschnitt 87 Jahre alte Menschen sind zum Exodus verurteilt. Verurteilt ohne Anhörung. Beim Gericht unmöglich! Demokratie?
Das Heim wird aufgelöst. Das Lösungsmittel wird schließlich die Abrißbirne sein. Der Baugrund, auf dem statt dessen eine betreute Wohnanlage entstehen soll, ist durch die Zerstörung von Millionenwerten zu teuer. Er ist getränkt mit vielen Tränen.
Und dies ist für uns unannehmbar!
Totgesagte leben länger! Bitte lesen Sie weiter
Vorrangige Pflicht ist es, wehrlose Menschen vor übermächtiger bürokratischer Gewalt zu schützen. Ich spreche von den kranken, pflegebedürftigen Bewohnern des Theresienheimes. Ihnen droht die zwangsweise Umsiedlung zumeist ins Pflegeheim Schafberg.
Was bedeutet das für die Betroffenen? Im Theresienheim, in dem sie sich rundum wohlfühlen, leben sie im Unterschied zum Schafberg ausnahmslos in eigenen Zimmern. Dort wohnen sie in ihren liebgewordenen Möbeln, schauen auf ihre eigenen Bilder und haben vielerlei private Erinnerungen um sich. Viele der Insassen sind dort nach wie vor im eigenen Wohnbezirk.
Somit können sie enge Verbindungen nicht nur zu ihren Familienangehörigen, sondern auch zu ehemaligen Nachbarn und Bekannten aufrecht erhalten. Sie nehmen teil am Leben ihres Umfeldes. So bleibt man trotz Heimaufenthaltes dem allgemeinen Leben auf vielfältige Weise verbunden. Zwar weist das Theresienheim nicht den neuesten Stand der Technik auf, doch ist seinen Bewohnern neben der guten Pflege das Bewahren weitgehender Selbständigkeit und der Geborgenheit im je eigenen Bereich wichtiger als alles andere.
Und nun sollen sie aus dem Reich der Geborgenheit jäh in das abseits gelegene Pflegeheim Schafberg umgesetzt werden. Dort erwartet sie steriles Krankenhausmilieu mit der üblichen kalten Standardeinrichtung, die kaum Privates zuläßt: Da gibt es die eigene Kommode nicht, auf der das selbstgehäkelte Deckchen liegt und die Fotos von Kindern und Enkeln stehen. Wo soll man die Fotoalben unterbringen, die vielen kleinen Erinnerungen, die einem die glücklichen Jahre der Vergangenheit immer aufs neue lebendig werden lassen? Da gibt es den eigenen Schrank nicht, in dem man viele lieb gewordene Sachen aufbewahrt, z.B. das gute Kleid, das man sonn- und feiertags anzieht, die Dinge, die man braucht, um selber jemand zu sein, um nicht in der Monotonie des Alltäglich-Nivellierenden zu versinken.
Vieles verschwindet, was dem Menschen noch ein gewisses Selbstsein in Würde und Individualität gestattet. Ja auf dem Schafberg, weit draußen, oberhalb der Stadt kann selbst die beste Pflege nicht gut machen, was ein Pflegebedürftiger braucht wie die Luft zum Atmen: die überkommenen intensiven zwischenmenschlichen Bindungen. Denn die ansteigenden weiten Wege sind für die guten Bekannten ähnlichen Alters zu beschwerlich. Und zum Schafberg fährt kein Bus.
Schauten im Theresienheim Kinder, Enkel, Bekannte auch außerhalb üblicher Besuche schnell einmal herein, etwa um etwas vom Einkauf mitzubringen oder um nur guten Tag zu sagen, so fallen diese wichtigen kleinen Alltagsfreuden künftig aus. Es bleibt dann bei diesem oder jenem Besuch der Kinder am Ende einer langen einsamen Woche.
