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Schuhtechnische Versorgung bei Kindern und JugendlichenOSM Hubert Gassenschmidt, Baden-Baden Orthopädieschuhtechnische Versorgungen bei Kindern - das ist ein Aufgabengebiet, welches über die reine handwerkliche Seite hinausgeht. Generell von Bedeutung ist und das wurde auch bei den nachfolgenden Versorgungsbeispielen beachtet -, daß die Versorgung der Kinder möglichst schnell und in einer ansprechenden Weise erfolgen muß. Denn sonst könnte die Entwicklung der Kinder sowohl in physischer als auch in psychischer Hinsicht beeinträchtigt werden. 1. Versorgung: Kaserbach-Meritt-SyndromAuf den ersten Blick ist diesem kleinen Patienten (Abb. 1), heute 2 1/2 Jahre alt, keine Behinderung beziehungsweise das Tragen von orthopädischem Schuhwerk anzusehen. Der Junge leidet an dem sogenannten Kaserbach-Meritt-Syndrom mit multiplen, leicht blutenden Hämangiomen. Diese Hämangiome sind am ganzen Körper zu finden, u. a. auch an beiden Füßen (Abb. 2). Aufgrund dieser sehr blutungsgefährdeten erkrankten Hautabschnitte, welche weitestgehend entlastet werden müssen, und, um somit ein vernünftiges Gehen ermöglichen zu können, ist es notwendig, ein Paar orthopädische Schuhe anzufertigen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat dieser kleine Junge lediglich ganz weich gepolsterte Filzschühchen getragen. Dabei war das Gangbild des kleinen Patienten durch die auch an der Fußsohle bestehenden Hämangiome allerdings sehr stark beeinträchtigt. Eine sehr deutliche Adduktionstendenz des linken Vorfußes im Sinne einer Sichelfußdeformität war zu erkennen.
Zur Herstellung der orthopädischen Schuhe sei bemerkt, daß die Hämangiome sowohl im Schuh beziehungsweise auch im Fußbett so auszusparen sind, daß Druck und Reibung möglichst vermieden werden. Grundlegende Voraussetzung ist selbstverständlich ein Leisten nach Gipsabdruck mit entsprechenden Korrekturen dieser prominenten Stellen. Das Fußbett wird aus einem extrem leichten, weichen, dennoch rückstellfähigen Material (z. B. Lunairmed) ohne weitere Abdeckung gearbeitet, da dieses Material hautverträglich und physiologisch unbedenklich ist. Gegebenenfalls läßt es sich auch sehr gut desinfizieren. Der Schuh wird mit einer festen Sohle versehen, um entsprechend stabil zu sein. Bei der Auslieferung zeigt der Junge ein sehr gutes Gangbild, die Adduktionstendenz des linken Vorfußes ist nicht mehr zu erkennen; offensichtlich ist die Beeinträchtigung durch die schmerzhaften Hämangiome im Bereich der Fußsohle durch das entsprechend angepaßte Fußbett weitgehend gelindert. Für die Sommermonate und den häuslichen Bereich waren weitere Schuhversorgungen indiziert. Hier wurde der erfolgreiche Versuch unternommen, vorgefertigte therapeutische Kinderschuhe, wie sie von verschiedenen Schuhherstellern angeboten werden, einzusetzen (Abb. 4 u. 5). Die Schuhe wurden gemäß den orthopädischen Erfordernissen zugerichtet, mit entsprechend adaptierten Fußbettungen, ebenfalls aus Lunairmed versehen und mit leichten Korrekturen dem Fuß des kleinen Patienten angepaßt. Für die jetzt folgende kältere Jahreszeit werden Winterschuhe mit Lammfellfutter angefertigt. Hier wird dem orthopädischen Schuh der Vorzug gegeben, da der Schaft höhergezogen wird und mit diesem Schuh nach Maß eine bestmögliche Versorgung erreicht werden kann.
2. Versorgung: Einseitige Fehlbildung des FußesBei diesem im August 1987 geborenen Jungen liegt linksseitig ein Spaltfuß mit beginnendem Hackenfuß und Abduktion des Vorfußes, torquierte Großzehe und Valgusfehlstellung im Endgelenk vor (Abb. 6 - 8). Rechts normaler Befund.