So beraubt des Eigensinns, der vielfältigen zwischenmenschlichen Kontakte, tritt das ein, was im wissenschaftlichen Sprachgebrauch , mit "Hospitalismus" umschrieben ist, nämlich das seelische "Verhungern" eines Menschen, der seiner Eigenständigkeit und wichtigen mitmenschlichen Bindungen weitgehend beraubt ist. Und dieser Hospitalismus gebiert aus seelischer Not Einsamkeit, Angst, körperliches Siechtum bis zum früheren Tode hin.
Ergreifend sind Zettel an den Türen des Theresienheimes, mit draußen ungehörten Notschreien: "Wir wollen hier nicht raus!" oder "Ich will hier sterben!"
Kämpfen wir für diese Wehrlosen, Verängstigten, die sich selber nicht helfen können. Sie dürfen nicht für die Fehlplanungen und Millionenverschwendungen der Stadtverwaltung büßen. Wir appellieren an alle, die sich als sozial, christlich, human verstehen, helft mit, daß diese wehrlosen Menschen ihren letzten Lebensabschnitt ohne Angst und in Würde in ihrer letzten vertrauten Umgebung vollenden dürfen.
(Prof. Dr. H. Gräbenitz)
Ein Kristall, Salz, Zucker oder was auch immer - in Wasser aufgelöst, ist kein Kristall mehr. Er verschwindet als Kristall. Löst man das Theresienheim auf - welch ein Wunder! - es ist immer noch da!
Offenbar handelt es sich beim Theresienheim um einen Edelstein, gar einen Diamanten, der sich überhaupt nicht auflösen läßt.
"Ganz gewiß", schmunzelt Eulenspiegel.
"Das THERESIENHEIM entspricht nicht den Mindestanforderungen an eine Pflegeeinrichtung", sagt die Verwaltung. Dennoch sind die Bewohner dort ebenso glücklich wie diejenigen in den komfortabelsten Häusern. Wie hätte sonst Frau L.F., 1988 in diesem Haus gestorben, dem Heimleiter ein Testament mit dem stattlichen Betrag von 350.000 DM übergeben "für das Theresienheim". Dieses Erbe sollte jetzt in das Haus investiert werden. Mit diesem Betrag ließen sich das Leben der Bewohner verbessern und die Arbeit des Personals erleichtern. Und genau dies wollte die Erblasserin!
Oho, stutzt hier der sprachempfindliche Bürger. Wir hatten heuer "peanuts" als UN-Wort des Jahres. In Baden-Baden haben wir das "Nicht-Wort" "Abriß". Man staunt, mit welcher Sprachakrobatik sich die Verwaltung abquält, um ja nicht dieses Wort aussprechen zu müssen. Von Auflösung ist die Rede, von Umwandlung und Umbau spricht man, wo doch längst sonnenklar ist, daß die Verwaltung den Abriß will, um Altenwohnungen bauen zu können. Ganz sicher aber steht am Ende der Planung eine Anlage, die in erster Linie dem Wohnen dient, und kein Heim. Vermutlich wird darin auch nicht mehr der Geist der Hlg. Theresa walten. Spürt man nicht eher den Geist von Merkur, dem Gott des Handels, Gelderwerbs (...) des Stehlens, Raubens und Betrügens? Warum klammert man sich so hartnäckig an den Namen "Theresienheim"? "Theresienheim" weg - wohin mit dem Erbe? Selbstverständlich können hier nur ganz Böswillige Etikettenschwindel und Betrug wittern! Oh, arme Frau L.F., es ist zu befürchten, Sie werden sich im Grabe umdrehen! Es sei denn, Ihr Nachlaß wird wirklich in IHREM Theresienheim investiert !
"Bürgernähe ist das Sichhineinversetzen in den Bürger, wenn er ein Anliegen hat, das für ihn von großer Bedeutung ist. Dieses Anliegen aufzugreifen, einer sinnvollen Lösung zuzuführen, bei der der Bürger das Gefühl hat, er wird ernstgenommen. Das ist es, was ich unter Bürgernähe verstehe."