Der kleine Junge wurde mit einer Hostalenunterschenkelschiene zur Korrektur der Fußfehlstellung versorgt (Abb. 9). Nach einiger Zeit war eine wesentliche Besserung der Valgusfehlstellung des linken Füßchens erzielt, und es konnte zur orthopädischen Schuhversorgung übergegangen werden. Dabei war es sogar möglich, eine Abbildung des Lieblingsautos des Kindes in die Versorgung zu integrieren (Abb. 3); man sollte solche Kleinigkeiten nicht als überflüssige Spielerei abtun. Für den Sommer wurden ebenfalls vorgefertigte Kindersandalen mit Fußbettungen und entsprechendem Innenausbau zum Ausgleich an die Fußform umgearbeitet. Dabei kam es zur individuellen Adaption der konfektionierten Schuhe an den Fuß unter vollständiger Berücksichtigung aller orthopädisch notwendiger Belange.
3. Versorgung: Spina bifidaDas nun folgende Beispiel zeigt einen heute sechs Jahre alten Buben mit Spina bifida, Menigomyelocele (MMC) mit tieflumbalem, inkompletten Lähmungsniveau, Knickfuß links und leichter Inversionstendenz rechts, wobei beide Füße jedoch ohne weiteres plantigrad einstellbar sind (Abb. 10). Um diesem Kind u. a. eine Teilnahme, am Badeleben zu ermöglichen, wurden die einzelnen, unverzichtbaren orthopädisch wirksamen Bauelemente in einem Badeschuh (Abb. 11) vereinigt. Diese Schuhe zeichnen sich durch ihre besonders leichte Ausführung und Wasserbeständigkeit aus. Sehr sorgfältige Materialauswahl, welche den Gebrauch sowohl im Bad, am Strand, als auch im Meerwasser zulassen muß, ist erforderlich. Selbstverständlich müssen die verwendeten Materialien auch physiologisch unbedenklich sein. Durch die Verwendung zeitgemäßer Kunststoffe können diese Forderungen ebenso gewährleistet werden wie die Stabilität der Einbauelemente, die Effizienz der Fußbettung, notwendige Korrekturen von Fußfehlhaltungen und Fehlbelastungen Ausgleich von Beinlängendifferenzen, Lotaufbau, Integrations- und Abrollhilfen, rutschfester Schuhboden etc. Diesem Jungen wurde ein Arthrodesen-Badestiefel nach dem Grundkonzept des OSM G. Stocker und den oben erwähnten Kriterien mit doppelter Knöchelstütze aus Kunststoff angefertigt.
Dysmelie-Spaltfuß:Abschließend soll noch ein weiteres, sehr interessantes und spezielles Aufgabengebiet der Orthopädieschuhtechnik vorgestellt werden, das nicht nur die Orthopädiehandwerker fordert: Die Versorgung von Spaltfußpatienten. Dieses Aufgabengebiet beschränkt sich nicht nur auf die Versorgung von Kindern wie bisher gesehen, sondern auch auf heranwachsende Jugendliche und junge Erwachsene. Ein sehr wichtiges Kriterium bei der Versorgung von Spaltfußpersonen ist neben der Deformität die verkleinerte Auftrittsfläche mit all ihren Fehlbelastungen.
Hier sind oft zuerst die Operateure gefragt, um die Füße so vorzubereiten, daß eine sinnvolle Schuhversorgung ermöglicht wird. Es wird immer das Bestreben sein, die Füße in einen Zustand zu bringen, der eine bestmögliche Belastungsfähigkeit erlaubt. Meist wird hierdurch auch eine kosmetisch bessere Versorgung ermöglicht.
Um Fußfehlbelastungen vorzubeugen, muß der Spaltfuß so günstig unterbaut und die Last so verteilt werden, daß eine weitgehend gleichmäßige Belastungsverteilung erreicht wird, die dem unauffälligen Fuß nahekommt.
Eine Verbesserung der Statik sowie des Gangbildes, also in der Dynamik, wird hierdurch erreicht. Stärkere Fußinnen- oder Außenrandbelastungen können durch ein gutes formstabiles Fußbett ausgeglichen werden. Glücklicherweise gibt es heute ein verstärktes Angebot mittelfester bis fester Materialien mit sehr hohen Rückstellkräften. Diese sind für solche Versorgungen besonders geeignet. Es wird korrigierend eingegriffen, der Fuß braucht aber nicht gänzlich zur Passivität verurteilt zu werden. Der Ausgleich der Fußfehlform durch die Fußbettung kommt nicht nur gelegentlich und isoliert mit Konfektionsschuhen zur Anwendung, sondern auch integriert bei der orthopädischen Schuh- bzw. Innenschuhversorgung.
Wie bereits erwähnt, muß durch die Fußbettung eine weitgehend gleichmäßige Belastungsverteilung und eine funktionelle Wirksamkeit erreicht werden. Soll oder kann (beim Konfektionsschuh) nur mit einer Fußbettung versorgt werden, wird oft noch eine zusätzliche Schuhzurichtung im Sinne einer Abrollhilfe notwendig.
Bei dieser Versorgungsart müssen bestimmte Anforderungen an den Schuh erfüllt sein. Der Konfektionsschuh muß eine genügende Stabilität aufweisen, d. h.: Die Hinterkappe muß stark genug sein, um dem Fuß genügend Halt geben zu können. Der Innenraum muß so gestaltet sein, daß das orthopädische Fußbett eingepaßt werden kann und noch genügend Raum zur Verfügung steht.
4. Fallbeispiel: VorfußdysplasieBei dieser 22 Jahre alten Patientin lieg eine Vorfußdysplasie beidseits mit Deformität von je zwei angelegten Zehen vor (Abb. 19 u. 20). Auf der rechten Seite ist die äußere Zehe um 90 Grad nach medial abgewinkelt. Die Belastung erfolgt überwiegend über den Fußaußenrand bei einer leichten Supinationshaltung, wobei jedoch eine aktiv gute Pronierbarkeit des Fußstumpfes gegeben ist. Auf der linken Seite ist die Großzehe im IP-Gelenk um ca. 70 Grad nach lateral abgewinkelt. Der Fuß steht in Mittelstellung mit leichter Valgusneigung. Es besteht ein Beckenschiefstand rechts von 1,5 Zentimeter, der jedoch nicht ausgeglichen werden kann.
Versorgung:
Mittels Gipsabguß wird ein korrigiertes Arbeitspositiv erstellt; anschließend eine pflanzlich gegerbte Lederdecke aufgewalkt. Um eine bessere Trageeigenschaft zu gewährleisten, wird eine Lage Lunairflex (ein mittelfestes Material mit hohen Rückstellkräften) aufgebracht. Dies Material bleibt in unterschiedlicher Stärke stehen. Es muß so gearbeitet sein, daß bei fertiger Fußbettung in Verbindung mit dem Schuh eine gleichmäßige Belastung der gesamten Fußsohle erfolgt. Im darauf folgenden Arbeitsgang wird eine Verstärkungsschicht zur Stabilisierung der gesamten Fußbettung aufgebracht. Der weitere Aufbau erfolgt mit Tepefom. Der Vorfußersatz rechts wird elastisch gearbeitet, das heißt, es kommen Materialien von unterschiedlicher Shore-Härte zum Einsatz.
Daß das Fußbett exakt in die Konfektionsschuhe eingepaßt wird, versteht sich von selbst.
Diese Versorgung ist zufriedenstellend (der Schuh bietet genügend Halt, die Hinterkappe ist stabil genug), und es zeigt sich ein gutes Gangbild der Patientin (Abb. 16 u. 17). |
Bildmaterial
Abb. 1 Auf den ersten Blick ist das orthopädische Schuhwerk nicht zu erkennen. Abb. 2 Die leicht blutenden Hämangiome machen eine weitgehende Druckentlastung notwendig. Abb. 3 Sogar ein Bild des Lieblingsautos verziert den Schuh. Abb. 4 Für die Versorgung im Sommer und für zu Hause eignen sich auch vorgefertigte therapeutische Kinderschuhe. Abb. 5 ![]() Abb. 6 Am linken Fuß dieses jungen Patienten war ein Spaltfuß mit weiteren Fehlformen zu versorgen. Die Bilder 6-9 rechts zeigen eine Unterschenkel-Schiene, mit der die Fußfehlstellung korrigiert wird. Abb. 7 Abb. 8 Abb. 9 ![]() Abb. 10 Für einen an Spina bifida leidenden Jungen mußte ein Badeschuh aus Kunststoff hergestellt werden. Das Material muß sowohl im Freibad als auch im Meerwasser geeignet sein. ![]() Abb. 11 ![]() Abb. 12 Beidseitige Vorfußdysplasie mit Deformität von je 2 angelegten Zehen (Abb. 12 und 13). ![]() Abb. 13 ![]() Abb. 14 Zur Versorgung sind Fußbettungen mit Strahlausgleich sowie - auf der rechten Seite - mit zusätzlicher Vorfußprothese in Kombination mit einem Konfektionsschuh erforderlich (Abb. 14 und 15). ![]() Abb. 15 ![]() Abb. 16 Der Konfektionsschuh mit dem eingearbeiteten Fußbett ermöglicht eine zufriedenstellende Versorgung und ein gutes Gangbild der Patientin. ![]() Abb. 17 ![]() Abb. 18 ...auch so kann Orthopädie-Schuhtechnik für unsere kleinen Patienten aussehen, wobei aber auch dem Alter keine Grenzen gesetzt werden brauchen (Abb. 18-20). ![]() Abb. 19 ![]() Abb. 20 Kontakt
Gassenschmidt-Orthopädie
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