Recht hat er, unser Bürgermeister Zwosta, vor kurzem im BT. Sein Nachfolger Liebenstein denkt hierüber offenbar ganz anders. Seitdem Liebenstein das Dezernat "Soziales" übernommen hat, ist die Heimleitung Theresienheim nicht mehr an der Planung beteiligt. Zwar wurde das Personal am 21. Juni 1994 informiert, danach vorgebrachte Alternativvorschläge und Bedenken gegen den Auszug der alten Bewohner aber nicht berücksichtigt, die Meinung eines erfahrenen Arztes, bzw. Pfarrers, war nicht gefragt. Von denjenigen, die im Sozial- oder Hauptausschuß für die Auflösung des Heimes stimmten, hat keiner ein Gespräch mit den Betroffenen geführt über den unwiderruflichen Auszug aus dem Heim. Verständlich daher der Aufruhr und der Schrecken der überraschten Verwaltung am 27. Oktober, so daß der Punkt "Theresienheim" gestrichen werden mußte. Welche Blamage für die Verwaltung! Bürgernähe statt Schreibtischplanung hätten diese verhütet. Planung ohne Beteiligung der Betroffenen widerspricht dem Prinzip der Demokratie. Demokratie braucht Öffentlichkeit.
Liebenstein zeigte sich verärgert, daß zu einer Informationsveranstaltung mehr als nur die handverlesenen eingeladenen Gäste erschienen waren und irritiert durch die Anwesenheit der Presse, anstatt sich zu freuen über das Interesse der Bevölkerung. Denn das Theresienheim geht alle an.
(Dr. Herbert Petri)
"Eulenspiegel, warum hängst Du denn das Schild 'Theresienheim' an Deinem alten Gartenhaus auf?"
"Hier wird meine alte Schwiegermutter untergebracht, die alte Therese. Ich warte nur noch, bis die Abrißbirne an der Geroldsauer Straße fertig ist. Dann gehe ich auf's Rathaus und hol' meine 400.000 DM. Denn dann können die ja nichts mehr mit dem geerbten Geld machen. Aber ich!"
Ich bin Bewohnerin hier im Hause (gemeint ist das Theresienheim, d.R.) und fühle mich trotz meines Leidens sehr gut aufgehoben und aufs Beste verpflegt. Ich habe mich darauf verlassen, daß ich meinen Lebensabend hier verbringen könnte. Die Schwestern und Pfleger sind sehr hilfsbereit und freundlich und wenn irgendmöglich wird jeder Wunsch erfüllt. Jede ärztliche Verordnung wird stets auf das sorgfältigste gemacht.
Das Essen ist sehr gut und abwechslungsreich zubereitet. Sehr viele Bewohner essen im gemeinsamen Saal, was immer für Unterhaltung und sich näher kennenlernen gut ist. Der Gang zur Toilette ist für mich stets ein Anreiz zur Bewegung und auch wieder eine Begegnung auf dem Flur mit Bewohnern. So ist immer für Abwechslung gesorgt.
Sollte ich gezwungen werden, nach Steinbach oder gar auf den weitab gelegenen Schafberg zu gehen, wäre ich sehr traurig, denn mir ist bekannt, daß ich da meine Möbel, besonders mein Bett, nicht mitnehmen könnte und das ist ein jahrzehntelanges heimeliges Gefühl. Was mich besonders treffen würde ist, daß der Kontakt zu meinem Bekanntenkreis wegfallen würde, da alle in meinem Alter sind und es mit ein Grund war, das Theresienheim zu wählen, da es ja sehr zentral gelegen ist.
(Lenchen R.)
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, einmal im Jahr kommen die jugendlichen Sammler der Deutschen Umwelthilfe zu Ihnen und bitten sie um eine Spende für den Naturschutz. Im vergangenen Jahr spendeten Sie über 12.000 DM. Je Einwohner ist dies eine Spende von 24 Pfennig. Wie in den Vorjahren war das das beste Ergebnis in Baden-Württemberg. Wir danken allen Spendern.
Bedenken Sie bitte, wie gering der Beitrag im Vergleich zu der fortschreitenden Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen ist. Tag für Tag berichten Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen darüber. Seien Sie deshalb bitte großzügig. Wenn sie täglich 10 Pfennig für den Schutz der Natur geben, ergibt das einen Jahresbetrag von 36,50 DM. Wir wissen, daß wir nicht allein sammeln. Wir wissen aber auch, daß wir alle ein Teil der Natur sind. Wenn wie sie schützen, schützen wir uns selbst. Sollte uns diese nicht ein "Opfer" wert sein? Oder ist es gar kein Opfer, sondern eine Notwendigkeit in unserem Interesse?
Überweisungen erbitten wir auf das Sonderkonto "Artenschutz" Nr. 280.240.818 bei der Volksbank Baden-Baden. Vermerken Sie bitte für "Sammlung der Deutschen Umwelthilfe e.V." Geben Sie bitte auch an, ob sie eine Spendenbescheinigung benötigen. Sie wird Ihnen vom Landesverband der "Deutschen Umwelthilfe" zugehen.
Unsere Sammler werden vom 17. bis 25. März zu ihnen kommen. Sie setzen sich für eine gute Sache ein und haben Ihren freundlichen Empfang verdient.
Arbeitsgemeinschaft Ökologie e.V., Baden-Baden
Bund
Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), Ortsgruppe Baden-Baden
Schwarzwaldverein,
Ortsgruppe Baden-Baden e.V.
Tierschutz Baden-Baden e.V.
Die Vehemenz der Kritik, die der FAZ-Redakteur in seinem vor kurzem erschienenen Buch "Die Ohnmacht der Macht" an der derzeitigen Verfassung des politischen Systems in Deutschland übt, sucht ihresgleichen. Adams Analysen drehen sich zwar auch um die schon öfter kritisierte "Parteienherrschaft" in diesem Land, dringen aber weiter, verweisen auf gravierende gesamtgesellschaftliche Fehlentwicklungen, zeigen deren Ursachen und Konsequenzen auf, bringen das auf den Punkt, was viele Berufspolitiker und deren öffentlich-rechtliche Hofberichterstatter hinter einer Nebelwand aus Phrasen verschwinden lassen möchten.
Die Schwerpunkte von Konrad Adams Analysen drehen sich primär um die Fehlentwicklungen in der Sozial-, Innen- und Umweltpolitik, zeigen den immer weiter wachsenden Einfluß von Interessenverbänden, die wuchernde Bürokratie, drehen sich aber auch um Fragen, die die EU und die Außenpolitik betreffen. Dies alles trügt Adam in einer leicht verständlichen Sprache vor, die die Stärke des Buches ist.
Ausgangspunkt ist der Vereinigungsprozeß Deutschlands seit 1989. Adam stellt die Frage, ob es förderlich für die Bundesrepublik war, daß ihr vierzig Jahre "jede ernsthafte Belastungsprobe" erspart geblieben ist. Dies war nicht hilfreich, "denn es hat die Deutschen daran gewöhnt, ihr Heil in einer Politik zu suchen, die schon an das Ziel zu kommen glaubt, wenn sie die Richtung hält und auf alten Wegen einfach weiterläuft."
Dies führt Adam unmittelbar zum bundesrepublikanischen "Überstaat", der immer mehr Staatsaufgaben an sich gezogen habe. Aber: Unsere Sozialadministration wird "zusehends unfähig, das zu erreichen, was sie den Menschen verspricht." Obwohl die Sozialleistungen von einer Rekordmarke zur anderen treiben, "nehmen die Zeichen der Verwahrlosung und nicht nur relativ definierter Armut zu." Adam stellt fest, daß sich ein Staat, der "seinen Einfluß immer weiter ausdehne", verletzbar mache. Weitet er seine Ansprüche auf Gebiete aus, für die er keine Ordnungsmacht besitze, "begibt er sich in eine prekäre Lage". Adam verweist an dieser Stelle auf den französischen Staatsdenker Charles de Tocqueville, der bereits zu der Überzeugung kam, daß ein "Recht ohne die Möglichkeit, sich Gehorsam zu verschaffen, nicht stärker macht, sondern schwächer, weil es Ansprüche erzeugt, die sich nicht durchsetzen lassen".
So hat der Gesetzgeber den Bürger zwar über Jahrzehnte ermuntert, seine Ansprüche geltend zu machen, die brüchige Basis des deutschen Sozialstaates aber augenscheinlich aus seinen Überlegungen verbannt. Man sollte meinen, daß dies zu Konsequenzen führen müßte. Tatsächlich aber belastet der Staat die Zukunft, "um der Gegenwart gefällig sein zu können". Eine Regierung will wiedergewählt werden und handelt daher aus einem "Augenblicksinteresse" heraus. Der Staat muß sich aufgrund seiner Allgegenwärtigkeit auch dort zurückzuziehen, wo sein angestammtes Terrain sein sollte: Aus dem Zentrum der Macht. Als Beispiele führt Adam die "Bündnisverpflichtungen" Deutschlands an, die nicht mehr in Bonn, sondern in Karlsruhe entschieden werden. Die "politische Agonie" (sic!) ziehe sich durch alle Bereiche: So verdrängten private Sicherheitsdienste die Polizei. Der Verteidigungsminister könne "den Wehrpflichtigen nicht mehr erklären, warum sie dienen sollen". Unmißverständlich fällt Adams Urteil angesichts dieser Entwicklungen aus: "Der Staat versagt nicht irgendwo, sondern gerade dort, wo es am wenigsten zu tolerieren ist."
Das "soziale Netz" bzw. der "Wohlfahrtsstaat" bilden einen weiteren Schwerpunkt. Hier dreht sich Adams Kritik um die Rentenversicherung, bzw. um den Grundsatz, von den "Jüngeren zu nehmen", was der Staat "zur Versorgung der Älteren" brauche. Nun aber ist seit geraumer Zeit offensichtlich, daß das Verhältnis von Gebenden und Nehmenden immer mehr ins Ungleichgewicht gerät. Auch hier habe der moderne Sozialstaat seine Finger im Spiel, ist doch das "wichtigste Angebot, das die moderne Sozialversicherung den Bürgern macht, die Möglichkeit, den lästigen Aufwand für die Kinder zu sparen, ohne die Aussicht auf einen standesgemäßen Lebensabend zu verlieren". So liegt die Rente der heutigen Doppelverdiener um das Zehn- bis Zwanzigfache über dem, was eine Mutter zu erwarten hat.
Adams Diagnosen gelten allen Bereichen staatlichen Handelns. Wo er auch ansetzt, fördert er gravierende Fehlentwicklungen zur Tage. Ob es nun das Wuchern der Bürokratie ist, die die "Gesetzgebung längst von der Verwaltung abhängig gemacht hat", oder die "Gesellschaftspolitik, die im wesentlichen Gleichheitspolitik geworden" sei, oder die Dominanz der Wirtschaft über die Politik, oder "die veruntreute Zukunft", deren Generationen das heutige Anspruchsdenken ausbaden müssen.
Adams Buch beeindruckt, weil er es versteht, mit wenigen Sätzen Sachlage und Fehlentwicklungen zu benennen. Herausgekommen ist eine zutiefst beunruhigende Bestandsaufnahme über den Zustand des Gemeinwesens Bundesrepublik Deutschland. Auch wenn dem Buch Adams zu wünschen ist, das es eine umfassende Diskussion auslöst, bleibt die Skepsis, ob es etwas bewirken wird. Zu sehr scheint die politische Klasse in einer Selbstbezogenheit befangen, die gegen jegliche Reformansätze zu immunisieren scheint. Das stimmt skeptisch für die weitere Entwicklung des Gemeinwesen Bundesrepublik Deutschland. Wie lautet doch der Untertitel von Adams Buch? "Wie man den Staat ausbeutet, betrügt und verspielt"...
(Michael Wiesberg)
Konrad Adam, Die Ohnmacht der Macht. Wie man den Staat ausbeutet, betrügt und verspielt, Siedler-Verlag, Berlin 1994, 207 S., geh., 38 DM.
Erinnern Sie sich, wie das vor zwanzig Jahren war? Vier autofreie Sonntage ohne Autolärm, freie Bahn für Radfahrer, spielende Kinder in leeren Straßen. Trotz unfreundlichen Herbstwetters haben wir es alle genossen. Einen Tag lang war die Blechlawine in die Garagen und auf die Parkplätze verbannt. Damals war das Zwang, ausgelöst durch die Ölkrise. Was hindert uns, das an einem Frühlings- oder Sommertag aus freiem Willen zu wiederholen? Nicht nur zum Nutzen der Natur, sondern auch zu unserem eigenen, zur gemeinsamen Erholung und Freude, so wie es an vielen Orten schon seit Jahren geschieht. Seit neun Jahren wird die "Deutsche Weinstraße" in der Pfalz auf einer Länge von 60 Kilometern für Kraftfahrzeuge an einem Sonntag gesperrt. Der Erfolg übertrifft alle Erwartungen. Über Hunderttausend holten ihr Fahrrad aus dem Keller, in vielen Winzerdörfern bildeten sich Fahrradstaus. Der Absatz an Weinschorle und Pfälzer Saumagen stieg auf Rekordhöhen.
Im Sommer 1993 genossen 400.000 Radler und Fußgänger Freiheit vom Auto. Seit 1992 wurden die Bundesstraßen im Mittelrheintal zwischen Bingen und Koblenz auf beiden Seiten des Rheines entlang der Loreley gesperrt. Auch hier war die Zustimmung überwältigend. Nie zuvor im Zeitalter der Motorisierung war es möglich gewesen, diese wunderschöne deutsche Landschaft an einem Sommersonntag in Ruhe zu erleben, obwohl Hunderttausende unterwegs waren. Auch im Moseltal gibt es auf einer Länge von über 100 Kilometern einen autofreien Sonntag. Am Bodensee wird der 11. Juni 1995 voraussichtlich der erste autofreie Erlebnissonntag sein.
Was überall möglich . ist, wäre auch für den Kurort Baden-Baden ein Segen. Die "Grüne Bürgervereinigung" hat dies schon im vergangenen Jahr dem Oberbürgermeister vorgeschlagen. Er begründete seine Absage mit der vom Regierungspräsidium behaupteten fehlenden Rechtsgrundlage. Was aber rechtens in der Pfalz, an Rhein und Mosel und in vielen anderen Orten Deutschlands möglich ist, kann in Baden-Baden nicht verboten sein. Im Sommer 1993 sprachen sich der Vorsitzende des Umweltausschusses des Bundestages, Wolfgang von Geldern und die Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion in der "Kommission Schutz der Erdatmosphäre", Monika Ganseforth, für autofreie Sonntage aus. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
(Dieter Rauch)
Sonst sieht es an einem "normalen Sonntag" so aus:
Luftverschmutzung durch KFZ-Verkehr:**
274 Tonnen Schwefeldioxid
956
Tonnen Stickoxide
21.585 Tonnen Kohlendioxid
2.213 Tonnen
Kohlenwasserstoffe
69 Tonnen Staub
Lärmbelastung:
Motorfahrzeuge sind die größten
Krachmacher: mehr als 30% der Bevölkerung fühlt sich durch Straßenverkehrslärm
belästigt.
Verkehrsunfälle:*
1.090 Unfälle mit Personenschäden
52
Verkehrstote !
568 Schwerverletzte
1.076 Leichtverletzte
835 Sachschäden
über 1.000 DM
Motor-Benzinverbrauch:**
68.333 Tonnen = 90 Millionen Liter
* Sonntag, den 10.6.1979 lt. Stat. Bundesamt
** Durchschnittswerte pro
Tag lt. Umweltbundesamt und ESSO
In der letzten Ausgabe des "Bürgerforums" berichteten wir über eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien der Weltgesundheitsorganisation, nach der das Rauchen die größte Einzelursache für den vorzeitigen Tod von ca. 3-5 Millionen Menschen jährlich ist. In Deutschland sind es jährlich 150.000 Tote, mehr als durch Alkohol, harte Drogen und Autoverkehr zusammen.
Dieser Befund wurde auf der 9. Weltkonferenz "Tabak und Gesundheit" in Paris bestätigt. Ein Drittel aller Todesfälle bei Männern im Alter von 35-69 Jahren ist eine Folge des Rauchens. Fast die Hälfte aller Krebstoten dieser Altersstufen sind Raucher. Im Durchschnitt verlieren die Raucher durch den vorzeitigen Tod mehr als 20 Lebensjahre. Diese erschreckenden Zahlen stehen im krassen Widerspruch zu der Untätigkeit der Bundesregierung, wirksame Maßnahmen gegen die Verführung zum Rauchen zu ergreifen. Es sei ein internationaler Skandal, so der Präsident der Weltkonferenz, Professor Tubiana, in einem Schreiben an Bundeskanzler Kohl, daß die Bundesregierung eine Zurückdrängung der Tabakwerbung in Europa verhindert.
Mit ihrer Weigerung, Jugendliche vor den Einflüsterungen der Zigarettenproduzenten besser zu schützen und das Recht der Bürger auf rauchfreie Luft abzusichern, degradierten die politisch Verantwortlichen die Bundesrepublik auf die Stufe eines Entwicklungslandes. Dies war die bittere Schlußfolgerung, die die Mitglieder des ärztlichen Arbeitskreises Rauchen und Gesundheit aus dem Vergleich der gesundheitspolitischen Maßnahmen in Deutschland und seinen Nachbarländern zogen. Sie appellieren dringend an die politisch Verantwortlichen, die Gesundheitsschäden durch den Tabakkonsum ernst zu nehmen und fordern, die gesetzliche Grundlage für eine Einschränkung der Tabakwerbung und einen umfassenden Nichtraucherschutz zu schaffen.
(Rolf Gassmann, Oberstleutnant a.D.)
Sehr geehrter Herr Rauch!
Bei unserem letzten Telefongespräch kamen wir auf das Thema "Anti-Raucher-Kampagne". Sie wollen dieses Problem in Ihrem "Bürgerforum" aufgreifen. Es ist einfach so, daß ohne Hämmern in den Köpfen keine Bewußtseinsänderung zu bewerkstelligen ist.
Da ich gerade aus Bad Reichenhall komme, einem Spezialbad bei Atemwegserkrankungen, möchte ich meine aktuellen dortigen Erfahrungen schildern: Die Stadt- und Kurverwaltung von Reichenhall hat sich massiv das Problem "Rauchen" zum Anliegen gemacht. Im gesamten Kurbereich ist absolutes Rauchverbot, sämtliche Parkbänke haben an der obersten Sprosse der Rückenlehne ein Metalletikett mit der Aufschrift "Nichtraucher" angeschraubt! An den Eingangstüren des Kurhauses kleben Etiketten mit der bildlichen Darstellung einer Zigarette, die durchkreuzt ist. Am Eingang zum Kurpark sind die Glaspavillons (auch bei uns stehen sie noch im Kollonadeneingang) ebenfalls mit diesen Etiketten versehen. Also im Klartext: Das Rauchen in Bad Reichenhall ist im kurörtlichen Bereich verboten, man schafft es, das Rauchen zu thematisieren, bis das schlechte Gewissen vielleicht eine Wende herbeiführt.
In meinem Kurheim "Michael" herrschte absolutes Rauchverbot, was ich bereits vor Antritt der Kur schriftlich mitgeteilt bekam. Für mich war es eine Wohltat, mich für fünf Wochen im rauchfreien Umfeld bewegen zu können.
(Margret Rheker, Naturheilpraktikerin)
"Je mehr der Mensch der Natur und ihren Gesetzen treu bleibt, desto länger lebt er, je weiter er sich davon entfernt, desto kürzer."
(Chr. Wilh. Hufeland)
© Hubert Gassenschmidt 1997